Reisen heilt: Wenn die Festung von Kufstein zum Licht erwacht

Kufstein, die Perle Tirols am Inn, ist bekannt für das Kaisergebirge und die Schneerosenblüte im Frühjahr. In der geschichtsträchtigen Festung hoch über der Stadt kann man noch bis zum 28. Januar 2024 das audiovisuelle Lichtfestival «Stimme der Burg» zu abendlicher Stunde sehen und hören.

Kufstein Burg
Die Festung Kufstein erstreckt sich auf einem Dolomitfelsen in drei Terrassen. Sie ist 400 Meter lang und umfasst eine Fläche von mehr als 24.000 qm. Foto: Jutta Keller

Kufstein kannte ich bisher nur von Wanderungen, vor allem zu den Schneerosen, die im Frühjahr im Kufsteiner Land an den Hängen blühen. Anfang Januar – zur Zeit der Raunächte – war ich dort noch nie. 

Wer sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos,
denn die Sehnsucht ist schon Licht.
Bettina von Arnim, deutsche Schriftstellerin, 1785 – 1859

«Ein Städte-Trip voller Magie», titelte ein kurzer Beitrag in der Zeitung über das Lichtfestival. Da die historische Stadt nur rund 90 Kilometer südlich von München liegt und man für den kurzen Autobahnabschnitt von der deutsch-österreichischen Grenze bis nach Kufstein-Süd keine Autobahn-Vignette braucht, fuhren wir am 2. Januar spontan hin. Wir hatten die letzten zwei Karten für die Führung um 17:30 Uhr bekommen.

Nachtwächterin
Eine Nachtwächterin mit Laterne führt auf einen rund 50-minütigen Rundgang 

Mit der Panoramabahn «Kaiser Maximilian» ging es erst mal ganz bequem mit super Ausblick auf das abendlich erleuchtete Kufstein hinauf auf die Festung. Dort erwartete uns eine Nachtwächterin mit Laterne, die uns zu den sechs Stationen führte. Erstaunlich viele kleine Kinder waren mit ihren Eltern zugegen. Anfangs wuselten sie noch durch die Gegend, dann lauschten sie aufmerksam den Erzählungen und sahen sich die grossflächigen Projektionen auf den beleuchteten Mauerflächen an.

Die Sonne lehrt alle Lebewesen die Sehnsucht nach dem Licht.  Doch es ist die Nacht, die uns alle zu den Sternen erhebt.
Khalil Gibran, libanesischer Künstler und Dichter, 1883–1931

Liebesgeschichte
Friederike und ihr Offizier waren nur einen Sommer lang ein glückliches Paar.

Kurze Love Story auf der Burg

Berührt hat mich die traurige Liebesgeschichte von Friederike, einem Mädchen aus Kufstein, und ihrem Offizier. Nach seiner Versetzung grämte sie sich so sehr, dass sie 1839 von der Burg stürzte oder in den Tod sprang, Genaues weiss man nicht. Der Asche Friederikes ist ein Gedenkstein gewidmet. 

Mein persönliches Highlight war der lange, schmale Felsengang ins Innere der Festung zur geheimen Herzkammer. Auf dem «Weg der Tapferen» folgten wir der «Stimme der Burg», gesprochen von Regina Lemnitz (Synchronstimme von Whoopi Goldberg), und gingen hintereinander bis zum kraftvoll schlagenden Herzen, wo ich eine Zeitlang innehielt.

Kufstein leuchtet
„Kufstein leuchtet“ – von der Festung aus gesehen

Hier an dieser Stelle tief im Innern unter der Erde spürte ich den Herzschlag der Burg, all ihre Verwundungen und Verletzungen, aber auch ihren (Über-)Lebenswillen. Sie hat seit ihrer ersten namentlichen Erwähnung im Jahr 1205 so unglaublich viel gesehen und gehört. Menschen haben auf ihr gelebt, geliebt und gelitten. All das haben die altehrwürdigen Mauern gespeichert und geben davon in diesem einen Monat zwischen den Jahren einen Teil ihrer Erfahrungen preis.

Leise Kritik

Ein Kompliment an die Macher dieses audiovisuellen Lichtfestivals! Nur mit ihrem Ausblick ins Jahr 2024 und darüber hinaus in die Zukunft an der letzten Station der Führung gehe ich nicht konform. Da kam dann doch das menschliche Gut- bzw. Besserwissen wieder durch. Was wissen so alte Gemäuer schon von Künstlicher Intelligenz (KI), ihren Chancen und Gefahren? Was von Klimawandel und Regenbogenparade? Und was von der Allmacht der Wissenschaft, wenn es um die Ausrottung von Viren durch «Wundermittel» und die Heilung von Krankheiten geht? 

Da haben die Schöpfer des Lichtfestivals eine Festung für ihre (politischen) Zwecke instrumentalisiert und die «Stimme der Burg» mehr als nötig sagen lassen. Für eine gute und sichere Zukunft braucht es aber auch eine Aufarbeitung der letzten drei Jahre – 2020 bis 2023 – und nicht nur eine Beschönigung oder gar Vertuschung.

Fazit: Lasst doch bitte eine Burg eine Burg sein und eine Festung eine Festung! Sie wird auch alles andere überdauern und überleben.

Geschichtliches:

Über 800 Jahre alt sind die Gemäuer der einst wehrhaften Festung, die nie als Residenz eines Fürsten geplant war, sondern als Bollwerk zum Schutz diente. In ihrer wechselvollen Geschichte ging es immer wieder um territoriale Auseinandersetzungen zwischen den Habsburgern, den Bayern und den Tirolern. Kaiser Maximilian I. war Habsburger Herrscher und konnte die Wehranlage 1504 von den Bayern zurück erobern. Im Juni 1703 drangen die Bayern überfallartig in die Burg ein, deshalb heisst dieser Bereich auch heute noch «Bayereinfall». Burg und Stadt waren wieder bei Bayern. Schon im folgenden Jahr wurden Burg und Stadt allerdings wieder an die Habsburger gegeben. 

100 Jahre später gelangte die Festung wieder zu Bayern, welches als Verbündeter Napoleons im Friedensvertrag von Pressburg Tirol erhalten hatte. Im Jahr 1814, nach einem Wechsel der Bayern in die Allianz der Napoleon-Gegner wurde Tirol endgültig habsburgisch. Erst im 19. Jahrhundert verlor die Festung ihre militärische Bedeutung. Seit 1924 ist sie im Besitz der Stadt Kufstein. Heute steht die Burg Besuchern offen, die das Museum, Konzerte und andere Events besuchen. So wie das Lichtfestival, das dieses Jahr zum dritten Mal stattfindet.

Über 100 Jahre lang war der Kaiserturm auf der Festung das Staatsgefängnis der Habsburger Monarchie für Adlige, Revolutionäre und Freiheitskämpfer. Auch davon «spricht» (erzählt) die Burg mit stark ungarischem Akzent: Der «Rebell der Puszta» Sándor Rózsa, ein berühmt-berüchtigter Widerstandskämpfer gegen die Habsburger, sass hier sechs Jahre lang hinter Gittern. Nur die Frauen aus Kufstein und ein Vögelchen besuchten ihn, weil er so ein fesches Mannsbild war. 

«Der ungarische ‚Betyár‘ hatte auch in Österreich einen solchen Ruf, dass ihn die Wachen während seiner Haft sonntags wie ein Zirkustier den Leuten für Geld vorführten», schreibt die dailynewshungary.com. Seine Gefängniszelle im Kaiserturm kann man heute besichtigen. 


Lesen Sie im Zeitpunkt auch:

Nachtwandern: Graubünden by Night

Neues Portal für sanften Tourismus

Faire Ferien machen

07. Januar 2024
von: