Dies ist die Erkenntnis, die sich aus dem XVII. Weltsozialforum in Cotonou ergibt. Bei dieser Veranstaltung kamen Hunderte afrikanische Organisationen und internationale Bewegungen zusammen, die sich gegen Rohstoffraub, Kriege und Neoliberalismus engagieren.
Zu den Hauptakteuren des Forums gehörte Vittorio Agnoletto, der langjährige Sprecher des Genua-Sozialforums. Er schildert, wie Afrika heute eine der fortschrittlichsten Keimzellen für eine neue Annäherung zwischen Bauern-, Gewerkschafts-, Umwelt-, Frauen- und Friedensbewegungen darstellt. Eine Annäherung, die gerade wegen ihrer politischen Kraft bereits vor der offiziellen Eröffnung der Veranstaltung mit Repression seitens der beninischen Behörden konfrontiert war.
Frieden beginnt mit der Erde
Das politische Herzstück des Forums war der von den Karawanen ausgearbeitete Aufruf mit dem Titel «Frieden auf der Erde, Frieden mit der Erde». Diese Karawanen waren aus elf westafrikanischen Ländern aufgebrochen und nach einem langen Mobilisierungsprozess in Cotonou zusammengekommen.
«Der Aufruf», erklärt Agnoletto, «entstand aus der Versammlung der Karawanen, in denen sich Aktivist:innen zusammengeschlossen haben, die sich für den Schutz des Landes und die Wahrung der Ernährungssouveränität einsetzen. Er ist das Ergebnis von zehn Jahren Arbeit der Bewegung für die globale Konvergenz der Kämpfe um Land und Wasser in Westafrika.»
Es handelt sich um eine sehr konkrete politische Plattform, die Land Grabbing – die Aneignung von Land durch multinationale Konzerne –, die Last illegitimer Schulden sowie ein Wirtschaftsmodell anprangert, das Wasser, Boden und Saatgut in Waren verwandelt. «Wenn das Forum vom Frieden mit der Erde spricht», fügt Agnoletto hinzu, «setzt es sich für eine Versöhnung zwischen Menschen, Lebewesen und der Umwelt ein. Der Schutz der Gemeingüter wird zur Voraussetzung dafür, sowohl die ökologische Zerstörung als auch die durch das derzeitige Entwicklungsmodell verursachten Ungleichheiten zu überwinden.»
Für den langjährigen Sprecher des Sozialforums von Genua besteht die grosse Neuheit gerade darin, Ökologie und soziale Fragen in einem einzigen gemeinsamen Kampf zu vereinen.
Der Neoliberalismus als neue Form der Kolonialisierung
«In Cotonou», berichtet Agnoletto, «hatte man den Eindruck, Zeuge der Entstehung einer panafrikanischen Bewegung zu werden, die – in Anlehnung an die Unabhängigkeitskämpfe der 1960er-Jahre – heute ihre Autonomie und Unbeugsamkeit gegenüber dem Neoliberalismus einfordert. Dieser reproduziert Abhängigkeitsverhältnisse durch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die finanzielle Kontrolle über afrikanische Gebiete.
Es ist kein Zufall, dass die zentrale Botschaft des Forums der Kampf für die kulturelle und wirtschaftliche Entkolonialisierung war. Dieser Konflikt ist unvermeidlich, da er auch einen Grossteil der afrikanischen Regierungen betrifft, die heute untergeordnete Partner der globalen Wirtschafts- und Finanzzentren sind.
Diese Kritik macht auch vor der internationalen Zusammenarbeit nicht Halt. Auch sie muss dekolonisiert werden: Die Entscheidungen, Ziele und Prioritäten müssen von denjenigen festgelegt und verwaltet werden, die in diesen Gebieten leben – nicht von denen, die von aussen kommen, und schon gar nicht von den Gebern.»
Agnoletto stellt fest, dass Kriege, Klimawandel und die Verarmung der Bevölkerung eng miteinander verflochten sind.
«Kriege verstärken die globalen Ungleichheiten und werden zu einem Instrument, durch das neue Beziehungen wirtschaftlicher Herrschaft gefestigt werden. Massa Konè, der charismatische Anführer der Convergenza, eines Netzwerks von Landbewegungen, das derzeit in ganz Westafrika und perspektivisch auf dem gesamten Kontinent aktiv ist, hat dies in seiner Rede auf der Abschlussversammlung sehr gut erklärt: «Sie wollen ihre Kultur weltweit durchsetzen und sie Zivilisation nennen. Frieden ist die Grundlage für eine wahrhaft nachhaltige Entwicklung. Die Kriege, die heute in Afrika toben, sind nicht unsere Kriege. Wir wollen einen afrikanischen Kontinent, auf dem keine Visa erforderlich sind, um Grenzen zu überschreiten, denn nur die Beziehungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen schaffen Wissen und Zusammenleben.»
Afrika präsentiert sich somit nicht nur als Opfer des zeitgenössischen Kolonialismus, sondern auch als Akteur, der in der Lage ist, eine politische Alternative zu entwickeln, die auf Gemeingütern und der Souveränität der Völker basiert.
Warum das Forum der Regierung von Benin Angst machte
Die Behörden von Benin hatten zunächst untersagt, die Universität für die Veranstaltung zu nutzen. Sie stoppten einige Karawanen und schickten AktivistInnen aus Haiti und Europa in ihre Heimatländer zurück. «Diese Repression war kein Zufall», erklärt Agnoletto. «Mehr als 80 % der Veranstaltungen organisierten afrikanische Organisationen. Afrika stand im Mittelpunkt der politischen Debatte.»
Und genau diese zentrale Rolle Afrikas hat die Machthaber beunruhigt. «Diese Bewegungen stellen nationale Regierungen infrage, die oft vollständig den Interessen westlicher Konzerne und Grossmächte untergeordnet sind.»
Das Forum führte zu einer «doppelten Konvergenz»: einerseits zwischen verschiedenen Bewegungen – Bäuer:innen, Gewerkschaften, Umweltschützer:innen sowie feministischen und pazifistischen Netzwerken –, andererseits zwischen Organisationen aus zahlreichen Ländern West- und Zentralafrikas, die gemeinsame Kämpfe weit über nationale Grenzen hinweg führen.
«Diese doppelte Konvergenz macht den lokalen Machthabern Angst. Die Botschaft der Regierung war klar: Die Bewegungen sollten daran erinnert werden, wer die Macht hat. Erst als die Repression internationale Kritik hervorrief, durfte das Forum fortgesetzt werden.
Die politische Lage in Benin ist von einem besorgniserregenden autoritären Rückschritt geprägt. Dieser zeigt sich im Ausschluss zahlreicher Parteien von den Wahlen und in der Einrichtung eines ernannten Senats, der die Rolle der repräsentativen Institutionen einschränken soll.
Das Fehlen des Westens und die Rolle der Jugend
Eine Schwäche war die geringe Beteiligung westlicher Bewegungen, die die Bedeutung der aktuellen Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent unterschätzt haben. Für Agnoletto gab es noch eine weitere Schwäche des Forums: «Die Erfahrungen der Generation Z, die beeindruckende Proteste in Bangladesch, Indonesien, auf den Philippinen, aber auch in Kenia, Madagaskar und Marokko angeführt hat, sollten viel eingehender untersucht werden. Im Forum spielten diese Erfahrungen jedoch nur eine Nebenrolle.»
Diese Mobilisierungen bieten, wie er bemerkt, einen natürlichen Anknüpfungspunkt für den Aufbau internationaler Netzwerke und könnten einer heute zersplitterten globalen Bewegung neuen Schwung verleihen.
«Die Zeit drängt: Wir müssen wieder ein ‚Wir‘ aufbauen.»
Fünfundzwanzig Jahre nach Porto Alegre und Genua regt das Sozialforum von Cotonou auch zum Nachdenken über die Zukunft der globalisierungskritischen Bewegung selbst an. Laut Agnoletto «sendet uns das Forum eine klare Botschaft: Die menschlichen Kräfte, um das Schicksal der Welt zu verändern, sind vorhanden. Doch es reicht nicht aus, sich alle zwei oder drei Jahre zu treffen: Wir brauchen gemeinsame Strategien und Mobilisierungen, globale Kämpfe.»
Dies erinnert unweigerlich an den 15. Februar 2003, als über hundert Millionen Menschen gegen den Irakkrieg demonstrierten.
«Seitdem», erinnert sich Agnoletto, «ist es uns nicht mehr gelungen, eine weltweite Bewegung dieser Stärke aufzubauen, während das Finanzkapital immer mehr Macht in den Händen einiger weniger konzentriert hat. Wir müssen unsere Organisation neu überdenken, um die Kämpfe zu koordinieren, denn der Gegner ist ein und derselbe. Dieses Ziel zu erreichen, ist heute eine Voraussetzung für das Überleben des Planeten und aller Lebewesen.»
Das Sozialforum von Cotonou endet somit mit einer gemeinsamen Überzeugung der anwesenden Bewegungen. Der Aufbau eines neuen Internationalismus der Völker erfordert die Verteidigung des Friedens, der Erde und der Gemeingüter gegen jede Form neoliberaler Ausbeutung und Herrschaft. Notwendig ist aber auch, den Eurozentrismus endgültig zu überwinden – ebenso wie die nach wie vor tief verwurzelte Überheblichkeit, unser Teil der Welt könne den anderen etwas beibringen.
Jetzt ist der Moment für gegenseitiges Zuhören und gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen den sozialen Bewegungen auf allen Kontinenten.
Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!