Unter der Oberfläche: Was Palästinenser über sich selbst und ihre Zukunft denken
... und wie das ein Israeli einordnet, der zeitlebens viel in Kontakt mit Palästinensern war.
...
Nach 48 Jahren bleibe ich überzeugt, dass die palästinensische Gesellschaft eine weit grössere Fähigkeit zu Pragmatismus, Mässigung und politischem Wandel besitzt, als ihre öffentliche Rhetorik vermuten lässt. Bild: Shutterstock

Nach 48 Jahren des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit mit Palästinensern ist die Chance gross, dass ich persönlich mehr Palästinenser kenne als fast jeder andere jüdische Israeli. Ich habe einen grossen Teil meines Lebens in palästinensischen Häusern, Büros, Universitäten, Flüchtlingslagern, Dörfern und Städten verbracht. Ich habe Präsidenten, Premierminister, politische Führer, Akademiker, Geschäftsleute, Studenten, Aktivisten und Militante gekannt. Ich habe mit Hamas-Führern verhandelt und eng mit Palästinensern zusammengearbeitet, die dem Frieden mit Israel verpflichtet sind.

Was folgt, ist keine wissenschaftliche Forschung. Es sind Eindrücke, die sich über nahezu fünf Jahrzehnte angesammelt haben, geprägt von Tausenden von Gesprächen, persönlichen Beziehungen und dem Versuch zu verstehen, was hinter palästinensischen politischen Aussagen, Slogans und Meinungsumfragen liegt.

Meine wichtigste Beobachtung ist, dass es oft eine erhebliche Lücke gibt zwischen dem, wie Palästinenser politisch sprechen, und dem, wie sie ihr Leben führen. Es gibt auch eine Lücke zwischen der politischen Identität, die Palästinenser sich verpflichtet fühlen zu projizieren, und den Fragen, die sie privat über ihre Gesellschaft, Führung und Zukunft stellen. Ich habe diesen Widerspruch schon vor Jahrzehnten bemerkt.

Im palästinensischen politischen Diskurs implizieren Wörter wie Kompromiss und Zugeständnis oft Schwäche, Kapitulation oder Verrat. Führer, die defiant sprechen und auf jedes palästinensische Recht ohne Einschränkung bestehen, können grössere Bewunderung ernten als jene, die die Sprache der Mässigung sprechen.

Doch viele derselben Palästinenser zeigen in ihrem persönlichen Leben bemerkenswerte Mässigung. Sie verhandeln, kompromissieren und kooperieren jeden Tag. Einige der schärfsten Aussagen gegen Israel, die ich gehört habe, kamen von Palästinensern, die mich in ihre Häuser einluden, mich wie Familie behandelten und echte Freundschaften mit Israelis pflegten.

Das ist keine Heuchelei. Für ein Volk, das Generationen ohne Freiheit gelebt hat, ist Widerstand auch die Sprache der Würde. Kompromiss kann klingen wie die Akzeptanz von Ungerechtigkeit. Politische Trotzhaltung erklärt, dass die Palästinenser ihre nationalen Rechte nicht aufgegeben haben.

Doch die Sprache, die die kollektive Würde schützt, kann auch ehrliche politische Diskussionen verhindern. Das Wiederholen vertrauter Slogans wird leichter, als zu hinterfragen, ob sie den palästinensischen Interessen noch dienen.

Ich glaube, hier befindet sich die palästinensische Gesellschaft heute. Traditionelle politische Strategien haben ihre Versprechen nicht eingelöst. Die Fatah versprach, Diplomatie und Verhandlungen würden die Unabhängigkeit bringen, doch ihr Logo zeigt immer noch Gewehre und eine Granate – kaum Symbole des Friedens. 

Die Hamas versprach, bewaffneter Widerstand würde Palästina befreien. Keine der beiden hat Freiheit gebracht. Die Palästinensische Autonomiebehörde hat es versäumt, eine rechenschaftspflichtige demokratische Regierung zu etablieren. Gaza hat katastrophale Zerstörung erlitten, während das Westjordanland besetzt bleibt und Siedlungen weiter expandieren.

Palästinenser kennen diese Realitäten besser als jeder andere. Doch das Eingeständnis des Scheiterns ist schwierig, wenn die nationale Identität um die in Frage gestellten Strategien herum aufgebaut wurde. Unter der Oberfläche überdenken viele Palästinenser ihr politisches Denken. Sie hinterfragen nicht, ob sie Freiheit verdienen, sondern wie Freiheit erreicht werden kann. Sie hinterfragen die Kompetenz, Ehrlichkeit und Wirksamkeit derer, die vorgeben, sie zu vertreten.

Nehmen wir den bewaffneten Widerstand. Palästinensische Meinungsumfragen haben häufig substantielle Unterstützung für den bewaffneten Kampf gezeigt. Israelis interpretieren dies oft als Beweis dafür, dass Palästinenser Gewalt dem Frieden vorziehen.

Aber ich frage mich nach den Fragen, die Umfrageinstitute oft nicht stellen. Würden Sie persönlich eine Waffe greifen und kämpfen? Würden Sie Ihren Sohn in den Kampf schicken? Würden Sie riskieren, Ihr Haus, Ihre Familie und alles, was Sie aufgebaut haben, zu verlieren? Ich glaube, die Unterstützung würde dramatisch sinken, vielleicht auf nur wenige Prozent.

Der Unterschied zwischen der Befürwortung des Widerstands als Prinzip und der persönlichen Akzeptanz seiner Konsequenzen ist fundamental. Über Generationen hat die palästinensische politische Kultur Opferbereitschaft, Standhaftigkeit und Widerstand gefeiert. Diese Werte haben die nationale Identität unter ausserordentlich schwierigen Umständen bewahrt. Doch es gibt einen Unterschied zwischen der Ehrung von Opfern und der Frage, ob weitere Opfer die Freiheit näher bringen.

Gaza hat diese Frage unausweichlich gemacht. Die Verwüstung nach dem 7. Oktober hat zu einer schmerzhaften Konfrontation mit politischen und militärischen Entscheidungen gezwungen. Israel trägt Verantwortung für seine Entscheidungen und Handlungen, aber auch die palästinensischen Führer müssen für die ihren zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn die Palästinenser diese Verantwortung leugnen, leugnen sie selbst die politische Handlungsfähigkeit, die sie fordern.

Ich glaube, eine wachsende Zahl von Palästinensern erkennt, dass das Töten von Israelis keine Befreiung bringen wird. Doch das Verständnis dessen, was gescheitert ist, erzeugt nicht automatisch Einigkeit darüber, was es ersetzen sollte.

Es gibt auch eine tiefe Krise der Repräsentation, die durch die Entscheidung von Präsident Mahmud Abbas, die palästinensischen Wahlen um ein weiteres Jahr zu verschieben, noch verschärft wurde. Die letzten Parlamentswahlen fanden im Januar 2006 statt und die letzten Präsidentschaftswahlen 2005. Eine ganze Generation ist erwachsen geworden, ohne ihre nationalen Vertreter gewählt zu haben. Millionen, die Kinder waren oder noch nicht geboren, als Hamas gewann, werden immer noch für eine politische Wahl beurteilt, die sie nie getroffen haben. Ihnen wurde die Möglichkeit verwehrt, anders zu wählen.

Die offiziellen Erklärungen verweisen auf israelische Einschränkungen und schwierige Umstände in Gaza, Jerusalem und dem Westjordanland. Das sind reale Hindernisse, aber wenn Palästinenser auf ideale Bedingungen warten müssen, bevor sie ihre demokratischen Rechte ausüben, könnten sie ewig warten.

Neue politische Initiativen beginnen ausserhalb der Fatah-Hamas-Spaltung zu entstehen. Die Wahlliste «New Path» von Samer Sinijlawi sammelte 9200 Unterstützungsunterschriften, obwohl nur 3000 erforderlich waren. New Path ist eine palästinensische politische Partei, die den Frieden mit Israel an die Spitze ihrer Agenda stellt. Das zeigt die Bereitschaft, sich um Alternativen zu organisieren.

Junge Palästinenser wollen Freiheit von der Besatzung, aber auch Freiheit von Korruption, Autoritarismus und unkontrollierbarer Führung. Sie wollen wählen, herausfordern und ihre Vertreter ersetzen können, anstatt die politischen Loyalitäten ihrer Eltern zu erben. Palästinenser können ihre nationale Bewegung nicht erneuern, solange die Mechanismen für politische Erneuerung geschlossen bleiben.

Palästinenser sind enorm stolz auf ihre Standhaftigkeit, ihre Verbundenheit mit dem Land und ihre Weigerung, ihre nationale Identität aufzugeben. Auf dem Land zu bleiben, Kinder zu erziehen, Geschäfte aufzubauen, Institutionen zu entwickeln und Gemeinschaften zu bewahren sind ebenfalls Formen des Widerstands. Sie könnten stärkere Fundamente für die Unabhängigkeit schaffen als ein weiterer Zyklus von Gewalt.

Die meisten Palästinenser, die ich kenne, streben nicht danach, permanente Symbole heroischer Opferbereitschaft zu werden. Sie wollen normale Leben mit Rechten, die ihnen Generationen lang verweigert wurden: Bewegungsfreiheit, persönliche Sicherheit, politische Repräsentation, wirtschaftliche Chancen und nationale Selbstbestimmung. Sie wollen Normalität ohne Kapitulation.

Das erfordert von den Palästinensern, schwierige Fragen zu stellen. Welche Art von Gesellschaft wollen sie? Welche Führung verdienen sie? Welche Strategie kann die Unabhängigkeit erreichen? Wie kann ihre nationale Bewegung den Menschen dienen und nicht politischen Organisationen?

Palästinenser müssen diese Fragen selbst beantworten. Doch ihr politisches Denken entwickelt sich nicht isoliert. Israelische Politiken und Aussagen beeinflussen ständig palästinensische Entscheidungen. Wenn israelische Führer erklären, dass Palästinenser niemals Unabhängigkeit haben werden und dass Israel dauerhaft ihr Land kontrollieren wird, stärken sie diejenigen, die argumentieren, dass Mässigung nutzlos sei. Ein Palästinenser, der Verhandlungen befürwortet, muss erklären, was diese Verhandlungen erreichen könnten.

Stellen Sie sich statt dessen einen israelischen Führer vor, der sagt: Wenn Palästinenser Führer wählen, die wirklich dem Frieden mit Israel verpflichtet sind, werden sie in Israel einen echten Partner finden. Eine solche Aussage würde die palästinensische Gesellschaft nicht über Nacht verwandeln. Aber sie könnte Palästinenser stärken, die nach Alternativen zu Gewalt, gescheiterten Verhandlungen und der Führung der Vergangenheit suchen.

Nach 48 Jahren bleibe ich überzeugt, dass die palästinensische Gesellschaft eine weit grössere Fähigkeit zu Pragmatismus, Mässigung und politischem Wandel besitzt, als ihre öffentliche Rhetorik vermuten lässt. Politische Veränderungen beginnen oft leise, in privaten Gesprächen, Familiendiskussionen und den Fragen, die jüngere Generationen ihren Eltern stellen. Doch diese Veränderungen müssen schliesslich politischen Ausdruck finden.

Die zentrale Frage, vor der die Palästinenser stehen, ist nicht, ob sie weiterhin für Freiheit kämpfen werden. Es ist, ob sie bereit sind, neu zu definieren, wie dieser Kampf aussehen sollte, was er erreichen sollte und wer ihn führen sollte.

Doch es gibt noch eine andere Frage: Werden die Palästinenser diese Entscheidungen selbst treffen dürfen? Palästinensische Freiheit kann nicht nur Freiheit von der israelischen Besatzung bedeuten. Sie muss auch Freiheit bedeuten, palästinensische Führer zu wählen, herauszufordern und zu ersetzen.Ohne beides kann es keine echte palästinensische politische Erneuerung geben. Und ohne diese Erneuerung werden die Aussichten auf eine andere Zukunft zwischen Israelis und Palästinensern noch ferner.


Übersetzung: Christa Dregger

Dr. Gershon Baskin

Dr. Gershon Baskin

Dr. Gershon Baskin wurde in den USA geboren und zog im Alter von 22 Jahren nach Israel. Er ist ein politischer und sozialer Unternehmer, der sein Leben dem Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn gewidmet hat. Er ist ein Gründungsmitglied der politischen Partei Kol Ezraheiha-Kol Muwanteneiha (Alle Bürger) in Israel. Heute leitet er die Stiftung «The Holy Land Bond» und ist Direktor für den Nahen Osten bei der ICO - International Communities Organization. 
Er schreibt regelmässig eine Kolumne für die Jerusalem Post. Am 14. Juni 2023 erhält er den Luxembourg Peace Prize.

Newsletter bestellen