Eine Laune der Natur (3)
Im August 1987, nach einem verregneten Sommer überschwemmte die Reuss im Urnerland das halbe Tal. Noch am gleichen Tag reiste der Schriftsteller Nicolas Lindt ins Überschwemmungsgebiet. In seinem späteren Buch «Die Freiheit der Sternenberger» beschrieb er, was er erlebte, als im Kanton Uri der Ausnahmezustand herrschte. Unsere Sommerserie Teil 3.
«Man vernimmt, dass die Reuss, auch die Autobahn überschwemmt hat»
«Man vernimmt, dass die Reuss, auch die Autobahn überschwemmt hat» Bild: ETH Archiv

Im Hauptort von Uri, wo ich gegen Mittag eintreffe, ist von einer Überschwemmung nichts zu bemerken. Altdorf liegt am Rande des Tals, an etwas erhöhter Lage, und das Wasser befindet sich lediglich da, wo es immer ist, wo der Mensch es hineingesperrt hat: in den Bachbetten, in den Brunnentrogen, in den Plansch- und Forellenbecken, in den Mineralwasserflaschen und Wasserhahnen. Hier in Altdorf geht das Wasser auch heute keine unvorhergesehenen Wege, hier ist alles wie sonst; und dass ich wenige Stunden vorher ein im Wasser schwimmendes Dorf mit eigenen Augen gesehen habe, erscheint mir bereits ein wenig absurd.

Einzig die Helikopter, die ständig und hektisch das Gebiet überfliegen, deuten darauf hin, dass doch nicht alles wie sonst ist. Beobachten liesse sich auch, dass nur einheimische Autos in den Strassen verkehren. Ebenso auffällig ist, dass vor dem Telldenkmal keine Touristengruppen versammelt sind.

An diesem Tag kommen keine Touristen ins Urnerland.

Während der Mittagszeit sind in Altdorf sämtliche Radioapparate im Einsatz: Wo ich gehe und stehe, tönt mir die Stimme des Nachrichtensprechers entgegen, widerhallt das Echo von einer weiteren aktuellen Schaltung ins Überschwemmungsgebiet. Man vernimmt, dass die Reuss auf ihrem ganzen Weg durch das Urnerland zerstört und gewütet hat, dass sie nicht nur Häuser, Felder und Strassen in grosser Zahl unter Wasser gesetzt, sondern auch die Autobahn überschwemmt und mehrere Brücken unpassierbar gemacht hat, dass sie Schienenstränge entzweischnitt, Fahrleitungen zum Einsturz brachte, Teile des Flussufers mit sich riss und in Gurtnellen sogar das Pfarrhaus und die Hälfte des Friedhofs mit in die Fluten nahm.

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«Wie eine Ertrinkende verschwindet die Mittelleitplanke im sich überstürzenden Strom» Bild: ETH Archiv

Die Korrespondenten, die im Radio berichten, sprechen von der Reuss wie von einem gefährlichen lebendigen Wesen, das nicht mehr zu bändigen ist. Und so bin ich denn am frühen Nachmittag mit vielen anderen Neugierigen unterwegs ins Katastrophengebiet: Wir alle, die wir zu den Verschonten gehören, möchten das Ungetier aus der Nähe sehen.

Bei Attinghausen, so hat man gehört, wo die Reuss an gewöhnlichen Tagen, Seite an Seite neben der Autobahn, in ihrem kanalisierten Bett Richtung Norden fliesst - eben da soll die Stelle sein, an welcher dieselbe Reuss an diesem aussergewöhnlichen Tag ihr Bett gewaltsam verlassen hat. 

Noch sieht man nichts, denn der Wall der Gotthardstrasse zieht sich wie eine hohe Abschrankung durch die Ebene, und der Fluss liegt dahinter. Doch je näher ich zur Autobahn komme, auf der kein einziges Auto vorbeifährt, umso mehr füllt sich die Luft mit einem mächtigen Rauschen, das alles andere übertönt und verstummen lässt. Nur noch bestrebt, endlich zu sehen, was man hört, erklimme ich an der Seite von Einheimischen die steile Böschung der Strasse. Das Rauschen schwillt zu einem Tosen heran, wir erreichen die Höhe des Zauns – und was da vor unsere Augen tritt, ist ein Bild, vor dem sich die eigene Phantasie bescheiden zurückzieht:

Wie eine tobende, alles verschlingen wollende Raubkatze, brüllend, um sich schlagend, rast und stürzt die Reuss aus ihrem Kanal heraus auf die vor uns liegende Autobahn, verwandelt sie in ein zweites Flussbett und fährt als reissender, breiter Strom, der seine Gier fürs erste gestillt hat, weiter nach Norden zum Urnersee. Auf einer Länge von zweihundert Metern oder noch mehr hat es die tollgewordene Reuss geschafft, den Uferdamm aus Stein- und Erdmaterial zu durchbrechen und sich den Platz zu nehmen, den sie benötigt.

Wir aber, die Menschen, stehen vor dem gewaltigen Schauspiel und müssen zusehen, wie uns der Fluss unsere Autobahn, die wir doch für unsere eigenen Zwecke gebaut haben, einfach wegnimmt. Wie eine Ertrinkende verschwindet die Mittelleitplanke im sich überstürzenden Strom, während die Strasse selbst unter den ständig nachdrängenden Wassermassen völlig begraben ist. Wäre die Autobahnpolizei hier, sie müsste die Reuss mit aller Schärfe des menschlichen Gesetzes bestrafen, denn der Fluss nimmt die ganzen vier Spuren mitsamt den Pannenstreifen für sich in Anspruch, missachtet die Überholvorschriften und überschreitet wohl auch die Tempolimite.

Noch immer weist die Tafel über der Fahrbahn ordnungsgemäss darauf hin, dass die nächste Ausfahrt nach «Altdorf Nord» führt: Doch der Wasserstrom eilt an unseren Schildern vorbei, ohne sie wahrzunehmen.

Während ich einige Augenblicke einfach dastehe und mich von der Szene nicht losreissen kann, treffen neben mir immer neue Zuschauer ein. Bis zu ihnen nach Hause ist die Reuss wohl nicht vorgedrungen. So kommen sie nun zu ihr. Sie haben sich aufgemacht, um der neuen Herrscherin des Urnerlandes ihre Reverenz zu erweisen. Die meisten von uns, die wir da stehen, haben solche Bilder bisher nur durch die Augen des Fernsehens gesehen. Nun erleben wir es in Wirklichkeit – 30 Schritte von uns entfernt und im eigenen Land, im Herzen der Schweiz, in der doch das Aussergewöhnliche, das Extreme so selten ist.

Die Nahaufnahme dieser überschäumenden, überbordenden Wassermassen ist uns fast ein wenig zu gross. Nicht, dass wir Angst hätten; wir stehen in sicherem Abstand vom Ort des Geschehens, bis zu uns kommt die Reuss nicht so schnell. Und doch behelligt sie uns. Ich lese in den Gesichtern der anderen Zuschauer, dass wir alle, angesichts der entfesselten Gewalt der Natur, etwas Ähnliches fühlen. Wir empfinden im Innersten, dass es hier nicht nur darum geht, was wir sehen. Viel mehr als das spektakuläre, erregende Bild trifft uns seine Bedeutung. Der dramatische Anblick dieser in den Fluten versinkenden Autobahn ist eine Warnung.

Wir verstehen sie gut. Die Warnung gilt auch uns. Wir sind nicht sicher, ob wir zu Recht zu den Verschonten gehören.


 Teil 4 / Schluss folgt nächste Woche 

Teil 2: https://zeitpunkt.ch/eine-laune-der-natur-2

Der Text stammt aus dem Buch von Nicolas Lindt «Die Freiheit der Sternenberger – Reiseberichte und Dorfgeschichten» (Zürcher Oberland Buchverlag 4. Auflage 2019). Erhältlich im ZO-Shop und im Onlineshop des Autors.

Überschwemmung der Reuss im Urnerland - Bericht im Schweizer Fernsehen 25.8.1987

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. Neben dem Schreiben gestaltete er während 30 Jahren freie Trauungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Bücher von Nicolas Lindt

Der Fünf Minuten-Podcast «Mitten im Leben» von Nicolas Lindt ist zu finden auf Spotify, iTunes und Audible.

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Neues Buch: «Orwells Einsamkeit - sein Leben, ‚1984‘ und mein Weg zu einem persönlichen Denken». Erhältlich im Buchhandel - zum Beispiel bei Ex Libris oder Orell Füssli

Alle weiteren Informationen: www.nicolaslindt.ch


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