Sein Tod hat keine «soziologischen Folgen»
Ein Teenager im Westjordanland wird von israelischen Soldaten beim Weglaufen gezielt erschossen - damit folgen sie genau den Anweisungen ihres Kommandanten: Steinwerfer sind zu erschiessen, es sei denn, sie sind Juden.
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«Die Soldaten werden sich freuen zu wissen, dass sie einen Fussballspieler getötet haben», sagt der Vater. Foto: Levac

Gideon Levy und Alex Levac sind ein bekanntes israelisches Journalistenteam, das seit Jahrzehnten für die liberale israelische Tageszeitung Haaretz zusammenarbeitet. Sie dokumentieren gemeinsam die humanitären und politischen Auswirkungen der israelischen Besatzung in den palästinensischen Gebieten.

In ihrem neuen Beitrag «Sein Tod hat keine soziologischen Folgen» geht es um die Erschiessung eines palästinensischen Teenagers im Westjordanland: Ein Soldat schoss ihn in den Rücken, nachdem er Steine geworfen hatte und davonrannte. Das findet die israelische Armee legitim, denn sie macht beim Vorgehen gegen Steinewerfer Unterschiede zwischen Palästinensern und Siedlern. Avi Bluth, der Chef des für das Westjordanland zuständigen Zentralkommandos, bestätigte das in einer nicht-öffentlichen Gesprächsrunde und widersprach nicht, als Ha’aretz darüber berichtete.

Angriffe palästinensischer Steinewerfer seien demnach «Terror» und es sei legitim, dagegen mit scharfer Munition vorzugehen. Im Jahr 2025 seien 48 Steinewerfer von Sicherheitskräften getötet worden. Zwar gehe auch von israelischen Siedlern, die Steine werfen, eine Gefahr aus, meine Bluth ein, aber: «Schüsse von Soldaten auf Juden hätten tiefgehende gesellschaftliche Folgen». Es sorge für Unruhe, wenn Soldaten auf Siedler schiessen - deshalb bevorzuge die Armee gegenüber Juden nicht-tödliche Mittel, sagte der Generalmajor. Gleichzeitig gab er zu: «Das bedeutet Diskriminierung.»

Laut Generalmajor Bluth ist es zulässig und vielleicht sogar notwendig, auf Steinewerfer zu schiessen – bei denen es sich in fast allen Fällen um Kinder oder Jugendliche handelt –, solange es sich um Palästinenser handelt. Sind sie Juden, dürfen sie wegen der «soziologischen Konsequenzen» einer solchen Tat nicht erschossen werden. Bluth prahlte zudem damit, dass die IDF unter seiner Führung mehr Palästinenser getötet habe als je zuvor. 

Nach dem bizarren Moralverständnis des Offiziers haben seine Truppen das Richtige getan, als sie den 15-jährigen Youssef Shtayyeh aus Nablus vor einigen Wochen kaltblütig aus beträchtlicher Entfernung erschossen, während er floh, ohne eine sichtbare Gefahr für sie darzustellen, schreiben Levy und Levac. 

Familie Shtayyeh wohnt in einem ruhigen Stadtteil von Nablus in einem modernen Wohnhaus; das Büro des Familienvaters Sameh, 49, eines wohlhabenden Bauunternehmers, liegt im Erdgeschoss. Seine Frau Nidah, 42, ist Apothekerin. Bis vor zwei Wochen hatte das Paar drei Söhne – Abdullah, 17, den 15-jährigen Youssef und den 10-jährigen Mohammed –, doch nun sind nur noch zwei übrig. 

Ende dieses Monats sollte die Familie eine zweimonatige Reise nach Spanien, Dubai und Saudi-Arabien antreten – eine Art Initiationsreise für Youssef. Er ist Leistungsschwimmer und Fussballspieler und träumte davon, Real Madrid spielen zu sehen.

Er habe sich sehr auf die Reise gefreut, sagt Sameh und fügt hinzu, dass sie jeden Sommer ins Ausland fahren, meist nach Dubai. Letztes Jahr hat sich Youssef dort mit ein paar israelischen Teenagern angefreundet. Aber dieses Jahr wird es keine Reise geben.

Am 23. April machten sich die drei Brüder auf den Weg zur Schule. Sameh versprach, sie alle am Ende des Tages abzuholen, aber er verspätete sich und fuhr schliesslich zuerst nach Hause. Es gab damals Gerüchte, dass die israelische Armee in die Stadt eingedrungen war und dass Soldaten auf dem Weg nach Rafidia waren.

In der Nachbarschaft waren Schüsse zu hören. Auf dem Weg bemerkte Sameh zwei Autos auf der Strasse. Er konnte damals nicht wissen, dass sein Sohn in einem davon im Sterben lag. In der Zwischenzeit tätigte er mehrere verzweifelte Anrufe bei Youssef, die alle unbeantwortet blieben, wie sein Handy zeigt. Seine Angst wuchs. Seine Frau, völlig verzweifelt, rief ebenfalls immer wieder ihren Sohn an. Zuerst sagte ihm jemand, der Teenager sei am Bein verwundet worden und liege im Rafidia-Krankenhaus, doch als er und Nidah dort ankamen, wurde ihnen mitgeteilt, dass kein Verletzter aufgenommen worden sei.

Der Wachmann des Krankenhauses bot Sameh seine Hilfe an und rief die anderen Krankenhäuser der Stadt an. Ein privates Krankenhaus teilte ihm mit, dass eine Person mit einer Schulterverletzung eingeliefert worden sei. Sameh, dessen Besorgnis immer grösser wurde, eilte dorthin.

Laut Salma a-Deb'i, einer Feldforscherin bei B'Tselem – dem israelischen Informationszentrum für Menschenrechte in den besetzten Gebieten – rasten am frühen Nachmittag drei Armeejeeps in die Stadt. Als die Fahrzeuge die Hauptstrasse verliessen und in Richtung des Stadtteils Rafidia fuhren, warfen fünf oder sechs junge Leute, darunter Youssef, ein paar Steine auf sie. Die Jeeps waren etwa 100 Meter entfernt, sagt a-Deb'i, die Steine stellten keine Gefahr für die Insassen der gepanzerten Jeeps dar.

Die Jeeps hielten an und drei Soldaten stiegen aus einem von ihnen aus. Augenzeugen berichteten a-Deb'i, dass einer zum ersten Jeep ging, mit einem Offizier sprach und dann eine Schussposition einnahm, auf einem Knie. Die Jungen begannen zu fliehen.

Der Soldat zielte und feuerte einen einzigen Schuss ab, der Youssef auf der rechten Seite des oberen Rückens traf, als er davonlief. Das Erschiessen und Töten einer Person, die um ihr Leben rennt, ist im Westjordanland offenbar zur Routine geworden.

Die Pressestelle der IDF erklärte, dass die ordnungsgemässen Verfahren zur Festnahme eines Verdächtigen eingehalten worden seien, doch laut den Zeugenaussagen geschah es genau umgekehrt: Zuerst wurde der Teenager getötet, und erst danach wurden Warnschüsse abgegeben. Unscharfes Videomaterial, das von weitem von einem Augenzeugen aufgenommen wurde, dokumentiert Youssefs letzte Momente. Man sieht, wie er auf ein vorbeifahrendes Privatfahrzeug zu stolpert. Die Insassen des Autos, ein älteres Ehepaar, erzählten dem B’Tselem-Feldforscher, dass sie zunächst nicht bemerkt hätten, dass der Junge wollte, dass sie anhalten, aber dann nahmen sie den verängstigten und verwirrten Jugendlichen in ihr Auto auf. Die Soldaten, so sagten sie, feuerten noch ein paar Schüsse auf Youssef ab, als er sich dem Auto näherte, und das Paar fürchtete um sein eigenes Leben. Erst als der Teenager plötzlich auf dem Rücksitz zusammenbrach, sahen sie Blut aus seiner Brust strömen, an der Austrittsstelle der Kugel.

In der Vergangenheit, so betont a-Deb'i, feuerten Soldaten Tränengas oder Blendgranaten auf Steinewerfer ab, aber in den letzten zwei Jahren schiessen sie, um zu töten. Die Pressestelle der IDF begnügte sich diese Woche mit einer standardmässigen, trockenen, allgemeinen Antwort: «Am 23. April, während eines Einsatzes der Sicherheitskräfte in Nablus, im [der Shomron-Brigade zugewiesenen] Gebiet, warf ein Terrorist Steine auf die Streitkräfte. Die Streitkräfte führten das Verfahren zur Festnahme des Verdächtigen durch [und] eröffneten am Ende das Feuer auf den Terroristen. Die Behauptung, dass ein Palästinenser an Ort und Stelle getötet wurde, ist bekannt.»

Im Krankenhaus wurde Sameh und Nidah mitgeteilt, dass Youssef auf dem Operationstisch gestorben sei.  «Der Soldat hat gezielt auf mein Kind geschossen», erzählt der trauernde Vater den beiden Journalisten. «Ich möchte euch fragen: Hilft die Tötung meines Sohnes dem grossen Israel? Wie kann ein Land wie Israel auf Kinder schiessen? Und noch eine Frage: In Tel Aviv demonstrieren Menschen und bewerfen die Polizei mit Gegenständen – werden sie getötet? Mein Sohn hat keine Raketen gebaut. Er hat keinen Soldaten gefährdet. Das Erschiessen von Kindern schadet eurem Image international. Das Töten von Kindern ist keine Lösung für irgendetwas.»
 

 

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