Ich verlasse den Schauplatz und wende mich in die entgegengesetzte, südliche Richtung, dahin, wo die Reuss die vom Gotthard kommende Autobahn noch in Ruhe lässt. Sie kocht und sie brodelt, aber hält ihren Zorn noch zurück. Das gibt mir Gelegenheit, etwas zu tun, was ich vermutlich nie mehr werde tun können: Auf der stillgelegten Gotthardautobahn spazierenzugehen.
Schon bald bin ich völlig allein: Ein letzter, einsamer Wanderer auf der grossen Alpentransversale zwischen dem Norden und dem Süden Europas. Wieder, wie schon am Morgen, als ich mich auf dem Schienenstrang der Gotthardlinie erging, kommt mir alles ein wenig surrealistisch vor. Ich bleibe stehen auf der Autobahn und rufe es laut in die menschenleere, von erneuten schwarzen Wolken bedrohte Landschaft hinein, wie unglaublich, wie verrückt es mir vorkommt, das gewaltige menschliche Bauwerk dieser Nord-Süd-Transversale vor dem Diktat der Natur so jämmerlich kapitulieren zu sehen.
Noch am Vorabend gehörte die Strassenachse, die das Land der Urner so unerbittlich durchschneidet, dem internationalen Fernverkehr. Heute ist dieselbe Autobahn noch gerade soviel wert wie ein Fussweg. Als ich am Morgen bei der historischen Tellskapelle das Schiff verliess, glaubte ich, dies sei kein geeigneter Tag für eine Geschichtslektion.
Nun habe ich doch eine erlebt.
*
Gegen Abend, die Schaulustigen sind nach Hause gegangen, überquere ich die Reussbrücke und komme hinüber in das Dorf Attinghausen. Sein Name war mir bisher nur aus der Legende des Wilhelm Teil ein Begriff - wie überhaupt für mich das Urnerland immer ein Land der Sagen und der Schweizer Geschichte gewesen ist. Die Namen Uri, Altdorf oder auch Attinghausen bedeuteten für mich etwas Freies und Stolzes, und ich wollte mir diese Empfindung aus meiner Jugend bewahren.
Nun aber komme ich in das Dorf mit dem Namen des alten, freien Geschlechts - und sehe sogleich, mit einer in mir aufsteigenden leisen Trauer, dass der Name Attinghausen in Zukunft ein anderes Bild in mir wecken wird: Denn auch Attinghausen steht unter Wasser. Die seit den frühen Morgenstunden nicht wiederzuerkennende Reuss hat das Dorf ebenso sehr behelligt wie die jenseits gelegene Autobahn. Auch hier hat der Fluss seine ihm von den Menschen gesetzte Grenze beiseite geschoben und die Hälfte der Ortschaft in einen See verwandelt, in welchem die Häuser und die Bauernhöfe wie Inseln stehen.
Wenn es wenigstens das klare Wasser eines Urner Bergbaches wäre. Doch wie überall ist das Land von einer graubraunen Flut überspült, deren Trübheit jener des Himmels gleicht. Tief und bleiern hängen die Wolken über der Wasserfläche. Dass hinter ihnen der Himmel blau ist und es sogar eine Sonne gibt, daran zu glauben, fällt heute schwer.
Die Dorfbewohner haben sich in kleinen Gruppen an der Strasse versammelt, da, wo das Wasser anfängt, und sie sprechen über nichts anderes als über das, was seit dem Morgen geschehen ist und wie es weitergehen wird. Am Radio war bereits von einer gewissen Entspannung die Rede, es wurde ein leichtes Zurückgehen der Wassermassen gemeldet. Hier in Attinghausen hat sich aber noch nichts geändert. Solange der Damm nicht wenigstens notdürftig wiederhergestellt ist, schwemmt die Reuss immer neues Wasser und weiteren Schlamm in den über Nacht entstandenen See.
Jetzt beginnt es sogar wieder leicht zu regnen. Besorgte Blicke zum düsteren Abendhimmel: Ist es noch nicht genug?

Das war der Friedhof von Gurtnellen. Foto: ETH Bildarchiv
Etwas abseits, auf einem Wiesenbort am Rande des Wassers, sitzen ein paar weitere Einheimische. Sie reden nicht viel. Sie schauen hinüber zu ihren Häusern, die so nahe sind und doch unerreichbar, solange das Wasser so hoch ist. Um zwei Uhr in der Nacht, erzählen sie, hat die Feuerwehr sie per Telefon mit den Worten geweckt: Sie müssten sogleich aufbrechen, die Reuss komme!
Da haben sie das Nötigste zusammengerafft, ein paar trockene Kleider, etwas zum Essen, die Schriften, das Fotoalbum - in genau dieser Reihenfolge. Die Zeit reichte nicht, um noch mehr in die Rucksäcke und die Taschen zu packen. Als die Eltern mit ihren Kindern endlich das Haus verliessen, bei heftigem Regen und in völliger Dunkelheit, war das Wasser schon da. Leise ist es gekommen, nicht laut, doch in unermesslichen Mengen, und es stieg immer höher.
Dank dem Einsatz der Feuerwehr und mit Gottes Hilfe erreichten sie alle trockenen Boden; den Rest der Nacht haben sie mit anderen Evakuierten im Schulhaus verbracht. Inzwischen sind sie bei Verwandten untergekommen, wo sie selbstverständlich bleiben können. Doch es zieht sie zurück in ihre Nester: Dort, in jenen Häusern ist ihr Daheim. Und so sitzen sie am Rande der Flut, blicken hinüber und warten, hoffen, dass vielleicht ein Wunder geschieht. Dass die Flut plötzlich zurückgeht.
Aber kein Engel steigt vom Himmel herab und macht alles wieder gut. Nur ein leerer Lastwagen fährt jetzt auf der Strasse vor, und die Dorfbewohner weichen zur Seite. Das Fahrzeug hält neben einer Rampe, die man an gewöhnlichen Tagen vermutlich für Auf- und Umladearbeiten braucht. Nachdem der Fahrer, in der Hand ein Funkgerät, den Wagen verlassen hat, nähert sich aus der Ferne ein Helikopter, an dessen Transportseil ein schwerbeladenes Netz hängt. Jetzt erkennt man auch seine Fracht: Es sind die Körper von Schweinen. Das Knattern des Helikopters kommt über uns, der Lärm des Rotors ist gross, und ein heftiger Luftzug erfasst die Anwesenden.
Die Tiere im Transportnetz liegen eng zusammengepfercht, kreuz und quer durcheinander. Blut klebt an ihren Körpern. Auf der Rampe stehen einige Männer bereit, um die schwere Fracht entgegenzunehmen. Kaum haben sie das Netz ausgeklinkt, gewinnt der Helikopter wieder an Höhe und fliegt davon. Die Schweine im Netz sind tot.

«Der Tag endet nicht hoffnungsvoll» Foto: ETH Bildarchiv
Noch während die Helfer damit beschäftigt sind, Kadaver um Kadaver herauszugreifen und auf die Ladefläche des Lastwagens zu werfen, tönt von weitem erneut das Surren des Helikopters, und er bringt schon die nächste Ladung. Die Schweine gehörten zu einem Betrieb, der sich mitten im überschwemmten Gebiet befindet. Eingesperrt in ihren Koben, ertranken die Tiere.
Der Helikopter schafft die dritte Ladung herbei. Insgesamt 650 Schweine sollen verendet sein; und einer der Umstehenden fügt hinzu, dass auch zahllose Kühe, Ziegen und Schafe in ihren Ställen ersoffen sind. Es hat also doch Tote gegeben. Ununterbrochen macht der Helikopter seine Transporte, so wird das weitergehen, bis die Dunkelheit kommt.
Der Tag endet nicht hoffnungsvoll.
Auf die vor uns liegende, weit sich ausdehnende Flut, die niemand gewollt hat, fallen die Regentropfen. Es beginnt jetzt stärker zu regnen. Von einer Faszination der Katastrophe ist hier nichts mehr zu spüren. Über die Männer und Frauen von Attinghausen, die noch immer so machtlos am Rande des Hochwassers stehen, hat sich eine Art von schweigender Trauer gesenkt. Selbst die Männer auf der Rampe, die bereits den dritten Lastwagen mit den Kadavern beladen, verrichten ihre traurige Arbeit ohne viel Worte.
Nur der Helikopter unterbricht das Schweigen der Menschen. Alle paar Minuten kehrt er zurück an den Rand der Flut, schlägt mit unheimlichem Lärm seine Flügel und hält in den Krallen die tote Beute. Er lässt sie vor unsere Füsse fallen, wie eine nicht wiedergutzumachende Schuld.
ENDE
Der Text stammt aus dem Buch von Nicolas Lindt «Die Freiheit der Sternenberger – Reiseberichte und Dorfgeschichten» (Zürcher Oberland Buchverlag 4. Auflage 2019). Erhältlich im ZO-Shop und im Onlineshop des Autors.
Überschwemmung der Reuss im Urnerland - Bericht im SRF am 25.8.1987