Arbeitslust

Der Theaterschreiner Dominik Lehmann Flury zählt sich zu den Glücklichen.

«Wer einmal mit dem Theatervirus infiziert wurde, kommt so schnell nicht mehr weg», lächelt Dominik Lehmann Flury. Seit 15 Jahren sägt, hämmert, leimt und schraubt er in der Schreinerwerkstatt von «Konzert Theater Bern». Aufhören? Daran denkt er nicht. Denn Langeweile, Montagskoller, Stress mit Vorgesetzten sind ihm unbekannt.
Dominik freut sich morgens auf seinen Werkplatz in der Berner Felsenau. Dort kreiert er Vorrichtungen für fliegende Schiffscontainter und hängende Decken. Eine unbegehbare Wendeltreppe, ein japanisches Teehaus oder ein vereistes Sofa. Die Schreinerei befindet sich in den Theaterwerkstätten, wo sich Bühnenmalerinnen, Schlosser, Kascheure und Schauspielerinnen begegnen. Zwei Requisiteurinnen fahren lachend mit einem antiken Kinderwagen durch den Gang. Sie testen seine Tragfähigkeit.

Dominik wirkt jünger als 38. Der introvertierte Rotschopf bewegt sich anmutig und spricht bedacht. Seine langen Beine stecken in einem gelben und einem blauen Hosenbein. Die übliche Arbeitskluft sei zu langweilig, sagt er entschuldigend. Oberhalb seiner Werkbank prangen Miniaturen seiner Arbeiten, Fotos von Installationen, farbige Schraubenkästchen, Farbdosen, Bilder seiner Familie. Es ist hell, ruhig und riecht angenehm. Im Hintergrund läuft leise Radiomusik.
«Die Bezahlung ist nicht immens», meint er zu seinem Job. Aber seine Kreativität werde gefüttert und die Arbeit sei spannend. Der offene Umgang mit den Ideen anderer gefällt ihm. «Es ist wichtig, dass man um Ecken denken kann.» Ein Theaterschreiner müsse flexibel sein. Manche Vorgaben von Regisseuren funktionieren nicht – dann wird getüftelt. Manchmal ist die Zusammenarbeit mit Bühnenbildnern herausfordernd. Einem träumte es nachts von einem anderen Bühnenbild. Kurz vor der Premiere mussten sie nochmals ran. Dafür brauche man einen offenen Geist und Lust am Ausprobieren. Wenn es richtig mühsam wird, weiss er, dass er nur bis zur Fertigstellung des Bühnenbildes weitermachen muss – dann folgt eine neue Aufgabe.
Auch loslassen muss Dominik können: Fast alle Konstruktionen, die er und seine Kollegen erschaffen, werden nach Ende der Vorführungen entsorgt. «Das tut schon weh – aber wo will man hin damit?»
Seine staubigen Finger greifen nach einem überdimensionalen Hammer aus Schaumstoff.  Er gehört zu einem Stück mit Zirkuskulisse. Alles, was kleiner als ein halber Meter ist, gehöre ins Gebiet der Requisite oder des Kascheurs, sagt Dominik. Dieser macht Plastiken, Stuckaturen, arbeitet mit Gips, Styropor, Gummimilch. Von der Decke baumelt ein riesiger Hase. Sein Holzskelett musste zweimal angepasst werden, die Probestürze hatten dem Tier das Genick gebrochen.

Seine Faszination fürs Theater hat Dominik in der Rudolf-Steiner-Schule entdeckt. Er spielte in jeder Aufführung mit. Begleitend zur Schreinerausbildung machte er die gestalterische Berufsmatur. Er ging auf Kunstreisen nach Venedig und Frankreich, las englische, französische und deutsche Literatur.
Dass Dominik nach der Ausbildung den Job am Theater bekam, war eine Überraschung. Die Stellen sind äusserst begehrt; aber vor allem rar. In den 15 Jahren, in denen er nun fantastische Welten für Zuschauer kreiert, ist erst einer seiner fünf Kollegen gegangen. Er wurde pensioniert.
Neben der Arbeit sind es die «Persönlichkeiten» die glücklich machen. «Weil jeder seine eigenen Fähigkeiten einbringen darf, ergänzen wir einander optimal.» Hierarchien gebe es schon, aber am Ende seien sie einfach Kollegen. Als ihm angeboten wurde, den «Ersten Schreiner» zu machen, hat er dankend abgelehnt.
Mit 80 Stellenprozent, die er sich selbst einteilen kann, geniesst er die Freiheit, nebenbei weitere Interessen zu verfolgen. Davon hat er viele: Lindy Hop, Tango Argentino, der gros­se Garten, Familie, Freunde, aber auch das Theater. In Langenthal, wo er seit neun Jahren wohnt, ist er Bühnentechniker am Stadttheater. Mit dem Theater «überLand» geht er als technischer Leiter auf Tournee. Für das Theater Ittigen, wo er jahrelang im Vorstand war, macht er das Bühnenbild. Er betreibt zudem ein kleines Bühnenlager, bietet Bastel-Workshops an und ist Schauspielpatient; Studierenden der Medizin und anderen Pflegeberufen mimt er den Kranken.
Wer so viele Bühnen bespielt, muss doch erschöpft sein. Tatsächlich gebe es Momente, wo es zu viel sei und er sich entspannen müsse. Aber: «Wenn der Vorhang fällt und alle zufrieden sind, ist alles vergessen.»   
19. Mai 2016
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