Angelas Rehabilitierung

Angela ist nicht gleich Angela – und was das bedeutet...

Angela Davis
Angela Davis wurde am 26. Januar 80n Jahre alt. Foto: Wikimedia

Christliche Kirchen wurden gerne auf keltischen Kultorten errichtet. Warum das geschah, ist klar: Ein Inhalt sollte durch einen anderen ersetzt und letztlich gelöscht werden. Wir kennen Vergleichbares vom Umgang mit Kleinkindern. Manchmal sind sie ärgerlich und traurig und weinen oder schreien. Dann genügt es oft, sie «abzulenken», wie Eltern das nennen. Auch hierbei werden geistige Inhalte durch andere ersetzt, so dass der erste Inhalt vergessen wird und seine Wirkung verliert. 

Womit wir bei dem «Beruhigungsmittel Angela» sind. Mal Hand aufs Herz: Woran denken Sie, wenn von einer öffentlichen Person namens Angela die Rede ist? Ziemlich sicher nicht an die kenianische Langstreckenläuferin Angela Tanui oder an Angela Raubal, die Nichte Adolf Hitlers. Aber beinahe sicher denken Sie an eine rundliche, machtbewusste deutsche Politikerin. 

Warum ist das so? Weil in Ihrem Kopf eine historisch bedeutendere Angela durch die deutsche Ex-Kanzlerin ersetzt wurde. Das geschah nicht gezielt oder mit böser Absicht, sondern einfach dadurch, dass belanglose Wirklichkeiten solche von Belang ersetzt haben, solche, die die Banalität der westlichen Welt hätten erschüttern können.

Die Rede ist von einer amerikanischen Schriftstellerin, Philosophin, Kommunistin und Professorin namens Angela. Die Freundin von Martin Luther King wurde vom FBI auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA gesetzt. Spätestens an diesem Punkt dürfte klar sein, dass diese Angela mit der zehn Jahre jüngeren deutschen Machtpolitikerin nichts zu tun hat – nichts zu tun haben kann. 

Wer noch immer nicht ahnt, von welcher Angela die Rede ist: Es ist Angela Davis. Sie wurde am 26. Januar 80 Jahre alt. 

Angela
Berlin, 1972: Erich Honecker empfängt Angela Davis

Weltweit bekannt wurde die junge Bürgerrechtlerin durch ihre Bekanntschaft mit einem Mitglied der Black Panther Party, der im Gefängnis sass. Bei einem missglückten Befreiungsversuch von Georg Jackson 1970 wurden vier Menschen getötet. Die Waffe dafür war angeblich auf ihren Namen gekauft worden. Angela wurde daraufhin vom FBI auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA gesetzt und verhaftet. Gegen ihre Verhaftung und die drohende Todesstrafe enstand eine weltweite Protestwelle. Den Aufruf «For Angela» unterstützten Intellektuelle und Linke aus aller Welt. Zwei Jahre dauerte der Prozess. Angela wurde 1972 in allen Punkten der Anklage freigesprochen.

Heute kämpft sie vor allem gegen die Haftbedingungen der Gefängnisse in den USA und hat an vielen Beispielen die Verbindung von Rassismus und Gefängnisaufenthalt nachgewiesen.

Sie solidarisierte sich nach Kriegsausbruch im Nahen Osten mit einer Gruppe von Philosophieprofessoren und -studenten am 1. November 2023 «unmissverständlich mit dem palästinensischen Volk» und verurteilt «das anhaltende Massaker, das Israel mit voller finanzieller, materieller und ideologischer Unterstützung unserer eigenen Regierungen gegen den Gazastreifen verübt». (Quelle)

Wir tun also Recht daran, die deutsche Angela-Variante durch die amerikanische Angela zu ersetzen, die alte weisse Frau durch eine eindrucksvolle alte Schwarze amerikanische Lady, die sich immer auf die Seite der Schwachen und Unterdrückten gestellt hat, was man von ihrer deutschen Namensvetterin nicht gerade behaupten kann. Es wird Zeit, den guten Ruf des Namens Angela wiederherzustellen. Eine Dokumentation zu ihrer Person brachte Arte vor zehn Jahren. Zu sehen ist sie auf einer Arte-Dokumentation unter dem Namen: «Angela Davis - der Kampf geht weiter!»