Europa steckt in einer tiefgreifenden Sinnkrise. Der Kontinent findet weder zu einer gemeinsamen Haltung noch zu einer eigenständigen Rolle in der Weltpolitik. Vor allem Westeuropa weiss nicht mehr, was es will. Die Gemeinsamkeiten schrumpfen, und ohne einen äusseren Feind fehlt dem Gebilde der innere Zusammenhalt. Dies schreibt der Publizist Thomas Fasbender in einem Kommentar für die Berliner Zeitung.
Im Kalten Krieg habe die Harmel-Doktrin der Nato-Aufrüstung und Dialog miteinander verbunden. Heute hingegen setzten europäische Politiker vor allem auf Dialogverweigerung gegenüber Russland und auf das Festhalten am ukrainischen Sieg. Dabei vertrete niemand wirklich «Europa» als Ganzes. Weder die estnische Aussenbeauftragte Kaja Kallas noch der französische Präsident Emmanuel Macron, die deutschen oder italienischen Spitzenpolitiker oder der polnische Regierungschef sprächen für den gesamten Kontinent. Die Interessen der Balten und Polen unterschieden sich grundlegend von jenen der Spanier, Deutschen oder Franzosen.
Europa brauche einen gemeinsamen Feind, um als geopolitisches Subjekt aufzutreten. Das Schweigen gegenüber Moskau spreche Bände. Zudem bröckle der gesellschaftliche Konsens weit über die Aussenpolitik hinaus. Grundlegende Fragen zu Wachstum und Klimaschutz, Moral und Eigeninteresse, Volk und Bevölkerung, Kindern und Heimat würden kontrovers diskutiert.
Der Niedergang der traditionellen Volksparteien zeige diesen Verlust an Selbstverständlichkeiten. Hinzu komme die rasche Veränderung vieler Länder zu Einwanderungsgesellschaften mit unkontrollierten Grenzen und wachsenden Sicherheitsproblemen. Nach dem Ende des Kalten Kriegs habe man von einer neuen, postnationalen Epoche geträumt. Nun folge das ernüchternde Erwachen. Mit dem möglichen Rückzug der USA unter Donald Trump sei Europa auf sich selbst gestellt – ohne bewährte Blaupause. Viele Menschen durchschauten das Elitenprojekt und suchten nach Schuldigen. Die Sinnkrise betreffe vor allem Westeuropa.