Dr. Bahar Mehmani, geboren und aufgewachsen im Iran, verliess ihre Heimat 2004 und ging nach Amsterdam, um ihr Studium der Physik fortzusetzen. Sie promovierte an der Universität Amsterdam und liess sich dort nieder. Sie besucht regelmässig ihre Eltern und Freunde im Iran.
Zeitpunkt: Bitte erzählen Sie uns von der Seele Irans, von dem Land und seinen Menschen.
Dr. Bahar Mehmani: Die Seele Irans ist wie ein Raum, der atmet, hin und her pulst zwischen Erinnerungen an uralte Zeiten und einer Hoffnung, die nie zur Ruhe kommt. In ihr fliessen Poesie, Gastfreundschaft, Glaube, intellektueller Forschungsgeist und eine tiefe, fast stille Verbundenheit mit allem Schönen zusammen. Gleichzeitig sind da die Narben aus durchlittenem Schmerz durch Invasion, Unterdrückung, Exil und wiederholten Kämpfen um Würde. Der Iran lebt in der Spannung zwischen Tradition und Neuerfindung, öffentlicher Einschränkung und privater Freiheit, Trauer und Feier. All das drückt sich aus in den Versen von Hafez und Forough Farrokhzad, in blühenden Gärten und endlosen Wüsten, auf reich gedeckten Familientischen, in der Musik, im Humor und der unbeirrbaren Gewissheit, dass Identität und Freiheit selbst die härteste Geschichte überdauern können.
Die Weisheit des alten iranischen Erbes ist eine lebendige innere Haltung, die auf verschiedenen Ideen beruht, zum Beispiel dass Wahrheit und Unwahrheit Kräfte sind, die durch den Menschen wirken und er die Verantwortung trägt, zwischen ihnen zu wählen. Dass eine funktionierende Gesellschaft von Gerechtigkeit, weiser Führung, Fürsorge für die Natur und Respekt vor der menschlichen Würde abhängt. Im zoroastrischen Ideal von «guten Gedanken, guten Worten, guten Taten» findet diese Haltung ihre klarste Form. Spätere persische Traditionen fügten die Bedeutung von Mass, Gastfreundschaft, Bildung, Poesie und der Vergänglichkeit von Macht hinzu.
So zieht sich durch Avesta (die heilige Schrift bzw. Schriftensammlung der zoroastrischen Religion), Inschriften, Epen und ethische Schriften ein deutlicher geistiger Faden: dass Stärke ohne Gerechtigkeit zur Tyrannei verkommt, dass Reichtum ohne Grosszügigkeit hohl bleibt und dass eine Zivilisation nicht durch Herrscher entsteht, sondern sich aus Wahrhaftigkeit, gemeinschaftlicher Verantwortung und dem Bewahren von Erinnerungen bildet.
Und dann gibt es die grausame Geschichte Irans, besonders im vergangenen Jahrhundert. Können Sie einige Fakten zusammenfassen?
Wenn man auf Irans Geschichte schaut, fühlt es sich nicht wie eine Abfolge von Ereignissen an, sondern eher wie ein langer, immer wiederkehrender Versuch der Befreiung. Irans Kampf um Demokratie begann mit der Konstitutionellen Revolution von 1905–1911, die eine Verfassung und ein Parlament schuf und die willkürliche Monarchie durch verantwortliche Regierungsführung ersetzen wollte. Die Menschen wollten Mitsprache, eine Form von Gerechtigkeit, die nicht vom Willen Einzelner abhängt. Es war eine Zeit voller Hoffnung.
Doch dieser Aufbruchsgeist kollidierte immer wieder mit den immer noch wirksamen autoritären Strukturen im Inneren, aber auch mit Eingriffen von aussen, von ausländischen Mächten, die eigene Interessen verfolgten. So wurde 1953 der demokratisch gewählte Premierminister Mohammad Mossadegh durch einen Putsch gestürzt, der von britischen und US-amerikanischen Geheimdiensten geplant und durchgeführt wurde. Dieses Ereignis hat tiefe Wunden in der iranischen Volksseele hinterlassen, die bis heute nachwirken. Für viele war es ein Vertrauensbruch in die Möglichkeit, den eigenen Weg selbst zu bestimmen.
Dann kam die Revolution von 1979, in der sich unterschiedliche Gruppen im Land in dem einen Ziel vereinten, erneut Unabhängigkeit, Gerechtigkeit und politische Freiheit zu erkämpfen. Die Monarchie konnte gestürzt werden, doch im Kräftevakuum danach setzten sich religiöse Kräfte durch. Die Islamische Republik übernahm die Macht und unterdrückte alle liberalen, säkularen, linken und ethnischen Minderheitsbewegungen, vor allem die Frauenbewegung.
Seitdem sind demokratische Bestrebungen immer wieder aufgeflammt — in der Reformbewegung der 1990er Jahre, der Grünen Bewegung von 2009, durch Arbeiter- und Studierendenproteste sowie landesweite Aufstände.
Und dann kam die von Frauen angeführte Protestbewegung 2022 «Frau, Leben, Freiheit». Es war, als würde etwas, das lange unter der Oberfläche war, plötzlich klar ausgesprochen. Es ging nicht nur um Politik. Es ging um das eigene Leben. Darum, wie man lebt, wie man sich bewegt, wie man gesehen wird. Sie forderten Bürgerrechte, Geschlechtergleichheit, soziale Gerechtigkeit und das Ende autoritärer Herrschaft. Die Männer schlossen sich an und gingen Seite an Seite mit den Frauen auf die Strasse. Und vielleicht ist genau das das Verbindende über all diese Jahre hinweg: dass der Wunsch nach Würde, nach Freiheit, nach Mitbestimmung immer wieder einen Weg findet, trotz aller Gegenmacht.
Bitte vertiefen Sie die Situation der Frauenbewegung, ihre Erfolge und was danach geschah.
Die iranische Frauenbewegung ist keine neue oder auf ein einziges Thema beschränkte Kampagne, sondern ein jahrhundertelanger Kampf um Staatsbürgerschaft, Bildung, körperliche Selbstbestimmung, Familienrecht, politische Teilhabe und die Bedeutung von Demokratie selbst.
Ihre organisierte moderne Phase begann mit der Konstitutionellen Revolution (1905–1911), als Frauen Vereine gründeten, Schulen und Zeitschriften ins Leben riefen, Spenden sammelten, Boykotte unterstützten und argumentierten, dass nationaler Fortschritt die Bildung und öffentliche Beteiligung von Frauen erfordert. Obwohl Frauen von formaler politischer Bürgerschaft ausgeschlossen blieben, entstand eine dauerhafte Verbindung zwischen Frauenemanzipation und demokratischer Reform.
Während der Pahlavi-Ära erhielten Frauen besseren Zugang zu Bildung und Arbeit, studierten an Universitäten, traten in öffentliche Berufe ein, erhielten 1963 das Wahlrecht und profitierten von Reformen im Ehe-, Scheidungs-, Sorgerechts- und Polygamierecht. Allerdings wurden diese Veränderungen innerhalb eines autoritären Systems umgesetzt, in dem unabhängige Frauenorganisationen oft staatlich kontrolliert waren — ein Spannungsfeld zwischen realem Fortschritt und fehlender demokratischer Grundlage.
1979, in der Revolution, waren Frauen aus sehr unterschiedlichen Hintergründen aktiv dabei – säkular, links, nationalistisch, religiös. Viele hofften, dass nun mehr Gerechtigkeit und Freiheit kommen würden. Die Realität danach war anders: Rechte wurden zurückgenommen, bestimmte Berufe für Frauen geschlossen, und nach und nach wurde der Schleier zur Pflicht. Am 8. März 1979 gingen Tausende Frauen in Teheran auf die Strasse, um dagegen zu protestieren. Sie waren laut, sichtbar – aber bekamen wenig Rückhalt von vielen männlich dominierten Oppositionsgruppen.
Doch auch während der Repression ging die Bewegung weiter: über Gerichte, über Zeitungen und Bücher, über Universitäten, über den Alltag. Manche Feministinnen arbeiteten aus einem religiösen Bezug heraus, um zu zeigen, dass Ungleichbehandlung nicht «automatisch islamisch» ist. Andere argumentierten mit universellen Menschenrechten. Kampagnen wie «Eine Million Unterschriften» wollten nicht nur protestieren, sondern ganz konkret Gesetze ändern.
Seit den 2010er Jahren ist der verpflichtende Hijab immer stärker zu einem sichtbaren Brennpunkt geworden. Über soziale Medien, öffentliche Aktionen, das bewusste Abnehmen des Kopftuchs im öffentlichen Raum wurde Kleidung zu einem politischen Thema: Wer entscheidet über meinen Körper? Wer bestimmt, wie ich im öffentlichen Raum erscheinen darf?
Der Tod von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 markierte den Beginn einer neuen Phase. Aus der Empörung darüber entstand «Frau, Leben, Freiheit» – eine Bewegung, in der Frauenfreiheit nicht als Nebenaspekt, sondern als Kern einer umfassenden gesellschaftlichen Veränderung verstanden wird. SchülerInnen, Studierende, ArbeiterInnen, KünstlerInnen, VertreterInnen von Minderheiten, Männer und die Diaspora – viele verschiedene Gruppen schlossen sich an. Internationale Untersuchungen bestätigten, dass bei der Niederschlagung schwere Menschenrechtsverletzungen begangen wurden.
Das Besondere an dieser Bewegung ist, dass sie nicht ganz abbricht, sondern immer wieder neue Formen findet. Sie ist vielfältig, nicht auf eine Ideologie, eine Klasse oder eine Organisation festgelegt. Vielleicht liegt ihr wichtigste Erfolg im Denken: Es ist heute viel schwieriger, ernsthaft zu behaupten, man könne von Demokratie sprechen, während Frauen rechtlich und praktisch in eine zweite Reihe gestellt werden.
Wie denken Sie über den Krieg, der vor einigen Monaten begann? Wie sehen Sie das aus der Diaspora?
Für viele Iraner begann der Krieg nicht im luftleeren Raum, sondern nach Jahrzehnten unterdrückter Reformversuche. Protestbewegungen wurden immer wieder gewaltsam beendet. Am 28. Februar 2026 begannen koordinierte Angriffe der USA und Israels auf Iran. Führende Vertreter des Regimes wurden getötet. Der Iran reagierte militärisch, und der Konflikt weitete sich regional aus. Eine Waffenruhe wurde kurzzeitig erreicht, doch die Kämpfe flammten wieder auf.
Der Krieg betrifft nicht nur Staaten, sondern vor allem Zivilisten: Tote, Zerstörung, Kommunikationsausfälle. Gleichzeitig verstärkte der Staat die Repression im Inneren.
Die Sicht der Diaspora ist vielfältig: Einige sehen Hoffnung auf ein Ende der Unterdrückung. Andere lehnen jede ausländische Intervention ab und fürchten Chaos wie in Irak oder Libyen. Viele erleben widersprüchliche Gefühle: Freude über Schwächung des Regimes und Schmerz über Leid im eigenen Land. Die zentrale Tragödie liegt im Zusammenstoss zweier Realitäten: innerer Druck nach Veränderung und äussere militärische Eingriffe. Letztere können Macht verändern, aber keine funktionierende Demokratie schaffen.
Sehen Sie einen möglichen Weg in eine bessere Zukunft?
Die Zukunft Irans muss von den Iranern selbst gestaltet werden. Dafür braucht es Raum für Zivilgesellschaft, Frauenorganisationen, Medien und politische Gefangene. Die Diaspora kann helfen durch Dokumentation, Unterstützung unabhängiger Medien und Entwicklung tragfähiger Übergangsmodelle. Entscheidend sind gemeinsame Prinzipien: Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, freie Wahlen, zivile Kontrolle des Militärs.
Ein Übergang erfordert zudem Schutz vor Staatszerfall: funktionierende Institutionen, Schutz von Beamten, Aufarbeitung von Verbrechen ohne kollektive Rache. Der grundlegende Punkt ist: Militärische Intervention kann Machtverhältnisse verändern, aber keine Demokratie erschaffen. Der nachhaltigste Weg verbindet Deeskalation von aussen mit innerem, pluralistischem Wandel.