«Nur von Erinnerungen möchte ich nie leben»

Wie es mir gelang, meinen Liebeskummer zu kompensieren, wie ich mich beim Tages-Anzeiger bewähren musste und wie ich die Rolling Stones für erledigt hielt. Aus der Serie «Als ich mich in die Welt verliebte. Chronik einer Leidenschaft» von Nicolas Lindt #41.

«Haben die Stones ausgerollt?» fragte ich. / Nicolas Lindt

Der Frühling vor dem letzten Semester im Wirtschaftsgymnasium, vor der letzten Meile zur ersehnten Matura begann für mich persönlich mit einer Romanze, von der ich mir ein Ende des Wartens und Sehnens erhoffte. Am 6. April 1972 formulierte ich meine Hoffnung im Tagebuch, zusammen mit anderen Wünschen für meine Zukunft. Heute sendet man seine Wünsche, ganz esoterisch, ans Universum, obwohl sie damit nicht wahrer werden, wenn die Zeit für ihre Erfüllung nicht reif ist. Aber auch damals war ich nicht sicher, ob mich das Leben erhören würde. Ich sprach daher nicht von Wünschen, sondern – um Enttäuschungen vorzubeugen – von «Illusionen am 6. April»:

«Ich möchte es mit Monika schön haben, ich möchte die Matura bestehen, ich möchte eine grosse Zukunft vor mir wissen, ich möchte irre Musik entdecken. Ich möchte viele Länder und Menschen sehen, ich möchte viele Abenteuer erleben, ich möchte das Wort Durchschnitt nicht hören, und darüber hinaus: Ich möchte leben!»

Der erste und privateste Wunsch erwies sich tatsächlich als Illusion. Monika und ich fanden nicht zueinander. Beide massen wir unser Zusammensein an dem, was hinter uns lag. Monika hatte ihre letzte Beziehung gar nie richtig beendet, während ich noch immer an Iris dachte, die Engländerin, und an die Unschuld des ersten Kusses. Dagegen hatte Monika keine Chance.

Vor einiger Zeit packte mich einmal die Neugier – die mich eigentlich gar nie loslässt –, und ich suchte im weltweiten Netz, ob es Monika noch irgendwo gibt. Bald fand ich heraus, dass sie noch immer im Dorf meiner Kindheit wohnt. Ich weiss sogar genau wo, und als ich das nächste Mal an ihrem Haus vorbeifuhr, überlegte ich mir, bei ihr anzuhalten und an der Türe zu klingeln. Aber was würde ich zu ihr sagen?

«Weisst du noch», würde ich sagen, «damals haben wir’s bleiben lassen. Das Feuer brannte nicht stark genug.» Denn so war es. Wir würden uns beide wieder daran erinnern. An die Zweifel. An die Einsicht in die Unmöglichkeit. Da bin ich weitergefahren.

*

Das rasche Ende unserer frühlingshaften Begegnung tat weh. Aber auch diesmal gelang es mir bald, meinen Liebeskummer zu kompensieren mit neuen öffentlichen Eroberungen. Nur für die «Woche» und für die «Zürichsee-Zeitung» tätig zu sein, genügte mir nicht mehr. Ich wünschte mir ein grösseres Publikum und klopfte deshalb beim «Tages-Anzeiger» an, der im Unterschied zur vornehmen NZZ etwas näher beim Volk und beim vorwärtsdrängenden Zeitgeist stand und die am meisten verkaufte Tageszeitung von Zürich war.

Natürlich wollte ich auch beim Tagi über die neue Musik schreiben, die nun schon mehrere Jahre meine Domäne war. Doch wie schon bei der Zeitung vom See war Popmusik auch beim Tages-Anzeiger kein Thema für die Kulturseite. Nur das «Extrablatt der Jungen», eine einmal wöchentlich erscheinende Seite, kam für eine Musik in Frage, von der man noch immer nicht wusste, ob es sich bei ihr um Kultur handelte. Die Redaktorin der Seite, das kam hinzu, hatte auf mich nicht gewartet. Mit 18 war ich damals immer noch minderjährig. Und Minderjährige schrieben nicht für den Tages-Anzeiger.

Also wollte mich die Redaktorin erst prüfen. Sie verknurrte mich zu einem Artikel über zwei Pakistani, die von einer Stiftung die Möglichkeit für einen Arbeitsaufenthalt in der Schweiz erhielten. Widerwillig nahm ich das Thema an. Auftragsarbeit war ich mir nicht gewohnt, da fehlte mir jede Motivation. Aber wenn ich zum Tages-Anzeiger wollte, musste ich kompromissbereit sein – eine neue Erfahrung für mich, gegen die ich noch heute ankämpfe.

Doch als ich den Auftrag bekommen hatte, machte ich das Beste daraus. Ich machte das Thema zu meinem Thema. Zunächst rapportierte ich brav, was den beiden jungen Männern aus Pakistan an der Schweiz besonders gefiel. Sie lobten das Fondue, die Demokratie und die Pressefreiheit und stellten mit Verwunderung fest, bei uns sei «alles so ruhig und friedlich». Dann aber nahm ich kritisch aufs Korn, wie sie sich ihre Zukunft vorstellten:

«Leslie, dessen Familie zur pakistanischen Mittelschicht zählt, träumt bereits von der Gründung einer Familie in der Schweiz. Mirrani, der aus einfacheren Verhältnissen stammt, will sein Leben in Pakistan aufbauen. Für die Rückkehr in seine Heimat kaufte er sich deshalb nicht wie Leslie ein Tonbandgerät, sondern etwas Lebensnotwendiges – eine Nähmaschine. Für beide jedoch gilt als erstrebenswert, was junge Leute bei uns teilweise längst in Frage gestellt haben: eine bürgerliche Existenz mit dem ganzen Komfort moderner Zivilisation.»

Auf diese Weise schmuggelte ich diskret meine Weltanschauung hinein. Die Aussicht auf eine «bürgerliche Existenz» verabscheute ich zutiefst – obwohl ich den modernen Komfort durchaus nicht verschmähte. Und während ich das Tonbandgerät, das Leslie mit nach Pakistan nahm, in meinem Porträt etwas spöttisch als «Konsumspielzeug» titulierte, hätte ich meines nie hergegeben. Aber ich verzeihe mir diese Widersprüche. Denn die persönliche Inkonsequenz ist ein Vorrecht der Jugend. Wir durften die Welt der Erwachsenen kritisieren, wir durften sie anklagen. Auch wenn wir von ihr profitierten.

*

Mit meinem Porträt von Leslie und Mirran hatte ich den Fuss in der Tür des Tages-Anzeigers – und schon wenige Wochen später stiess ich die Türe ganz auf. Ich besprach für die Jugendseite das neue Album der Rolling Stones.

Es war ein Verriss. Ich spie Gift und Galle. Ich führte mich auf wie eine Geliebte, die ihrem Liebsten ihr Herz geschenkt hat und sich nun masslos enttäuscht sieht, weil er nicht mehr derselbe ist, als den sie ihn liebte, weil er sein wahres Gesicht zeigt. Wie hatte ich die Stones am Anfang verehrt! Sie waren die einzige Band gewesen, deren Poster ich aufgehängt hatte. Und ihr Sänger, Mick Jagger, erschien mir sogar in nächtlichen Träumen. Noch heute träume ich manchmal von ihm. Wenn es mir schlecht geht, kennt er mich nicht, wenn es mir gut geht, spricht er mit mir, als wäre es selbstverständlich, dass wir uns kennen. Er war der ältere Bruder, den ich nie hatte, und obwohl ich längst eingesehen hatte, dass mein Weg nicht das Singen, sondern das Schreiben war, bewunderte ich ihn insgeheim immer noch.

Doch es kam, wie es kommen musste. Meine Verehrung bekam ihre ersten Risse, je mehr ich am Beispiel der Stones erkannte, was der Kommerz aus den Menschen macht. Das eigenwillige, unangepasste und provozierende Image der Band wurde zur Masche. Und die Masche war ein Millionengeschäft. Die Dollars klimperten in der Kasse. Die Stones wurden reich. Sehr reich und verwöhnt. Verwöhnt vom kometenhaften Erfolg. Darunter litt die Musik. Mein Urteil auf der Jugendseite des Tages-Anzeigers war gnadenlos.

«Ich würde mich nicht wundern», begann ich gleich sehr direkt, «wenn die Rolling Stones mangels neuer Ideen wieder mit dem Rauschgiftdezernat zu tun bekämen: Drogen könnten sich für die Band als einziger Ausweg erweisen – die Songs auf ihrem Doppelalbum ‹Exile on Main Street› wirken schlaff und ausgelaugt, die Stones sind offensichtlich ausgeflippt. Ihr Jet-Set-Leben in Südfrankreich scheint ihrer musikalischen Schaffenskraft unübersehbar geschadet zu haben.»

Es war das erste Doppelalbum der Stones, und ich fand es total misslungen. «Es scheint», spottete ich, «als hätten sich Mick Jagger und Keith Richards eine Anzahl von Songtypen zurechtgeschustert, nach denen jetzt fleissig kopiert wird. Aus mehreren Songs hört man deutlich frühere Kompositionen heraus.»

Auch die zahlreichen Bläsereinsätze goutierte ich nicht: «Sie wirken genauso saftlos und stereotyp wie die ganze Musik. Ausserdem greift die Band immer mehr auf bewährte einfache Rock- und Boogie-Schemen zurück – was sie natürlich vom Suchen nach neuen musikalischen Möglichkeiten befreit. Und als ebenso ausgeleiert erweist sich ihr letztes Prädikatszeichen: Mick Jaggers Stimme – früher unerlässlich und antreibend, heute bloss noch ermüdend.»

Ich liess keine gute Rille, kein gutes Haar an der Doppel-LP und beendete meine Schmährede mit den Worten: «Da die Stones in jeder Beziehung begnadete Produzenten sind – ihre Rock-Maschinerie liefert zuverlässig und prompt –, haben sie eine grosse Stammkundschaft um sich geschart. Für stetigen Profit ist damit gesorgt.» 

Aus den Rolling Stones, mit anderen Worten, waren Kapitalisten geworden. Etwas Schlimmeres hätten sie mir nicht antun konnten. Denn inzwischen war die Kapitalismuskritik mein erstes Kriterium: Ging es um die Botschaft oder um den Profit? Das war der Massstab, den ich an die Musik und die Musiker legte. Und eine millionenschwere, im leeren Luxus badende Band wie die Stones musste an meinen strengen Kriterien scheitern.

Meine moralisierende Haltung verstellte mir natürlich den Blick. Ich hielt die Rolling Stones bereits für erledigt. Ihre grosse Zeit, so glaubte ich, war vorbei. «Haben die Stones endgültig ausgerollt?», fragte ich schon im Titel. Ich wusste noch nicht, dass auch Musiker nach ersten erfolgreichen Jahren in eine Schaffenskrise geraten können. Manche erholen sich nicht mehr davon – doch andere kehren zurück und strafen alle Kritiker Lügen. Das Comeback der Rolling Stones war gewaltig und es dauert immer noch an. Ein halbes Jahrhundert später füllen sie noch immer die Stadien.

Was ich allerdings richtig erkannte: «Exile on Main street» war musikalisch betrachtet ein Wendepunkt. Vorher gelang den Rolling Stones regelmässig das Kunststück, Alben zu produzieren, die fast ausnahmslos gute Stücke enthielten. Jeder Song war ein Treffer. Mit den 18 Kompositionen auf ihrem Doppelalbum jedoch muteten sie sich zu viel zu. Zu viele Wiederholungen, zu viel Mittelmass, zu viel Schrott. Der Achtzehnjährige hatte recht. Das einzige Lied auf «Exile on main street», das mir schon damals gefiel, war «Sweet Black Angel», und dasselbe erlebte ich mit allen Alben der Rolling Stones, die seither erschienen sind. Immer nur ein bis zwei Stücke lassen die alte Klasse der Band erkennen, alle anderen sind nichts wert. Und dazu passt auch, dass die Stones in all den Jahrzehnten seither an ihren Konzerten immer nur ihre Klassiker spielten. Mit wenigen Ausnahmen.

Ich wollte sie nie mehr live sehen. An ihrem Konzert im Hallenstadion vor einem halben Jahrhundert habe ich 13.20 CHF für das Ticket bezahlt. Mehr zu bezahlen, wäre ich nicht bereit. Denn so unwiederbringlich, so überirdisch und unvergänglich ihre Klassiker sind – Stücke wie «Ruby Tuesday», «Satisfaction» und «Paint it black», «Sympathy for the devil», «Gimme shelter» und «Lady Jane»: Eine Band, die bloss in ihrer Vergangenheit schwelgt, muss ich nicht auf der Bühne erleben. Ein Künstler, der nur sein Gestern reproduziert, ist irgendwo stehengeblieben.

Mit meinem Verriss hatte ich mein Idol, Mick Jagger, vom Sockel gestürzt. Das tat weh, aber es musste sein. In mein Tagebuch schrieb ich die Worte: «Was soll Mick Jagger jetzt noch machen? Er hat alles und er hat doch beinahe nichts, ausser den Ruhm und die Erinnerung. Eines weiss ich: von Erinnerungen allein möchte ich nie leben.»

Die nächste Folge der Serie «Wie ich mich in die Welt verliebte» erscheint am 5. Februar