
Das System, in dem wir leben, ist auf der Grundannahme aufgebaut, dass wir im Kern böse sind. Und dumm. Jedenfalls Untertanen. Deshalb müsse man uns einhegen, kontrollieren und beherrschen. Von Auserwählten, die das Prinzip des Guten verkörpern – und die finden sich in hohen Staatsämtern. Sylvie-Sophie Schindler hat einen temperamentvollen und leidenschaftlichen Essay für kollektive Selbstliebe geschrieben. Sie schlägt vor, das Zeitalter der Politik und der Herrschaft zu beenden und endlich erwachsen zu werden. Man findet in diesem Buch keine konkrete Anleitungen oder Beispiele für gelebte Anarchie – aber um so glühendere Argumente, unsere Fremdbestimmung endlos aufzugeben: Denn: Die Anarchie ist die grösste Liebeserklärung an den selbstbestimmten Menschen.
Sylvie-Sophie Schindler: «Anarchie – jetzt oder nie!», 111 Seiten, Westend Verlag, 16.2.2026
Autoritäts-Kult.
Endgültiger Bruch.
Es ist entwürdigend, sich von politischen Autoritäten vertreten zu lassen. Erst recht, sich von ihnen betreuen und verwalten zu lassen. Ein erwachsener Mensch hat das nicht nötig. Er ist in der Lage, die Verantwortung für sich und seine Belange selbst zu übernehmen. Nur der, der den Status des Kindes partout nicht verlassen will, selbst mit 32 oder 58 oder 76 nicht, ist auf die Obhut durch »Vater Staat« angewiesen. In einer infantilisierten Gesellschaft, wie wir sie aktuell vorfinden, fällt das allerdings überhaupt nicht auf.
Der Medienwissenschaftler und Kulturkritiker Neil Postman wies bereits in den 1970er Jahren darauf hin, dass ewig kindische Erwachsene und übrigens auch viel zu früh erwachsene Kinder eine Folge der Dauerberieselung durch Medien sind. Auch die Psychologie hat Erklärungen dafür. Wenn die einzelnen Entwicklungsschritte vom Kleinkind- bis zum Erwachsenalter nicht adäquat bewältigt werden, fallen Menschen, besonders in Stresssituationen, auf frühere Stufen zurück.
Wenn die Politik nicht verschwindet, dann verschwindet der Mensch.
Das heisst, je mehr Krisen es in einer Gesellschaft gibt, desto mehr Infantilität kann sich ausbilden. Sie drückt sich unter anderem aus in dem Hang zur Verniedlichung und dem Ausleben von narzisstischen Bedürfnissen. Komplexität wird verweigert, der Widerwille gegen alles Komplizierte, Unangenehme und Widersprüchliche ist massiv. Wer nicht sofort bekommt, was er verlangt, reagiert wie ein verzogenes Kind. Wer kritisiert wird, ist sofort beleidigt. Wer seine Meinung nicht durchsetzt, begehrt trotzig auf.
Erwachsen sein ist anstrengend, erst recht, wenn die Welt gerade kein guter Ort ist. Man will sich unter einer Decke verkriechen oder wünscht sich gar zurück in den Uterus. Einmal Rundumversorgung bitte. Zu jeder Möglichkeit, entlastet zu werden, lässt man sich nur allzu gerne verführen. Gut also, wenn man alles, was nicht rund läuft, auf andere abschieben kann. Schuld ist dann wahlweise der Partner, der Chef, die Politik. Für das Erwachsenwerden hinderlich ist auch, wenn man mit einem Faible für den Gehorsam ausgestattet ist. So wie man sich einst den Regeln und Vorstellungen der Eltern untergeordnet hat, setzt man das in Bezug auf die Regierung fort. Man unterdrückt seinen Drang nach Freiheit und Individualität, weil das mit Ungehorsam gegenüber derjenigen Macht gleichsetzt wird, von der man sich Anerkennung erhofft. Ein Leben, das sich nicht nach einer Autorität ausrichtet, ist für die meisten gar nicht vorstellbar. Gemäss Étienne de la Boétie beherrsche der Wunsch sich unterzuordnen die Leidenschaften. Die brave Tochter wird zur braven Staatsbürgerin, der folgsame Sohn zum folgsamen Staatsbürger.
Kurzum: Der Autoritäts-Kult hat sich in unserer Gesellschaft fest etabliert.
Wann endet diese permanente Suche nach Führung? Wann hören Menschen endlich auf, anderen Menschen hinterherzurennen, in der Hoffnung auf Erlösung? Die Geschichte ist voll mit Beispielen, die zeigen, wohin diese Sehnsucht führt. Der gütige König existiert, aber nur im Märchen.
Besonders gefährlich wird es, wenn ein grösstenteils geschundenes Volk aus den Wirrnissen und Missständen seiner Zeit befreit werden will. Das schicksalsträchtige Jahr 1933 steht bekanntlich für den Machthunger eines Despoten, der sich als Vaterfigur und Lichtgestalt inszenierte und versprach, Millionen Menschen aus Not und Arbeitslosigkeit zu befreien.
Aber damals wie heute bleibt wahr, und deshalb wiederhole ich es: Niemand wird uns erlösen, erst recht keine Partei. Ja, wir haben uns lange genug einreden lassen, dass Politik auf unserer Seite steht, dass wir sie brauchen, um unsere Probleme zu lösen, dass sie unverzichtbar ist, um unser Zusammenleben zu organisieren. Aber wir dachten auch lange genug, dass wir auf unsere Eltern angewiesen sind, bis wir eines Tages feststellten, dass wir auch gut ohne ihre Hilfe klarkommen.
Wir haben es geschafft, auszuziehen, aber wohl kaum, um bei der erstbesten Gelegenheit bei der nächsten Autorität wieder einzuziehen! Anders gesagt: Nun ist die Zeit gekommen, als Menschheit endlich erwachsen zu werden. Und das geht nur, wenn wir uns vom politischen System komplett abnabeln.
Der Bruch muss endgültig sein. Wenn die Politik nicht verschwindet, dann verschwindet der Mensch. Vielleicht geht das dann so vonstatten, wie es Michel Foucault in Die Ordnung der Dinge prophezeit: «Der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.»
Zu dramatisch? Klingt das nach Nostradamus? Tatsächlich kann ich keinen Weichspüler dazu gie- ssen. Der Mensch ist immer weniger Mensch, er existiert bereits an vielen Orten nur noch in einer degenerierten Version. Wie ein Schmetterling, den man wieder zurück in den Raupenzustand gequetscht hat.
Seine gebückte Haltung kommt nicht nur davon, dass er, traurig genug, wie hypnotisiert auf sein Smartphone-Display starrt. Vor allem ist es die Politik, die ihn niederdrückt, die sich wie Blei auf seine Schultern setzt. Wie auch soll einer aufrecht stehen können, der durch und durch verstaatlicht ist? Also indoktriniert, kontrolliert, überwacht, verdächtigt, ausgebeutet, reguliert, bürokratisiert, schabloniert, verwaltet, vermessen, versklavt. So zu existieren, ohne ausbrechen zu wollen, geht im Grunde nur, wenn man sich gar nicht erst bewusst macht, was da vor sich geht. Es braucht also eine – gewollte oder ungewollte – Ahnungslosigkeit. Was dem Menschen erst mal nicht vorzuwerfen ist. Denn damit hält er sich in einem Zustand auf, der wohl zu seiner anthropologischen Ausstattung gehört.
«Der Mensch ist das Tier, dem man die Lage erklären muss», diagnostiziert Peter Sloterdijk in seinem Buch «Die schrecklichen Kinder der Neuzeit».
Nun, die Lage, in der wir uns befinden, ist erklärt. Gründe, sie weiter aufrechtzuerhalten, gibt es keine. Wer meiner Argumentation folgt, wird zu keinem anderen Schluss kommen. Das Konzept «Politik» ist in jeder Hinsicht gescheitert. Und damit hat es sich überlebt. Sollte es eines Tages wieder auftauchen, dann hoffentlich nur in der Rubrik «Was macht eigentlich …?»
Würde Politik riechen, dann nach monatelang abgelaufener Milch. Immer noch daran zu glauben, gleicht der Versponnenheit von Menschen, die sich nach der Pferdekutschen-Ära zurücksehnen. In der Regel bildet man sich viel auf den Fortschritt ein.
Menschen kommunizieren auf die Entfernung nicht mehr mit Briefen, sondern via Messenger und halten sich deshalb für eine bahnbrechende Spezies. Das ist übertrieben, vor allem, wenn man bedenkt, dass Fortschritt fast ausschliesslich mit technologischen Entwicklungen begründet wird. An sonstigen Fortschritts-Erzählungen mangelt es erheblich. Der Thermomix ist längst erfunden, autonome Fahrzeuge sind bereits Realität, aber landauf, landab wird immer noch Politik gemacht, nur das der deutsche Bundeskanzler nicht mehr Konrad Adenauer heisst, sondern Friedrich Merz.
Selbst, wenn wir in der Lage wären, uns quer über den Erdball zu beamen, was haben wir schon geschafft, sollte es dann immer noch ein Parteiensystem geben. Unser Gesellschaftsmodell ist wahrlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Es weist uns vielmehr als Ewig-Gestrige aus. Wer nicht auf der Erde zuhause ist, würde sie sich wohl kaum als Reiseziel aussuchen. Erstaunlich genug, dass für möglich gehalten wird, dass extraterrestrische Lebewesen sich für eine derart rückständige Menschheit interessieren könnten. Hier gibt es nichts zu holen. Dass Ausserirdische nur eines für uns übrighaben, nämlich Gleichgültigkeit, zeigte bereits die französische ScienceFiction-Filmkomödie Der grüne Planet aus dem Jahr 1996.
Man taucht ein in den Kosmos von menschenähnlichen Wesen, die Lichtjahre von der Erde entfernt leben. Um interstellare Reisen zu planen, versammeln sie sich regelmässig. Zur Erde will allerdings keiner, rund 200 Jahre sind seit dem letzten Besuch vergangen. Die Begründung: «Erdbewohner sind sehr rückständig, die können uns nichts beibringen.»
Dem folgt eine Liste der irdischen Unzumutbarkeiten: «ein Grössenwahnsinniger, Napoleon hiess er, der die Menschen hinschlachten liess in sinnlosen Kriegen, nach ihm sind wieder Könige gekommen und jahrelang haben sie nur Rückschritte gemacht, mit Chefs, Präsidenten, der ganze Hickhack; der Stärkere nahm sich die Macht.»
Weitere Kritikpunkte: «Kein Miteinander, nicht mal das Geld haben sie abgeschafft, sie bringen es fertig, immer noch mit Computern zu hantieren und nutzen nur ein Zehntel des Gehirns.»
Auf dem grünen Planeten hingegen, wo die menschenähnlichen Wesen leben, gibt es weder Arm und Reich, noch Kriege und Konflikte. Man lebt in Frieden und Harmonie zusammen, ohne Geldsystem, und konzentriert sich auf die seelische und emotionale Weiterentwicklung. Untereinander gibt es keine Lügen, weil man gelernt hat, wahrhaftig zu leben. Wozu also auf die Erde kommen?
Wer hier von wem lernen könnte, steht ausser Zweifel.