Wir alle kennen, wenn auch selten, diese besondere Wahrnehmung der Welt. Befinden wir uns darin, dann ist das für andere nicht erkennbar. Wir wirken wie sonst auch, allenfalls weniger distanziert, eher allem verwandter und näher. Es ist eine kindlich-freundliche Wahrnehmung, ein Mit-der-Welt-Sein. Dann fühlen wir uns in der Welt zu Hause und geborgen, so als zwitscherten die Vögel und blühten die Blumen und rauschten die Bäume für uns; so als seien wir gemeint. Dann begegnen wir dem Blick der Wolken, die zu uns herabschauen und nicht fremd und sinnlos dort oben herumziehen. Dann laden sie uns ein zu ihrem Wolkenrücken, auf dass wir wie Nils Holgersson in eine Ferne ziehen, die erreichbar in uns wohnt. Das fühlt sich an, als hätte sich eine Tür aufgetan, von der wir nicht einmal wussten, dass es sie gibt, eine Himmelstür, eine Erdentür.
Auch wenn wir so einen Zustand kennen – ist das keine Spintisiererei? Die Fakten, die sind doch nicht so! Können nicht schon wenige Stichworte wie Donald Trump, Benjamin Netanjahu oder Friedrich Merz dieses Wolkenschloss zum Einsturz bringen? Bräuchten wir nicht vielmehr Widerstand gegen einen Staat, der zu seiner Verfassungsgrundlage zunehmend auf Distanz geht? Bräuchten wir nicht lieber einen Generalstreik, eine Besetzung der Rüstungsfabriken, Aufstände, Strassenkämpfe, eine Revolution, Anarchie?
Selbst wenn du jetzt eine dieser Fragen im Stillen mit Ja beantwortet haben solltest – hast du dich schon einmal gefragt, warum nichts davon nicht einmal ansatzweise geschieht? Woher diese Cocacola-trunkene, Handy-beduselte Kraftlosigkeit kommt?
Mit dem E-Bike gegen Panzer?
Darauf gibt es eine Menge Antworten, beispielsweise: weil die meisten von uns hoffen, dass «sich das alles schon wieder einrenkt» (was es m. E. nicht tun wird); weil wir von dem System immer noch ordentlich profitieren (was auf die meisten Menschen, die zwischen 1939 und 1945 nicht an die Fronten mussten, ebenfalls zutraf) – weil wir also mehr zu verlieren als zu gewinnen haben; weil wir zwar wissen, was stattfindet, aber uns jeder Widerstand zwecklos erscheint; weil wir nicht einmal bemerken, was in Deutschland, Europa und der westlichen Welt vorgeht; weil wir so vom System vereinnahmt sind, dass wir nicht einmal das System bemerken – siehe das berühmte Beispiel vom Fisch, der nichts vom Wasser weiss? Oder weil wir ganz einfach feige sind?
Ich fürchte, keiner dieser Gründe stimmt für sich. Auch die grössten Mitschwimmer haben eine Ahnung, dass das Wasser, das sie trägt, Gift enthält. Vermutlich sind die meisten von uns Mischtypen. Aber dann gibt es noch einen, bisher nicht genannten Grund, weshalb wir uns nicht laut empören. Und der hat jede Menge mit Realismus zu tun. Wer zur Gewalt greift, der scheint mir wie jemand, der mit Tränen in den Augen mit seinem E-Bike gegen Panzer anrennt. Schon die Machtmittel, welche die Bundesrepublik gegen Aufständische einsetzen könnte und würde, sind furchterregend; die der kognitiven Kriegsführung der NATO sind noch weit wirkungsvoller, weil sie direkt unser Denken angreifen (übrigens ein weiterer «weil»-Grund); von den Möglichkeiten eines Peter Thiel einmal ganz abgesehen.
Unsichtbar werden
Realismus hat aber nichts damit zu tun, die Flinte ins Korn zu werfen. Er lässt uns nach anderen Wegen suchen. Die beste Möglichkeit, einen Panzer zu entschärfen, besteht darin, ihm den Feind zu nehmen. Wenn der Richtschütze niemanden mehr hat, auf den er schiessen kann, wird er arbeitslos.
Das mag vielleicht nicht die beste Metapher sein, aber doch eine, die es nachvollziehbar macht, wenn ich die Position vertrete: Wir müssen dieses System überflüssig machen. Dagegen zu kämpfen, ist nicht nur zwecklos, sondern auch sinnlos. Warum, das wäre ein anderes Thema.
Erst wenn wir, ohne allen Kampf, aber mit aller Kraft und mit allen uns gegebenen Mitteln ein Parallelsystem errichten, das nicht mehr statisch, sondern fluide ist; das nicht mehr auf Wachstum, sondern auf Verbindung setzt; das nicht mehr auf Raffen, sondern auf Teilen setzt; das uns nicht als Herrscher der Welt, sondern als Mitbewohner des «Biotops Erde» versteht – erst dann haben wir eine echte Chance. Denn ein solches Parallelsystem ist mit jeder einzelnen seiner Variablen vom alten, tödlichen System so weit entfernt, dass es wie Alberichs Tarnkappe wirkt. Wir werden so gut wie unsichtbar bzw. werden – selbst wenn sie uns vom Kopf gerissen wird – nicht ernst genommen.
«Mitwelt» als Denkgrundlage
Aber, wirst du dich jetzt vielleicht oder hoffentlich fragen: Wie war das noch mal mit dieser eingangs erwähnten «besonderen Wahrnehmung der Welt», mit diesem Wolkenkuckucksheim? Was hat das alles mit Widerstand zu tun? Mehr als du denkst. Denn das ist kein Traumzustand, sondern eine ganz andere, erweiterte, intensivere Form von Wachheit, in der wir rechnen und schreiben, arbeiten und programmieren können, nur stärker und unbegrenzter als sonst, weil wir mehr, ja ganz bei uns sind.
Es ist ein Zustand, in dem wir nicht mehr kämpfen müssen, sondern in dem sich die Dinge fügen. Und ein Zustand, in dem wir wirklich lieben und ganz sein können für das grosse Fernziel. Denn ohne die Vision einer nicht nur besseren, sondern tatsächlich guten Welt, in der der Begriff der «Mitwelt» nicht Fremdwort, sondern Denkgrundlage ist, geht uns seelisch schnell die Luft aus.
Aber selbst Mitmenschen, denen Bruder Maulwurf, Cousin Sperling oder Grossvater Wal fremdes Gedankengut ist, können ja vielleicht mit Schillers «Alle Menschen werden Brüder» etwas anfangen. Solange wir nicht diesen grossen Traum zu träumen wagen, bleibt alles andere Illusion.