Countdown für Planet B 7: Wasser und Liebe
Was das Wasser für die Erde, ist die Liebe für den Menschen. Planet B hat daraus ein Überlebenskonzept gemacht. Teil 7 der utopischen Sommerserie.
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Das ist das eigentliche Wassergeheimnis: Regen entfaltet nur dann seinen Segen, wenn er in die Erde eindringen und dort eine Weile ruhen darf. Foto: Shutterstock

Es gibt keinen Planet B, sagt die Umweltbewegung. Nein? Dann wird es höchste Zeit, ihn zu denken. Welche Veränderung reicht aus, um einen echten Systemwechsel einzuleiten? Wir laden ein zu einer Serie des utopischen Denkens und stellen - ganz unsystematisch – in jeder Folge einen Kernfaktor des Systemwechsels vor. Wenn du willst, bleibt es kein Märchen.

Auf Planet A haben sie mit der Liebe dasselbe gemacht wie mit den Flüssen: Sie haben sie besungen und ihren Müll reingekippt, sie haben sie kanalisiert, zu Geld gemacht und versucht, sie einzusperren, sie haben sie gestaut, ausgetrocknet, vergiftet. Die Kriege der Völker drehen sich immer mehr um Wasser, die Kriege unter den Menschen um die Liebe. Mit beiden Elementarkräften haben wir noch nicht wirklich zu leben gelernt. Aber das müssen wir.

Ohne Wasser gibt es kein Leben. Ich weiss nicht, ob es ohne Liebe Leben gibt, aber lebenswert ist es sicher nicht. Deshalb wird man auf Planet B beides ehren wie etwas Heiliges - so wie es die indigenen Völker aller Zeiten getan haben.

«Mni Wiconi» - Wasser ist Leben - war ein Motto der Sioux-Wasserschützer von Standing Rock. Vor Gericht bekamen sie schliesslich Recht: Die Pipeline durch den Missouri wurde wieder stillgelegt. 

Aktivist Tiokasin Ghosthorse, ein Kenner der Lakota-Sprache, erklärt, was Wasser bedeutet: «Mni - also Wasser - ist das erste Bewusstsein, welches Mutter Erde verliehen wurde. In der Lakota-Schöpfungsgeschichte ist es das blaue Blut, der glänzende Spiegel, in dem sich das Universum erkennt. Seine Transparenz ist ein Sinnbild für die Schöpfung und für einen Weg, die Schöpfung zu verstehen.»

Eines ist klar: Eine Kultur, die das Wasser versteht, versteht das Leben. Eine Kultur, die die Liebe versteht, bringt das Leben zum Leuchten.

Es beginnt ganz praktisch mit einem zutiefst anderen Wassermanagement: Die Bewohner von Planet B erkennen die Weisheit der natürlichen Wasserkreisläufe und halten sie überall in Gang. Dezentral, lokal, überall: in jedem Dorf, jeder Fabrik, jedem Stadtteil, jedem Garten. Der Wasserkreislauf bringt das Leben überall auf die Erde, sogar in die Wüste. Es beginnt mit dem Regen: Wenn er in die Erde eindringen darf, dann versorgt er Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen und den Menschen. Grundwasser steigt bis auf Bergspitzen und tritt als Quelle zum Vorschein, füllt Bäche und Flüsse und strömt - jedenfalls bis vor einigen hundert Jahren - glänzend wie das Rheingold durch alle Regionen. Was für ein kluger Verteilungmechanismus! Solange er intakt bleibt, ist alles gut, und niemand muss Wasser kaufen oder verkaufen. 

Das ist das eigentliche Wassergeheimnis: Regen entfaltet nur dann seinen Segen, wenn er in die Erde eindringen und dort eine Weile ruhen darf. Deshalb besteht die wichtigste Massnahme des Wassermanagements auf Planet B, die Erde offen zu halten. Ob in Städten oder auf dem Land: Nur in Notfällen gibt es betonierte, asphaltierte, mit Folie bedeckte Flächen. Auch darf Boden nicht «nackt» bleiben: Jedes Stück Erde ist bepflanzt oder mit Mulch bedeckt, am besten mit Wald und Mischkulturen, nur dann bleibt es offen.

Doch wie ist es an den Orten, deren Böden bereits zu geschädigt, zu erodiert, zu hart geworden sind? In der Sonne werden nackte Böden heiss und bilden eine Kruste, durch die kein Regenwasser mehr abläuft. Dort reicht Bäume-Pflanzen nicht mehr aus. 

Und doch ist Heilung möglich, so wie in der Wüste von Rajastan: Dort haben inzwischen neun ausgetrocknete Flüsse wieder zu fliessen begonnen, 2000 Dörfer sind wieder bewohnbar, nachdem an vielen tausend Orten die einfachen Dorfbewohner und Kleinbauern aktiv wurden. Sie verlangsamten den Abfluss des Regens, indem sie unzählige kleine Dämme, Terrassen und Gräben anlegten. Dahinter sammelte sich das ablaufende Regenwasser und hatte wieder Zeit, in die Erde einzusickern. 

Der Effekt gleicht einem Wunder. Ihres erkämpften Wasser-Reichtums wieder bewusst, haben sich die Bewohner der Region zu Flussparlamenten zusammengeschlossen. Sie sorgen dafür, dass die Flüsse wieder respektiert, ihre Ufer mit Wäldern bepflanzt und Kläranlagen gebaut werden.

Auch in den Städten des Nordens sind die Menschen sich wieder des unbezahlbaren Wertes von Wasser bewusst geworden. Man hat endlich verstanden, dass die Begradigung von Flüssen Überschwemmungen nach sich ziehen. Heute baut man Strassen und Orte etwas weiter weg von den Ufern, damit die Flüsse frei mäandern und sich im Frühjahr ausdehnen und die Felder rechts und links tränken können. 

Selbstverständlich gibt es keine Staudämme, keine Spekulation mit Wasser, keine Wasserflaschen mehr - aber in allen Orten und Städten freien Zugang zu Trinkwasserbrunnen. Sie werden gepflegt, geehrt und geschmückt so wie bis vor kurzem noch in den Dörfern im Süden Europas.

Und die Liebe? Da macht man es ganz genauso auf Planet B: Man weiss, dass die Liebe selbst ihre heilende Dynamik entfaltet, wenn man sie nicht mehr einsperrt. Man darf lieben, wo man liebt. Man hat gemerkt, dass man Liebe nicht besitzen oder einsperren kann. Dass sie verwelkt, wenn man sie aus Angst einsperrt. Manchmal möchte sie sich ausdehnen wie ein Fluss im Frühling und über alles ergiessen. Natürlich gibt es auch Durststrecken. Aber die Menschen von Planet B können sich darauf verlassen, dass sie sich immer wieder erneuert und alles Leben durchflutet. 

Und so gilt der Satz, den ich von Dieter Duhm gelesen habe: «Wasser, Energie und Nahrung  - und Liebe! - wird allen Menschen frei zur Verfügung stehen, wenn wir nicht mehr dem Gesetz des Kapitalismus, sondern der Logik der Natur folgen.» 

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch «Leila» Dregger), Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebt über 40 Jahre in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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