Wie die USA Europa kauften
Das hat nicht Putin gesagt. Das hat nicht Russia Today geschrieben. Es stammt auch nicht aus einem anonymen Dokument, das auf Telegram veröffentlicht wurde. Das hat Lawrence B. Wilkerson gesagt, ein pensionierter Oberst der US-Armee, in der er 31 Jahre lang gedient hat, und Stabschef von Colin Powell von 2002 bis 2005, als Powell Außenminister in der Regierung von George W. Bush war ¹ ².
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(Bild von Wikipedia / Slowking4, 25. Mai 2016)

Wilkerson war auch an der Vorbereitung der berüchtigten Präsentation beteiligt, mit der Powell vor den Vereinten Nationen die Existenz der nicht vorhandenen irakischen Massenvernichtungswaffen behauptete.

Kurz gesagt: kein Aussenstehender, sondern jemand, der mitten im politischen und militärischen Apparat der USA gesteckt hat.

Am 19. August 2026 erzählte Wilkerson in einem Interview mit dem norwegischen Professor Glenn Diesen, was die USA in Europa getan hätten – mithilfe der CIA in Zusammenarbeit mit dem britischen MI6 und zumindest teilweise auch mit dem Mossad³ ⁴

Lasst uns seine Worte der Reihe nach lesen, denn gerade die Reihenfolge macht das Ausmass dieser Aussage deutlich:

«Ich war dabei.»

«Wir haben Chefredaktor:innen von Zeitungen, Spitzenkräfte von Gewerkschaften und Parlamentiarier:innen gekauft.»

«Wir haben zwei Generalsekretäre gekauft: Jens Stoltenberg und Mark Rutte»

«Wir haben ganze Länder gekauft»

Die Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt. Das Video und die vollständige Abschrift finden sich hier:

NICHT NUR EINFLUSS

Wilkerson redet nicht allgemein von Soft Power, diplomatischen Beziehungen oder normalem Einfluss unter Verbündeten.

Er benutzt immer wieder das Verb kaufen.

Er behauptet, dass vor allem seit 2002 der CIA und anderen Organisationen Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt worden seien.

Er nennt USAID als eines der eingesetzten Instrumente und beschreibt eine Strategie, durch welche die liberale Demokratie zu einer politischen Waffe gemacht worden sei.

Seiner Darstellung nach hätten sich die Vereinigten Staaten nicht darauf beschränkt, gelegentlich Einfluss auf bestimmte europäische Entscheidungen zu nehmen. Sie hätten systematisch daran gearbeitet, die Führungsklasse, die politischen Apparate und das europäische Nachrichtenumfeld selbst zu formen.

Das Ergebnis sei, so Wilkerson, das politische Europa, das wir heute sehen: ein bewusstes Konstrukt, das geduldig aufgebaut wurde. Und dessen Ziel sei gewesen, den Kontinent selbstständig Führungskräfte hervorbringen zu lassen, die bereit waren, der US-Aussenpolitik zu folgen.

STOLTENBERG UND RUTTE

Wilkerson behauptet, den Prozess, durch den Jens Stoltenberg als besonders nützliche Figur für die Interessen der USA identifiziert wurde, aus nächster Nähe beobachtet zu haben.

Er berichtet, dass Washington sein Verhalten in der norwegischen Regierung beobachtet und ihn als formbar und empfänglich für die amerikanische Botschaft eingeschätzt habe. Stoltenberg sei daher als Dreh- und Angelpunkt genutzt worden, um den Einfluss der USA auf andere europäische Regierungen auszuweiten.

Als politische Belohnung sei ihm angeblich die Leitung der NATO in Aussicht gestellt worden – ein Amt, das Stoltenberg dann tatsächlich von 2014 bis 2024 bekleidete.

Wilkerson bezieht in denselben Vorwurf auch Mark Rutte mit ein, den ehemaligen Ministerpräsidenten der Niederlande und Stoltenbergs Nachfolger an der Spitze der NATO.

Es geht also nicht nur um eine allgemeine Unterordnung Europas. Es werden Namen, institutionelle Rollen und eine Methode genannt: Politiker zu finden, die sich eignen und mitspielen; deren Karriere zu begleiten und sie in Positionen zu bringen, von denen aus sie den gesamten Kontinent lenken können.

EINE GESCHICHTE, DIE NICHT HEUTE BEGINNT

Die Einmischung der USA in die europäische Politik und Berichterstattung ist keine Theorie, die erst mit dem Internet entstanden ist, sondern eine historische Tatsache, die sogar in amerikanischen Archiven dokumentiert ist.

Ein Bericht, der vom Office of the Historian des US-Aussenministeriums aufbewahrt wird, beschreibt ganz klar die Ziele der verdeckten Propaganda der CIA in der sogenannten freien Welt: Neutralismus zu bekämpfen und die Interessen sowie die politischen Vorstellungen der Vereinigten Staaten zu fördern.⁵

In dem Dokument wird ausserdem erklärt, dass etwa zwei Drittel der insgesamt für die US-amerikanischen Informations- und Propagandaaktivitäten vorgesehenen Mittel in Westeuropa ausgegeben wurden. Es wird auch empfohlen, dass – sofern eine Zuordnung zu den Vereinigten Staaten nicht vorteilhaft sei – die Herkunft des Materials verschleiert und dessen Produktion nicht-amerikanischem Personal anvertraut werden solle.

Weitere freigegebene Dokumente belegen, dass die CIA im Nachkriegsdeutschland schwarze Propaganda betrieben hat, einschliesslich der Herstellung und Verbreitung gefälschter Publikationen.⁶

Diese Methode gab es also schon damals. Sie war organisiert, finanziert und galt als ganz normaler Bestandteil der US-Aussenpolitik.

Wilkerson behauptet, dass diese Methode nicht mit dem Kalten Krieg verschwunden sei, sondern aktualisiert, neu finanziert und auf die Heranbildung der heutigen europäischen Politikerklasse angewendet worden sei.

VERSUCHT NUN, DIE ROLLEN UMZUKEHREN

Stellt euch jetzt mal vor, ein ehemaliger hochrangiger Kreml-Beamter würde öffentlich erklären:

  • Moskau hat europäische Zeitungschefs gekauft.
  • Moskau hat Gewerkschaftsführer und Abgeordnete gekauft.
  • Moskau hat jahrelang den Aufbau ganzer politischer Apparate finanziert.
  • Moskau hat die Spitzen der NATO ausgewählt, gefördert und ihnen zum Aufstieg verholfen.

Wie viele Titelseiten würde diese Nachricht füllen? Wie viele parlamentarische Anfragen würden gestellt, wie viele Untersuchungsausschüsse eingesetzt werden? Wie viele Journalisten würden sofort anfangen, nach Namen, Dokumenten und Geldflüssen zu suchen?

Genau das sollte auch in diesem Fall passieren.

Nicht, weil man Wilkerson einfach so glauben muss, sondern weil er ein Amt bekleidet hat, das ihm Einblicke in den Apparat verschaffte, von dem er spricht – und weil die dokumentierte Geschichte der CIA die von ihm beschriebene Vorgehensweise absolut glaubwürdig macht.

  • Welche Zeitungschefs wurden gekauft?
  • Welche Abgeordneten?
  • Welche Gewerkschaftsführer:innen?
  • Über welche Fonds, Stiftungen, Organisationen und Programme?
  • Was haben Stoltenberg und Rutte bekommen?
  • Welche europäischen Regierungen wurden auf diese Weise gebildet oder beeinflusst?

Das sind ziemlich grundlegende journalistische Fragen.

Dass sich unter den Redaktionen, die mit der Recherche beauftragt wurden, auch solche befinden könnten, von denen Wilkerson behauptet, sie seien gekauft worden, verleiht der Sache sozusagen eine rein berufliche Kuriosität.


 QUELLENANGABEN:

¹ JURIST – Interview und Profil von Lawrence Wilkerson, 5. Dezember 2023 – https://www.jurist.org/features/2023/12/05/interview-colonel-lawrence-wilkerson-reflects-on-crucial-moments-in-us-foreign-policy/

² US-Aussenministerium – Archivierte offizielle Biografie von Lawrence B. Wilkerson https://2001-2009.state.gov/outofdate/bios/w/26731.htm

³ Glenn DiesenVollständiges Interview mit Lawrence Wilkerson, 19. August 2026https://www.youtube.com/watch?v=PjG-zfGY5PY

Vollständige Abschrift des Interviewshttps://www.video-translations.org/transcripts/1480_Diesen_2026_08_19.pdf

Office of the Historian, US-Aussenministerium – Bericht über die Informations- und Propagandaaktivitäten der USA, 1952–1954https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1952-54v02p2/d370


Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Domenica Ott vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!

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