Die Liste der Politiker und Experten, die in Bern auf dem Bundesplatz sprechen werden, ist hochkarätig:
- Prof. Dr. Dr. iur. et phil. Alfred de Zayas UNO Völkerrechtsexperte
- Dr. Pascal Lottaz, Associate Prof., Japan, www.neutralitystudies.com
- Jacques Baud, Oberst im Generalstab a.D. (zugeschaltet aus Brüssel)
- Prof. em. Dr. Dr. Wolf Linder Politologe, www.swissneutralitynow.ch
- Ralph Bosshard Oberstleutnant im Generalstab a.D.
- Philipp Kruse, Rechtsanwalt
- Jean-Daniel Ruch Ehem. Schweizer Botschafter
- Pirmin Schwander, Ständerat SVP
- Maria Pia Ambrosetti, Grossrätin, HelvEthica-Ticino.ch
- Massimiliano Ay, Grossrat Kt. Tessin Partito Comunista
- Christoph Pfluger Verleger, Initiant Bewegung für Neutralität
Elf «namhafte Experten», so heisst es in der Medienmitteilung, «präsentieren ihre Argumente: Warum die schweizerische Neutralität eine Voraussetzung für Diplomatie, Friedensstiftung und Friedensvermittlung ist. Und warum einseitige Sanktionen und eine militärische Anbindung an NATO/USA/EU unsere Sicherheit und Souveränität gefährden.»
Ihre Argumente haben Gewicht. Sie werden mich darin bestätigen, dass ich am 27. September zur Neutralitätsinitiative JA sagen werde. Aber begründet haben sie meine Haltung nicht. Mein JA zur Neutralität hat nichts mit Argumenten zu tun. Mein JA ist entstanden aus einem Gefühl. Aus einem Gefühl, das ich schon seit langem empfinde.
Mein Gefühl hat mit Liebe zu tun. Mit der Liebe zur Schweiz. Und weil ich sie liebe, will ich, dass sie neutral ist – oder es wieder wird. Ich wünsche mir, dass das Land, das meine Heimat ist, keine Feinde hat. Ich wünsche mir, dass die Schweiz nach allen Seiten hin gute Beziehungen pflegt. Sie soll eine Insel des Friedens bleiben. Und sie soll darin anderen Staaten ein Beispiel sein.
Ich sage ja zur Neutralität, um die Schweiz zu beschützen. Ich will sie schützen, weil ich sie liebe. Warum aber liebe ich sie? Liebe ist nicht einfach da. Liebe will wachsen. Und genau das geschah. Meine Liebe zur Schweiz begann zu wachsen in meiner Kindheit.
Ich erzähle davon in meinem Buch «Orwells Einsamkeit – mein Weg zu einem persönlichen Denken». Ein Auszug daraus:
«Als ich ein Kind war, hatte ich das Glück, die Schweiz, das Land, in dem ich aufwuchs, von oben zu sehen. Mein Vater war bei der Swissair tätig, und das bedeutete damals: wenig Verdienst, aber viele Freiflüge.
Fast gratis konnten wir fliegen. Wir blieben zwar stets in den Grenzen Europas, doch wir flogen ins Ausland, und das Ausland war damals weiter weg als es heute ist.
Unzählige Male, am runden Bordfenster klebend, erlebte ich als Kind mit Spannung den Augenblick, wo sich der Captain meldete und darauf hinwies, dass die Schweizer Grenze nun hinter uns lag.
Schon bald erkannte ich selber: Diese Landschaft da unten gibt es nicht in der Schweiz. Diese Berge sind viel zu verbrannt, diese Ebene ist zu gross, oder vor allem: Dieses Seeufer ist zu lang. Das ist kein Ufer, sondern die Küste des Meeres. Auf diese Weise lernte ich nach und nach, was Ausland bedeutet. Ich lernte es vor allem beim Fliegen, beim Blick auf die unter uns ausgebreitete Karte. Diese Flüge hinaus in die weite Welt begeisterten mich.
Doch jedesmal, nach einer Weile im Ausland, wuchs dann wieder der andere Wunsch – nach Rückkehr ins Nest. Es zog mich heim, zurück in die vertraute Umgebung. Und die Vorfreude auf das Zuhause begann schon im Flugzeug. Wieder blickte ich aus dem Fenster, noch befanden wir uns in luftiger Höhe – doch dann, im Sinkflug, kam die Landkarte näher, Einzelheiten wurden erkennbar, und jetzt sah ich es deutlich: Wir befanden uns über der Schweiz.
Der Anflug auf Kloten, soweit ich mich erinnere, erfolgte meistens über den Aargau. Doch das, was ich sah, aus dem Fenster des Flugzeugs, diese sanfte, freundliche Landschaft mit ihren Waldstücken, Feldern, gewundenen Flüssen und Dörfern, war für mich nicht bloss der Aargau. Was ich sah, war die Schweiz, das Territorium der Schweiz.
Vor meinem Auge entfaltete sich eine wunderbar geordnete, schöne Welt, die von Augenblick zu Augenblick grösser wurde, je tiefer wir auf sie zuhielten. Ich empfand schon damals den unübersehbaren Gegensatz zwischen der verschandelten Umgebung ausländischer Flughäfen und der Beschaulichkeit dieser Schweizer Landschaft im Anflug auf Kloten. Ich empfand auch den Gegensatz zwischen der ausgetrockneten braunen Erde des Südens und dem fruchtbaren Bild, das mir die Schweiz jedes Mal zur Begrüssung darbot.
Dieses Bild von der Schweiz prägte sich mir jedes Mal fester ein. Und so gewann ich den Eindruck, dass das Land, zu dem ich gehörte, ein geordnetes und ein schönes Land war. Das ist meine Heimat, lernte ich damals. Meine Heimat ist schön. Ich fühlte, mit der Ahnung des Kindes, dass Ordnung – Ordnung im Sinne von Harmonie – und Schönheit in einem Zusammenhang stehen.
Dann lernte ich, dass die Schweiz neutral war und sich aus Kriegen heraushielt. Ich lernte, dass das Rote Kreuz aus der Schweiz stammt, ich erfuhr vom Kinderdorf Trogen, von den Flüchtlingen 1956 aus Ungarn, die bei uns eine Bleibe fanden, ich erfuhr, wie die Schweiz den hungernden Kindern in Biafra half – und so wuchs in mir diese zweite Empfindung: Dass das Land, in dem ich lebte, ein gutes Land war, ein Land, das niemandem übel wollte, das hilfsbereit und friedliebend war.
Gleichzeitig empfand ich das Dritte, und dieses Dritte ist mit Abstand das Wichtigste: Ich erfuhr die Geschichte von Wilhelm Tell, die Geschichte von der Vertreibung der Vögte, vom Rütlischwur, und ich lernte und verinnerlichte, dass die Schweiz ein freies Land war. Niemand hatte sie je unterjochen können, sogar in den Weltkriegen blieb sie, wie durch ein Wunder, frei und verschont.
Diese Freiheit entdeckte ich auch in der Freiheit des Individuums. Ich entdeckte, dass wir, die Schweizer, im Unterschied zu den Menschen hinter dem Eisernen Vorhang und auch im Unterschied zu den Menschen in ärmeren Ländern, reisen konnten, wohin wir wollten. Ich entdeckte, dass uns berufliche Wege, Wege der Bildung, Wege zum Wohlstand offenstanden, als Chancen, die wir nur zu ergreifen brauchten. Ich entdeckte, dass wir frei heraus schreiben und sagen konnten, was wir zu sagen hatten, dass wir keine Angst haben mussten; und ich lernte, dass wir als Staatsbürger mitbestimmen und mitreden können in einem Ausmass wie nirgends sonst auf der Welt.»
So bin ich aufgewachsen. So entstand meine Liebe zur Schweiz.
Später folgten kritische Jahre. Das musste so sein. Ich fand unser Land nicht mehr schön, sondern kapitalistisch. Ich wusste auch die Neutralität nicht mehr zu schätzen. Ich fand sie langweilig, und ich wollte, dass die Schweiz Stellung nimmt. Ich wollte, dass sie Partei ergreift.
Heute weiss ich, dass unser Land nicht diese Aufgabe hat. Heute weiss ich, dass die Schweiz ein Sonderfall ist. Wenn wir uns ihre Topografie ansehen, was fällt uns auf? Alles ist auf die Mitte hin konzentriert, und mittendrin liegt der Gotthard. Allein schon dieser überirdische Name. Das ist kein gewöhnlicher Berg. Er repräsentiert das Herz der Schweiz. Im Gotthardmassiv entspringen Ströme und Wege nach Norden, Süden, Westen und Osten.
Ein Abbild davon ist das Wappen der Schweiz. Das weisse Kreuz im roten Feld, das schon seit 1339, seit der Schlacht bei Sempach besteht, zeigt in alle vier Himmelsrichtungen – als wäre die Schweiz dazu erschaffen, der Verständigung und dem Ausgleich zu dienen.
Das Schweizer Kreuz, sich widerspiegelnd im Roten Kreuz, ist ein starkes Bild. Es symbolisiert auch die Viersprachigkeit in unserem Land – und nicht zuletzt ist das Kreuz Symbol für Himmel und Erde.
Mich berührt, wie das alles zusammenhängt. Auch die Geschichte der Schweiz, ihre Unabhängigkeit, die schon so lange währt, ihr Verschontsein von Kriegen und Katastrophen, dieses zwar nicht verdiente, aber offenkundige Glück: Das alles, denke ich, kann doch kein Zufall sein. Das alles prädestiniert doch die Schweiz, innerhalb von Europa und in der Welt eine Rolle zu spielen – eine vermittelnde, Frieden stiftende, beispielgebende Rolle!
Auch deshalb liebe ich unser Land, weil es diese Aufgabe hat. Und aus dieser Liebe heraus sage ich Ja zur Neutralität.
Aber Liebe ist kein Argument. Liebe ist ein Gefühl. Und am 29. August an der Kundgebung in Bern wird nicht von Gefühlen die Rede sein.
Natürlich empfinden auch die angekündigten Redner eine Liebe zur Schweiz. Sonst würden sie gar nicht ans Rednerpult treten. Aber sie werden voraussichtlich nicht von der Liebe sprecben. Oder höchstens in ein paar Worten. Sie werden von Argumenten, von Politik, von Zahlen und Fakten sprechen.
Wer aber spricht von Gefühlen? Frauen – ich glaube das sagen zu dürfen – nehmen Gefühle ernster als Männer. Unter den elf Referenten jedoch ist nur eine einzige Frau. Und auch sie ist eine Politikerin. die es gewohnt ist, mit Argumenten zu kämpfen.
Wer also spricht von Gefühlen? Wer von Gedanken, Erlebnissen, Bildern? Künstler zum Beispiel. Musiker, Schauspieler, Kabarettisten, Filmschaffende – und besonders Dichter und Denker. Aber auf der Rednerliste finden sich keine Kulturschaffenden.
Ich bat die Veranstalter deshalb, an der Kundgebung ein paar Worte sprechen zu dürfen. «Manchmal», argumentierte ich, «geht vor lauter Politik ein wenig vergessen, dass auch die Worte eines Schriftstellers geeignet sind, die Herzen der Menschen anzusprechen.»
Die Rednerliste sei leider schon voll, wurde mir geantwortet.
Ich respektiere das und ich freue mich auf die Reden, die am 29. August in Bern zu hören sein werden. Es sind kompetente und mutige Stimmen, und ich bin ihnen dankbar für ihr Engagement. Ich danke auch den Veranstaltern für die Vorarbeit, die sie geleistet haben, um in so kurzer Zeit ein so dichtes Programm zusammenzustellen. Aber ich stelle fest, nicht zum erstenmal, dass politisch aktive Menschen, auch wenn es kritische Menschen sind, den Argumenten mehr Gewicht beimessen als den Gefühlen. Das ist bedauerlich.
Argumente erreichen den Kopf. Das Herz erreichen sie nicht. Das JA für die Neutralität jedoch ist ein Herzensentscheid. Die Argumente folgen dem Herzen. Sie sind die Versicherung für den Kopf. Damit der Kopf den Gefühlen glaubt.
Wenn einer der Redner diese Zeilen zufällig liest, wünsche ich mir, dass er sich meine Worte, die inspirierend gemeint sind, zu Herzen nimmt und seine Rede in Bern nicht als Politiker oder Experte beginnt, sondern als Mensch. Ich wünsche mir, dass er in ganz persönlichen, emotionalen Worten beschreibt, warum er die Schweiz und die Neutralität für schützenswert hält.
In diesem Sinne: Aus Liebe zur Schweiz - auf nach Bern am 29. August!
Der im Text enthaltene Auszug stammt aus dem jüngsten Buch des Autors. «Orwells Einsamkeit - 1984, sein Leben und mein Weg zu einem persönlichen Denken». Erhältlich im Buchhandel, auch als E-Book oder signiert im Onlineshop des Autors.
Nicolas Lindt rief bereits vor 4 Jahren im «Zeitpunkt» zu einer Grosskundgebung für die Neutralität auf: «Der steinige Weg zur Rückeroberung der Neutralität»