«Mehr Russen töten?» Kriegslogik ohne Grenzen im Fall Martens
Ein Nachtrag zu Erich Fromms Warnung vor der Sprache der Vernichtung - aus aktuellem Anlass
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Screenshot Youtube

Der Mut zum Leben in Zeiten der Destruktivität

Wer heute den Mut aufbringt, die herrschende Kriegsrhetorik psychologisch zu durchleuchten, stösst unweigerlich auf das zeitlose Vermächtnis von Erich Fromm. Er lehrte uns, dass wahrer Frieden niemals die blosse Abwesenheit von Krieg sein kann, sondern eine aktive, leidenschaftliche Hinwendung zum Lebendigen (Biophilie) erfordert. Seine grösste Sorge galt der Transformation des Geistes im Schatten globaler Konflikte: dem Abgleiten in das nekrophile Denken, welches den Menschen entmenschlicht, ihn zur blossen statistischen Variablen degradiert und die rationale Deeskalation mit dem Gegner bereitwillig opfert.

Der nachfolgende Beitrag dokumentiert anhand eines aktuellen, erschütternden Medienereignisses im August 2026, wie real Fromms Warnungen geworden sind. Wo Grenzen der Sprache fallen und das kalkulierte Töten offen eingefordert wird, dort bricht die dünne Decke unserer humanistischen Zivilisation. Dieser Nachtrag entlarvt jene Sprache und jene Geisteshaltung, die die Vernichtung zur Normalität erheben; er versteht sich als eine psychologische Analyse und gesellschaftliche Diagnose der aktuellen Enthemmung, während er die Vision einer humanen Friedensstrategie als notwendigen Ausweg zumindest andeutet.

Die Stunde der Wahrheit: Schockwelle auf der Pressekonferenz

Die gemeinsame Pressekonferenz am 8. August 2026 in Belgrad, bei der der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Serbiens Präsident Aleksandar Vučić auftraten, lieferte ein erschütterndes Lehrstück über den Zustand des gegenwärtigen euro-atlantischen Mediendiskurses, der zunehmend militärische Eskalation und Abnutzung über diplomatische Verständigung stellt (Vreme, 08.08.2026, S. 4; Die Weltwoche, 13.08.2026, S. 12). Es war die Frage des FAZ-Korrespondenten Michael Martens an Selenskyj, ob Europa und die Ukraine gemeinsam noch mehr Russen, konkret mehr russische Soldaten, töten können, die das latente Vokabular der aktuellen kriegslogischen Debatten mit brutaler Direktheit an die Oberfläche spülte (FAZ, 09.08.2026, S. 2). Während Selenskyj auf diese Entgleisung schwieg, setzte der serbische Gastgeber Vučić den moralischen Kontrapunkt, indem er unmissverständlich mahnte, dass das Töten endlich ein Ende haben müsse (B92, 08.08.2026, Online-Ressource).

Vom Beobachter zum Akteur: Die Anmassung der Medienelite

Es offenbart eine tiefe, grossmachtpolitische Arroganz, wenn sich ein westlicher Journalist im Kollektivplural von «wir Europäer» zum Sprecher eines ganzen Kontinents aufschwingt und diesen für eine Logik der Vernichtung vereinnahmt (Martens, in: FAZ, 09.08.2026, S. 2). Diese anmassende Pose verbindet sich bei Martens mit einer bezeichnenden Doppelbödigkeit: Während er sich beruflich auf dem Parkett von hochrangigen NATO-Treffen und Gipfeln der politischen Eliten bewegt, verharrt er gleichzeitig in einer bequemen, weltfremden Distanz zu den realen Schrecken der Frontlinie. Aus dieser exklusiven Nähe zur transatlantischen Macht und der gleichzeitigen geografischen Sicherheit heraus dekretiert er ein vermeintliches europäisches Mandat zum Sterben. Diese Haltung blendet völlig aus, dass Millionen Bürger in Europa diese mörderische Rhetorik eben nicht teilen und es nicht die Dauergäste von NATO-Fluren sind, die auf den Schlammfeldern zerfetzt werden, sondern dass hier über das Leben und Verbluten anderer wie über eine abstrakte Rechengrösse verfügt wird.

Das transatlantische Schlachtfeld: Das Verheizen an den Fronten

Die zynische Logik dieser Sprache offenbart sich jedoch nicht nur im Wunsch nach maximaler Vernichtung des Gegners, sondern ebenso im kaltblütigen Verheizen der eigenen Kräfte. In dieser entfesselten Abnutzungsstrategie werden unzählige ukrainische Soldaten sowie ausländische Söldner rücksichtslos in vorderster Linie verfeuert, um geopolitische Stellungen zu halten oder minimale Geländegewinne zu erzwingen. Sie werden von einer fernen, technokratischen Führungsebene in ein mörderisches Feuer geschickt, das kaum Überlebenschancen lässt. Gleichzeitig tilgt diese rein militärische Zielgrösse das unendliche Leid der Schwächsten aus dem Bewusstsein: Im gnadenlosen Hagel der Waffen werden jeden Tag sowohl russische als auch ukrainische Zivilisten getötet, deren Heimatorte zu Schutt und Asche zerfallen. Das zynische Kalkül trennt nicht zwischen Kombattanten und Unschuldigen; es opfert das Leben ganzer Völker auf dem Altar einer grenzenlosen Kriegslogik.

Russenhass und das Vergessen der Geschichte

Wer die Maximierung getöteter Menschen als erwünschte Zielgrösse formuliert, bedient einen enthemmten, tief sitzenden Russenhass, der fatal an finsterste antirussische Vernichtungsideologien erinnert. Es ist eine historische Schande angesichts der Tatsache, dass im Zweiten Weltkrieg mehr als 27 Millionen Menschen der Sowjetunion – die meisten davon russische Soldaten und Zivilisten – dem deutschen Vernichtungskrieg zum Opfer fielen (Bundeszentrale für politische Bildung, Aus Politik und Zeitgeschichte, 2021, S. 14). Die gedankenlose beziehungsweise zynische Instrumentalisierung des Todes von Menschen pervertiert jede europäische Erinnerungskultur in eine absurde Täter-Opfer-Inversion.

Das Denken der westlichen Elite und die FAZ-Apologie

Martens´ Wortwahl war kein bedauerlicher Versprecher, sondern das offene Eingeständnis eines Milieus, das in den Schaltzentralen der politischen Elite des Westens, der NATO, in Berlin und Brüssel den Ton angibt. Bestätigt wurde dies durch die spätere Apologie in der FAZ, die den Vorfall zu rechtfertigen suchte, indem sie auf Debatten von Verteidigungsexperten verwies, wie man personelle Schwierigkeiten in der russischen Armee erzeugen könne, um Wladimir Putin an den Verhandlungstisch zu zwingen (FAZ, 11.08.2026, S. 3). Hinter dieser bürokratischen Worthülse der «personellen Schwierigkeiten» verbirgt sich nichts anderes als die technokratische Schönfärberei massenhaften Tötens.

Der Triumph der Nekrophilie: Erich Fromms Diagnose der Zerstörung

Diese technokratische Vernichtungssprache offenbart jenes nekrophile Denken, das der aus der «FAZ-Stadt» Frankfurt stammende Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm (1900–1980) als pathologische Fixierung auf das Tote, Starre und Mechanische beschrieb (Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität 1973, S. 345). Martens reiht sich damit nahtlos in die von Fromm kritisierte Traditionslinie des faschistischen Generals Millán Astray und dessen Rufs «¡Viva la Muerte!» beim historischen Eklat von 1936 an der Universität von Salamanca ein – eine Geisteshaltung, der der Philosoph Miguel de Unamuno damals mutig entgegenhielt, es handle sich um einen rein nekrophilen Aufschrei gegen das Leben (Unamuno, zitiert nach Fromm, 1973, S. 348). Wenn lebendige Menschen im strategischen Kalkül nur noch als statistische Variablen der Zerstörung behandelt werden, triumphiert die totale Entfremdung über das Biophilie – jene von Fromm definierte, leidenschaftliche Liebe zum Leben, die das organische Wachstum und den bedingungslosen Schutz des Lebendigen in den Mittelpunkt stellt (Fromm, 1973, S. 362).

Der Verrat an der Menschenwürde

Zu guter Letzt entlarvt sich diese Sprache als fundamentaler Verrat an den Grundpfeilern unserer Zivilisation. Sie verletzt die universelle Menschenwürde nach Artikel 1 des Grundgesetzes (Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 1, Abs. 1) und das Bekenntnis zum Wert der menschlichen Person in der Präambel der UN-Charta (UN-Charta, 1945, Präambel, S. 1). Insbesondere tritt sie die prophetische Friedens- und Lebensbotschaft von Papst Leo XIV. mit Füssen, der erst kürzlich kompromisslos den Schutz jedes menschlichen Lebens vor mörderischer Machtpolitik und zynischem Verzehr eingefordert hat (Leo XIV., 2026, Enzyklika Magnifica Humanitas, S. 3). Wer das Töten zum Gegenstand journalistischer Wünsche macht, hat das moralische Fundament jeglicher Zivilisation preisgegeben.

Gegen die Logik des Todes: Die unentbehrliche Vision des Lebens

Genau hier verbindet sich die päpstliche Mahnung mit Erich Fromms humanistischem Mut zum Leben: Beide rufen dazu auf, der Logik der Vernichtung die unerschütterliche Kraft der Biophilie – die bedingungslose Liebe zum Lebendigen – entgegenzusetzen. Um heute echten Frieden zu schaffen, müssen wir uns von der Paranoia der Feindbilder lösen, politischem Schwindel entgegentreten und die Menschenwürde wieder ins Zentrum unseres Handelns rücken. Nur durch diese radikale Aufklärung und die gemeinsame Vision einer wahrhaft menschenwürdigen Gesellschaft lässt sich der positive Friede im Alltag verankern.


Zum Autor:

...Manfred Böhm, Jahrgang 1956, Publizist und Buchautor, Dipl.-Theologe, Studium der Katholischen Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Mainz und Tübingen, Ausbildung in Psychopädie (nach Dr. Derbolowsky) und Fortbildungen in Logotherapie, Publizistische Schwerpunkte: Spiritualität und Friedenstheologie

 

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