Der neue Zeitpunkt «Das Ende der Gewissheit» erscheint am 19. Februar. Sie können ihn für Fr./€ 10.– statt 15.- bestellen. Das Angebot ist gültig bis 16. Februar.
Können wir mit Logik umgehen?
Denn wenn Logik diese Frage beantworten kann – «Wo bitte ist die Sicherheit» –, dann liegt die Antwort auf der Hand.
Starten wir:
- Sicherheit heisst: Nichts Unerwartetes überrascht uns. Es gibt keine Veränderung.
- Unsere Welt aber definiert sich durch Veränderung. Allein schon die Bewegung des Planeten – mit schräger Achse und abwechselnden Abständen zum Zentralgestirn – sorgt dafür, dass Veränderung allem Irdischen immanent ist: Jahreszeiten, wechselnde Klimaperioden, Eiszeiten, Völkerwanderungen: Leben auf dieser Erde ist Veränderung.
- Schauen wir aber noch nach innen: Denn obiger Blick aufs Irdische ist nur der Blick nach aussen. Ist auch in uns alles Veränderung?
- Ja und Nein. Ja, wenn wir den Strom von Gefühlen, Gedanken, Ideen in den Blick nehmen: Er ist ebenfalls unablässig neu. Von der Wiege bis zur Bahre: Wir denken, ob wir wollen oder nicht.
- Ergo ist Sicherheit wenn, dann ausschliesslich jenseits des Denkens zu finden. Doch gibt es das, ein «Jenseits des Denkens» – ausserhalb des Tiefschlafs?
Das uralte Vermächtnis der indischen Yoga-Tradition sagt «Ja». Es spricht seit Jahrtausenden von turya. Schlägt man diesen Sanskrit-Begriff im Lexikon nach, dann lernt man: turya meint «den Vierten» (Bewusstseinszustand) – neben Wachzustand, Traum und Tiefschlaf.
«Der Vierte» wird beschrieben als Wachheit, aber als inaktive Wachheit, als «ruhevolle Wachheit»: Bewusstsein, ja, aber Bewusstsein ohne Aktivität, ohne Bewusstseinsinhalte. Bewusstsein pur.
Mithin ist dieser vierte Hauptbewusstseinszustand identisch mit dem unveränderlichen Empfinden des «Ich bin». Einfaches Sein, wach erlebt. Frei von Veränderung. Und mithin Sicherheit pur.
Insofern hätte das alte Yoga-System recht: Unveränderlichkeit findet sich nicht im Aussen, nicht im Innen (Gedanken, Gefühle, Ideen), sondern nur dort, wo alle Lebendigkeit zur Ruhe kommt und nur noch in sich selber ruht.
Diese «Erfahrung» des Nicht-Erfahrens erlebt man gelegentlich spontan – zum Beispiel in der Schönheit der Natur, in Momenten unbedingter Liebe, in Momenten eines «Flusses», der nur sich selber kennt.
Wer also Sicherheit sucht, ist gut beraten, turya aufzusuchen.
Neben dem turya wartet der Yoga, eines der sechs Systeme klassisch-indischer Philosophie, mit noch zwei weiteren spektakulären Informationen auf:
Der menschliche Mentalapparat («Geist» im Sinne des englischen mind) tendiert von Haus aus in Richtung turya. Man muss ihn nicht dort hinprügeln.
Das Yoga-System hat, über Jahrtausende hinweg, Techniken identifiziert, mit deren Hilfe der Eintritt des bewegten Geistes in den Zustand des unbewegten, unveränderlichen turya jederzeit gelingt: alltagstauglich, mühelos und routinekonform. Eine Knopfdrucktechnologie sozusagen. Aber das ist eine andere Geschichte, die gern ein andernmal erzählt werden kann. Wichtig bleibt: Sicherheit gibt es, und sie steckt tief in uns.
Jochen Uebel, Freiburg i.Brsg.
Unsere Hoffnung besteht im gemeinsamen Bewusstwerden unserer Vergangenheit
Der deutsche Kulturkritiker und Philosoph Walter Bejamin (1892-1940) wies zeitlebens darauf hin, dass Geschichte sich nicht immer weiter und höher entwickelt, sondern dass sie immer auf den Grundlagen der Vergangenheit gebaut ist. Wir dürfen nicht ein gelobtes Land erwarten, nicht menschliche und friedliche Zustände, solange die Fundamente unseres Zusammenlebens in den katastrophalen Geschehnissen der Vergangenheit liegen. Wir haben ein 20. Jahrhundert der gigantischen Kriege hinter uns, der Eliminierung nicht nur von Soldatenarmeen, sondern von immer grösser werdenden Menschenmassen, die der Vorherrschaft der involvierten Mächte geopfert wurden - ohne Wimpern zucken, als völlig selbstverständliche Opfer für höhere Zwecke. Die erhabene Aufgabe, seine Nation vor dem drohenden Untergang bewahren zu können, liess einen Soldaten nach dem andern Opfer werden und den Gang zum Höllentor antreten. Und erlebten wir nicht einmal gerade praktizierten Krieg, tobte der Kalte Krieg an unseren Pforten und als in Europa endlich die Mauer fiel, wurde das für den als frei gelobten Westen zum Fanal für den erneuten Angriff auf Russland.
Wann haben wir jemals friedliche Zeiten erlebt? Vor 100 Jahren etwa, vor 200 oder vielleicht vor 300 Jahren? Nein, Fehlanzeige. Das christliche Abendland ist eine riesige Blutlache, anders kann man unsere Zivilisation nicht benennen. Und in dieser Blutlache sind wir aufgewachsen, sind darin gebadet und unser Geist darin getränkt worden. Dies erklärt auch unsere Schwierigkeiten, uns aus diesem Morast herauszubefreien und lichtere Menschen zu werden. Und wenn wir auch im Moment gerade sehr unruhige Zeiten erleben, mit technischen Entwicklungen konfrontiert werden, die wir weder gesucht und gewünscht haben, und wenn jetzt vieles ungewiss ist, so ist doch eines sicher, zum Wohle von uns Menschen ist alles bestimmt nicht inszeniert worden. Wir werden noch viele Angriffe auf unsere Unversehrtheit gewärtigen müssen, doch innehalten werden diese Wahnsinnigen nicht, diese Verbrecher und Helfershelfer.
Auf Menschen müssen sie schon lange keine Rücksicht mehr nehmen, schon längst haben sie sich ja dem Menschsein entledigt, ausser sie würden in ihrem Tun gestoppt werden. Nur die Kraft der Stärkeren kann sie bremsen, nicht die Einsicht, aber die gestärkte Einsicht, dass ein neues Leben auf Mutter Erde begonnen hat. Unsere Hoffnung besteht im gemeinsamen Bewusstwerden unserer Vergangenheit, damit wir uns immer mehr von unserem das Zusammenleben störende Verhalten wegbewegen können. Darin liegt unsere Gewissheit: Zusammen müssen wir weiter gehen auf dem Weg der Menschwerdung.
Christoph Hefel, Zürich