Als die Bevölkerung von Kobanê am 19. Juli 2012 die Kontrolle über ihre Stadt übernahm und wenig später auch in Efrîn und Cizîr selbstverwaltete Strukturen entstanden, begann weit mehr als ein Machtwechsel. Inmitten eines Nahen Ostens, der über Jahrzehnte von Militärputschen, Besatzungen, autoritären Herrschaftsformen und konfessionellen Konflikten geprägt worden war, entstand ein politisches Projekt, das den Nationalstaat, patriarchale Herrschaft und ethnische Ausgrenzung grundsätzlich infrage stellte.
Vierzehn Jahre später gilt die Revolution von Rojava als eines der aussergewöhnlichsten politischen Experimente der Region. Sie musste sich gegen die Angriffe der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS), des Baath-Regimes, der Türkei und ihrer islamistischen Verbündeten sowie zuletzt gegen die Bedrohungen durch Hayat Tahrir al-Sham (HTS) behaupten. Dass das Projekt trotz Krieg, Embargo und wiederholter Invasionen Bestand hat, führen seine Träger:innen auf ein Gesellschaftsmodell zurück, das sich an demokratischer Selbstverwaltung, Frauenbefreiung und ökologischen Prinzipien orientiert.
Die Grundlagen wurden Jahrzehnte vor der Revolution gelegt
Die Geschichte der Rojava-Revolution beginnt nicht erst im Sommer 2012. Ihre politischen und gesellschaftlichen Wurzeln reichen bis in das Jahr 1979 zurück, als der PKK-Begründer Abdullah Öcalan nach Syrien ging und dort mit dem Aufbau organisatorischer Strukturen begann. Für die kurdische Bevölkerung, die unter der Herrschaft des Baath-Regimes systematischer Entrechtung und Assimilation ausgesetzt war, entstand damit erstmals ein langfristiger Organisierungsprozess. Tausende Kurd:innen waren staatenlos, die kurdische Sprache wurde aus dem öffentlichen Leben verdrängt, Ortsnamen arabisiert und die Bevölkerungsstruktur durch die Politik des «Arabischen Gürtels» gezielt verändert. Entlang der türkisch-syrischen Grenze siedelte das Regime arabische Familien an, um die zusammenhängenden kurdischen Siedlungsgebiete aufzubrechen und deren gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schwächen.
Organisierung statt blosser Opposition
Die Antwort auf diese Politik beschränkte sich nicht auf den Aufbau einer politischen Bewegung. Parallel entstand in Dörfern, Stadtvierteln und Städten ein dichtes Netz gesellschaftlicher Organisierung. Bürgerversammlungen wurden abgehalten, Jugendstrukturen aufgebaut und Frauen begannen erstmals, sich unabhängig als politische Kraft zu organisieren. Auf dieser Grundlage entwickelte sich über zwei Jahrzehnte hinweg schrittweise das Konzept der Demokratischen Nation, das später zum ideellen Fundament der Revolution werden sollte. Auch nachdem Abdullah Öcalan Syrien 1998 infolge des internationalen Komplotts gegen ihn verlassen musste, wurden diese Organisierungsprozesse weiter vertieft.
Der Aufstand von Qamişlo ebnete den Weg
Ein entscheidender Wendepunkt war der Serhildan von Qamişlo im März 2004. Auslöser waren rassistische Angriffe auf kurdische Fussballfans während eines Spiels, die sich innerhalb weniger Stunden zu einem landesweiten Volksaufstand entwickelten. Erstmals seit Jahrzehnten trat der unterdrückte Protest der kurdischen Bevölkerung offen zutage. Das Baath-Regime reagierte mit massiver Gewalt. Dutzende Menschen wurden getötet, Hunderte verhaftet. Dennoch markierte der Aufstand eine politische Zäsur. Die bis dahin unterdrückten Forderungen nach Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung waren nicht länger auf einzelne politische Kreise beschränkt, sondern wurden zu einem sichtbaren gesellschaftlichen Anliegen. Rückblickend gilt der Serhildan von Qamişlo als Vorbote jener Entwicklungen, die acht Jahre später in der Revolution von Rojava münden sollten.
Der Frühling Syriens und der «Dritte Weg»
Als sich 2011 im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings die Proteste von Daraa auf weite Teile Syriens ausbreiteten, geriet auch das Baath-Regime zunehmend unter Druck. Aus den Demonstrationen entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit ein Konflikt, an dem neben den Regierungstruppen zahlreiche bewaffnete Oppositionsgruppen sowie regionale und internationale Akteure beteiligt waren. Syrien versank in einem vielschichtigen Krieg. Die kurdische Freiheitsbewegung in Rojava entschied sich jedoch bewusst gegen eine Einordnung in die militärischen Lager des Konflikts. Statt sich entweder auf die Seite des Regimes oder der bewaffneten Opposition zu stellen, setzte sie auf den Aufbau eigener gesellschaftlicher Strukturen – eine Strategie, die als «Dritter Weg» bekannt wurde. Während sich der Krieg ausbreitete, entstanden in den Städten und Gemeinden Nachbarschaftskomitees, lokale Räte und Selbstverwaltungsstrukturen. Sicherheitskräfte wurden aufgebaut, Frauenorganisationen ausgebaut und Vorbereitungen getroffen, um mögliche Machtvakuums durch gesellschaftliche Selbstorganisation zu füllen.
19. Juli 2012: Der Beginn einer Revolution
Am Morgen des 19. Juli 2012 übernahmen die Menschen in Kobanê die Kontrolle über ihre Stadt. Nachdem sich die Kräfte des Baath-Regimes zurückgezogen hatten, gingen Verwaltung und öffentliche Einrichtungen in die Hände der lokalen Räte und Selbstverwaltungsstrukturen über. Innerhalb weniger Tage folgten Efrîn und Cizîr. Mit diesem Schritt begann die Revolution von Rojava. Sie erschöpfte sich jedoch nicht in der Übernahme staatlicher Institutionen. Vielmehr entstand ein neues politisches Modell, das Entscheidungen von der lokalen Ebene aus organisierte und die Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen zum Grundprinzip erhob. Kurd:innen, Araber:innen, Aramäer:innen, Armenier:innen, Turkmen:innen und Tschetschen:innen wurden in den neu entstehenden Selbstverwaltungsstrukturen gleichermassen vertreten. Im Gegensatz zum nationalstaatlichen Modell Syriens beruhte das neue System auf lokaler Demokratie, gesellschaftlicher Teilhabe und der Anerkennung ethnischer, religiöser und kultureller Vielfalt.
Frauen wurden zu Trägerinnen der Revolution
Zu den tiefgreifendsten Veränderungen gehörte die neue Rolle der Frauen. Erstmals wurden sie nicht lediglich in politische Prozesse einbezogen, sondern zu gleichberechtigten Akteurinnen beim Aufbau der neuen Gesellschaft. Das Prinzip des Ko-Vorsitzes wurde in allen Institutionen eingeführt, Frauenräte und autonome Frauenstrukturen erhielten eigenständige Entscheidungsbefugnisse, darunter Vetorechte in frauenpolitischen Fragen. Von der Kommunalverwaltung über Bildung und Justiz bis hin zur Diplomatie wurde die gleichberechtigte Vertretung von Frauen zum verbindlichen Grundsatz. Diese Entwicklung verstand sich als praktische Umsetzung der von Abdullah Öcalan entwickelten Frauenbefreiungsparadigmas. Mit der Gründung der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) erhielt dieser gesellschaftliche Wandel zugleich eine Dimension der Selbstverteidigung. Frauen übernahmen damit nicht nur Verantwortung für den politischen und sozialen Aufbau der Revolution, sondern auch für deren Schutz gegen äussere Angriffe.
Die Bewährungsprobe der Revolution
Kaum hatte sich die Revolution in Rojava etabliert, stand sie bereits vor ihrer grössten Existenzprüfung. Was zunächst als lokaler Aufbauprozess begonnen hatte, geriet innerhalb weniger Monate ins Visier einer Kraft, die für das genaue Gegenteil dessen stand, was in Nord- und Ostsyrien entstand. Ab 2013 weitete die dschihadistische IS-Miliz ihre Angriffe auf Rojava aus. Mit der Eroberung Mossuls im Sommer 2014 entwickelte sie sich zu einer schwer bewaffneten Territorialmacht, kontrollierte weite Gebiete im Irak und in Syrien und zog Tausende Söldner aus aller Welt an.
In Raqqa errichtete der IS das Zentrum seines sogenannten «Kalifats». In den besetzten Gebieten errichtete die Organisation ein Terrorregime, das von Massenhinrichtungen, Vertreibungen, Versklavung und der systematischen Vernichtung religiöser und kultureller Vielfalt geprägt war. Für die Revolution von Rojava bedeutete dies weit mehr als eine militärische Bedrohung. Hier trafen zwei unvereinbare Gesellschaftsmodelle aufeinander: Auf der einen Seite ein autoritäres Herrschaftssystem, das auf religiösem Fanatismus, absoluter Kontrolle und der Unterdrückung von Frauen beruhte. Auf der anderen Seite ein Modell demokratischer Selbstverwaltung, das auf lokaler Demokratie, gesellschaftlicher Vielfalt und der gleichberechtigten Teilhabe der Frauen aufbaute.
Die ersten Angriffe
Bereits 2013 griff der IS gemeinsam mit verbündeten dschihadistischen Gruppen mehrere Regionen Nordsyriens an. Besonders Serêkaniyê (Ras al-Ain) wurde zum Schauplatz schwerer Kämpfe. Zahlreiche Ortschaften wurden zerstört, Tausende Menschen mussten fliehen. Doch der eigentliche Wendepunkt folgte im Sommer 2014.
Şengal – Der Völkermord an den Eziden
Am 3. August 2014 überfiel der IS die mehrheitlich von Eziden bewohnte Region Şengal. Innerhalb weniger Tage wurden Tausende Menschen ermordet, Frauen und Kinder verschleppt und versklavt, Hunderttausende mussten ihre Heimat verlassen. Bis heute gilt das Schicksal Tausender Verschleppter als ungeklärt. Die Bilder vom Völkermord erschütterten die Weltöffentlichkeit. Zehntausende Menschen waren auf dem Şengal-Gebirge eingeschlossen und kämpften tagelang ohne ausreichende Versorgung ums Überleben. Erst durch den von der PKK geöffneten Fluchtkorridor sowie ihren militärischen Einsatz gelang es, zahlreiche Zivilist:innen aus der eingeschlossenen Region in Sicherheit zu bringen.
Kobanê wurde zum Symbol des Widerstands
Nur wenige Wochen nach dem Genozid in Şengal richtete der IS seine gesamte militärische Schlagkraft gegen Kobanê. Mit der Einnahme der Stadt sollte nicht nur das von ihm kontrollierte Gebiet entlang der syrisch-türkischen Grenze ausgeweitet werden. Ziel war zugleich die Zerschlagung der Revolution von Rojava.
Im September 2014 begann die Belagerung. Mit Panzern, schwerer Artillerie und den in Mossul von der irakischen Armee erbeuteten Waffen rückte der IS auf die Stadt vor und besetzte innerhalb kurzer Zeit Dutzende umliegende Dörfer. Hunderttausende Menschen mussten in Richtung der Grenze nach Nordkurdistan fliehen. In der Stadt selbst nahmen die Volksverteidigungseinheiten (YPG) und die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) den Kampf auf – mit begrenzten Mitteln, aber entschlossenem Widerstand. Strasse um Strasse, Haus um Haus und Stadtviertel um Stadtviertel wurde Kobanê über Monate hinweg verteidigt.
Was zunächst als regionale Auseinandersetzung begann, entwickelte sich rasch zu einem internationalen Symbol des Widerstands gegen den IS. Journalist:innen aus aller Welt richteten ihren Blick auf die belagerte Stadt, deren Verteidigung weit über Nord- und Ostsyrien hinaus zu einem Sinnbild für den Kampf gegen den dschihadistischen Terror wurde.
Kobanê veränderte den Blick auf die Revolution
Die Verteidigung Kobanês wurde nicht allein wegen ihres militärischen Verlaufs zu einem historischen Ereignis. Sie veränderte auch die internationale Wahrnehmung der Revolution von Rojava. Besondere Aufmerksamkeit erregte der Einsatz der YPJ. Erstmals rückten Frauen aus dem Nahen Osten weltweit als militärische und politische Akteurinnen in den Fokus der Berichterstattung. Bilder von Kämpferinnen, die sich dem IS entgegenstellten, gingen um die Welt und wurden zum Sinnbild einer Revolution, in deren Zentrum die Befreiung der Frau stand. Die YPJ wurden damit weit über Kurdistan hinaus zu einem Symbol des Frauenbefreiungskampfes.
Mit der monatelangen Belagerung Kobanês wuchs zugleich die internationale Solidarität. Von Europa über Lateinamerika bis nach Nordamerika und Australien gingen Tausende Menschen auf die Strassen, um ihre Unterstützung für den Widerstand gegen den IS zum Ausdruck zu bringen. Zahlreiche Internationalist:innen schlossen sich der Verteidigung Nord- und Ostsyriens an. Der entschlossene Widerstand der YPG und YPJ am Boden sowie die internationale Luftunterstützung stoppten schliesslich den Vormarsch der Dschihadisten. Nach monatelangen Kämpfen wurde der IS im Januar 2015 aus Kobanê vertrieben.
Vom Widerstand zur Offensive
Mit der Befreiung Kobanês war die Gefahr jedoch keineswegs gebannt. Die Söldner kontrollierten weiterhin weite Teile Syriens und des Irak und verfügten über bedeutende militärische und logistische Strukturen. Die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), die sich 2015 als multiethnisches Militärbündnis unter Beteiligung kurdischer, arabischer und weiterer Kräfte formierten, gingen deshalb zunehmend in die Offensive. Ein entscheidender Schritt war die Befreiung Minbics im Sommer 2016. Die Stadt zwischen Aleppo und Raqqa galt als eines der wichtigsten Logistikzentren des IS und spielte aufgrund ihrer Nähe zur türkischen Grenze eine zentrale Rolle für Nachschub und Söldnertransfers. Mit ihrer Einnahme verlor die Organisation eine ihrer wichtigsten Versorgungsachsen. Anschliessend richteten die QSD ihre Offensive auf Raqqa, das politische und militärische Zentrum des sogenannten Kalifats. Zuvor wurde mit der Befreiung Tabqas und des dortigen Euphrat-Staudamms eine entscheidende Voraussetzung für die Einkesselung der Stadt geschaffen.
Das Ende des «Kalifats»
Mit der Befreiung Raqqas im Oktober 2017 verlor der IS das Zentrum seiner Herrschaft. Die Stadt war über Jahre hinweg das administrative, militärische und propagandistische Herzstück des sogenannten Kalifats gewesen. Den endgültigen Zusammenbruch ihrer territorialen Kontrolle erlebte die Dschihadistenmiliz jedoch erst im Frühjahr 2019. Nach einer monatelangen Offensive konzentrierten sich die letzten IS-Einheiten auf das Dorf Baghuz am Euphrat. Dort leisteten sie ihren letzten organisierten Widerstand. Mit der Befreiung von Baghuz kurz vor Newroz 2019 endete die territoriale Herrschaft des IS in Syrien.
Für die Revolution von Rojava bedeutete dieser Sieg weit mehr als einen militärischen Erfolg. Der gemeinsame Widerstand gegen den Terror hatte das politische Projekt Nord- und Ostsyriens weltweit bekannt gemacht und seinen Anspruch unterstrichen, nicht nur ein alternatives Gesellschaftsmodell aufzubauen, sondern dieses auch gegen eine der brutalsten dschihadistischen Organisationen der jüngeren Geschichte verteidigen zu können.
Eine Gesellschaft im Wandel des Krieges
Die Revolution von Rojava veränderte nicht nur die politischen Machtverhältnisse in Nord- und Ostsyrien. Mit den Jahren wandelte sie auch die Art und Weise, wie sich Gesellschaft organisierte. Selbst unter den Bedingungen eines andauernden Krieges wurden die während der Revolution entstandenen Strukturen schrittweise ausgebaut. Lokale Räte übernahmen zunehmend Verantwortung für das öffentliche Leben, Frauenorganisationen festigten ihre Rolle in Politik und Gesellschaft, während in den Bereichen Bildung, Gesundheitsversorgung, Justiz und Wirtschaft neue Institutionen entstanden. Aus den improvisierten Strukturen der ersten Revolutionsjahre entwickelte sich nach und nach ein dauerhaftes Modell demokratischer Selbstverwaltung.
Dieser Aufbau vollzog sich jedoch unter enormen Belastungen. Tausende Menschen verloren im Krieg ihr Leben, Hunderttausende wurden vertrieben und grosse Teile der wirtschaftlichen Infrastruktur zerstört. Hinzu kamen jahrelange Embargos sowie die Folgen permanenter militärischer Angriffe, die den Alltag der Bevölkerung bis heute prägen. Dennoch blieb die Selbstverwaltung bestehen. Gerade unter den Bedingungen von Krieg, Isolation und wirtschaftlichem Druck entwickelte sich Rojava zu einem politischen Modell, das weit über Nord- und Ostsyrien hinaus Aufmerksamkeit erregte.
Nach dem IS begann der Kampf um Syriens Zukunft
Mit der territorialen Niederlage des IS im März 2019 endete zwar eines der dunkelsten Kapitel des syrischen Krieges. Für Nord- und Ostsyrien begann damit jedoch keine Phase der Stabilität. Stattdessen verlagerte sich der Konflikt auf die politische Zukunft des Landes. Die Demokratische Selbstverwaltung trat nun nicht mehr allein als militärische Kraft im Kampf gegen den Terror auf, sondern entwickelte sich zu einer zentralen Akteurin in den Debatten über die Neuordnung Syriens. Während sie sich für internationale Anerkennung und eine politische Lösung auf Grundlage von Dezentralisierung, demokratischer Selbstverwaltung und gesellschaftlicher Vielfalt einsetzte, verschoben regionale und internationale Mächte ihre strategischen Prioritäten.
Mit dem schwindenden Einfluss des Baath-Regimes rückte zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie Syrien künftig organisiert werden soll. Die Selbstverwaltung fordert seit Jahren eine Verfassungsordnung, die den Regionen weitreichende Selbstverwaltungsrechte einräumt und die ethnische sowie religiöse Vielfalt des Landes anerkennt. Dem stehen politische Kräfte gegenüber, die an einem zentralistisch organisierten Staat festhalten.
Die Revolution geriet ins Visier der Türkei
Mit dem Rückzug des IS richtete die Türkei ihren Fokus verstärkt auf die Selbstverwaltung (also auf Rojava). Ankara betrachtet deren politische und militärische Strukturen seit Jahren als Bedrohung der eigenen nationalen Sicherheit und begründete damit wiederholt Invasionen und Angriffskriege. Im Frühjahr 2018 wurde der Kanton Efrîn nach fast zweimonatigen Luft- und Bodenangriffen von der türkischen Armee und mit ihr verbündeten syrischen Milizen besetzt. Hunderttausende Menschen wurden vertrieben, zahlreiche Zivilist:innen kamen ums Leben. Internationale Menschenrechtsorganisationen dokumentierten in den folgenden Jahren Enteignungen, Entführungen und weitere schwere Menschenrechtsverletzungen in der Region.
Im Oktober 2019 folgte nach dem Rückzug der US-Truppen aus dem Grenzgebiet eine weitere Invasion, diesmal gegen Serêkaniyê und Girê Spî (Tall Abyad). Beide Städte wurden besetzt. Seither verfolgt die türkische Regierung das Ziel, entlang der Grenze eine sogenannte Sicherheitszone einzurichten. Die Selbstverwaltung bewertet diese Politik als Versuch, die politische und demografische Struktur Nord- und Ostsyriens dauerhaft zu verändern.
Der Zerfall des Baath-Systems
Parallel dazu geriet das syrische Staatsmodell selbst immer stärker in eine Krise. Der Bürgerkrieg hatte die Herrschaft des Baath-Regimes über Jahre hinweg geschwächt. Wirtschaftlicher Zusammenbruch, militärische Verluste und die wachsende Abhängigkeit von internationalen Verbündeten liessen den Einfluss der Zentralregierung kontinuierlich schrumpfen. Syrien entwickelte sich zunehmend zu einem Land, in dem unterschiedliche regionale und internationale Akteure um politischen Einfluss konkurrierten.
Mit dem Zusammenbruch des Baath-Systems rückte deshalb eine grundlegende Frage in den Mittelpunkt: Nach welchen politischen Prinzipien soll Syrien künftig organisiert werden? Die Demokratische Selbstverwaltung fordert seit Jahren, dass eine künftige syrische Verfassung die politische, ethnische und religiöse Vielfalt des Landes anerkennt und den Regionen weitreichende demokratische Selbstverwaltungsrechte einräumt. Aus ihrer Sicht kann ein dauerhaft stabiler Staat nur entstehen, wenn die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gleichberechtigt an politischen Entscheidungen beteiligt werden.
HTS und der Konflikt um Syriens Zukunft
Zu den prägenden Akteuren der jüngsten Entwicklungen gehört HTS. Die Organisation ging aus der ehemaligen Al-Nusra-Front hervor und kontrollierte zunächst vor allem Teile der Provinz Idlib, bevor sie im Dezember 2024 unter Führung von Ahmed al-Scharaa (früher bekannt als Abu Mohammed al-Jolani) das Assad-Regime stürzte. Nach einer rasanten Offensive auf Damaskus floh Machthaber Baschar al-Assad nach Russland, womit seine jahrzehntelange Diktatur endete.
Zwar bemüht sich HTS seither international um ein moderateres politisches Erscheinungsbild, ihre ideologischen Wurzeln liegen jedoch im dschihadistischen Milieu. Für die Demokratische Selbstverwaltung ist die Auseinandersetzung mit HTS deshalb mehr als ein militärischer Konflikt. Beide Seiten stehen für grundlegend unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft Syriens. Während die Selbstverwaltung auf lokale Demokratie, politische Teilhabe, Frauenrepräsentanz und das gleichberechtigte Zusammenleben verschiedener ethnischer und religiöser Gemeinschaften setzt, verfolgt HTS ein zentralistisches Staatsverständnis, das diese pluralistische Ordnung ablehnt.
Damit stellt sich für Syrien erneut dieselbe Grundfrage, die die Entwicklung des Landes seit Beginn des Bürgerkriegs begleitet: Soll die Zukunft des Landes auf zentralisierter Macht beruhen oder auf einer politischen Ordnung, die gesellschaftliche Vielfalt und regionale Selbstverwaltung anerkennt?
Demokratische Autonomie als Gegenentwurf
Vierzehn Jahre nach ihrem Beginn wird die Revolution von Rojava nicht allein an ihren militärischen Erfolgen oder Rückschlägen gemessen. Ihr eigentlicher Anspruch liegt in dem Versuch, unter den Bedingungen von Krieg, Embargo und anhaltenden militärischen Bedrohungen ein alternatives politisches und gesellschaftliches Modell aufzubauen. Im Zentrum dieses Projekts steht das von Abdullah Öcalan entwickelte Konzept der Demokratischen Autonomie. Anders als der klassische Nationalstaat basiert dieses Modell nicht auf zentralisierter Macht, sondern auf einer weitgehenden Selbstorganisation der Gesellschaft. Entscheidungen sollen möglichst dort getroffen werden, wo die Menschen leben – in Kommunen, Stadtteilräten, lokalen Parlamenten und selbstverwalteten Institutionen. Frauenorganisationen, Jugendstrukturen sowie die Vertretungen verschiedener ethnischer und religiöser Gemeinschaften sind fester Bestandteil dieses Systems. Dass ein solcher Ansatz unter den Bedingungen eines langjährigen Krieges überhaupt aufgebaut und aufrechterhalten werden konnte, macht die Revolution von Rojava zu einem aussergewöhnlichen Projekt im Nahen Osten.
Die Frauenrevolution als Fundament
Von Beginn an unterschied sich die Revolution von Rojava in einem zentralen Punkt von vielen anderen politischen Umbrüchen der Region: Die Befreiung der Frau wurde nicht als Folge der Revolution verstanden, sondern als ihre Voraussetzung. Frauen übernahmen Führungsverantwortung in Verwaltung, Diplomatie, Justiz, Wirtschaft und Bildung. Mit dem Ko-Vorsitz, autonomen Frauenräten und eigenständigen Frauenorganisationen entstanden politische Strukturen, die eine gleichberechtigte Teilhabe institutionell absichern sollten. Internationale Aufmerksamkeit erlangte dieses Modell vor allem durch den Widerstand der YPJ gegen den IS. Doch die Bedeutung der YPJ reicht weit über ihren militärischen Beitrag hinaus. Die Frauenverteidigung wird als Ausdruck eines umfassenderen gesellschaftlichen Wandels verstanden, der traditionelle Geschlechterrollen grundsätzlich infrage stellt. Für Abdullah Öcalan bildet die Frauenbefreiung den Schlüssel jeder demokratischen Gesellschaft. Seine vielfach zitierte These, dass eine Gesellschaft ohne die Freiheit der Frauen nicht frei sein könne, gehört bis heute zu den ideologischen Grundlagen der Selbstverwaltung.
Vierzehn Jahre später
Vierzehn Jahre nach dem Beginn der Revolution steht Rojava weiterhin unter erheblichem Druck. Die Region ist von Angriffen, wirtschaftlicher Isolation und den ungelösten Konflikten Syriens geprägt. Gleichzeitig bleibt die Zukunft der Selbstverwaltung eng mit der Frage verbunden, wie der syrische Staat nach Jahren des Krieges neu organisiert werden kann. Unabhängig davon, wie diese Auseinandersetzungen ausgehen werden, hat die Revolution von Rojava die politische Landschaft des Nahen Ostens nachhaltig verändert. Sie hat die kurdische Frage neu auf die regionale Agenda gesetzt, die Rolle der Frauen in Politik und Gesellschaft neu definiert und eine Debatte darüber angestossen, ob Demokratie, gesellschaftliche Vielfalt und lokale Selbstverwaltung im Nahen Osten eine tragfähige Alternative zu autoritären und zentralistischen Herrschaftsmodellen sein können. Gerade darin liegt vierzehn Jahre nach ihrem Beginn ihre anhaltende Bedeutung.