Was muss geschehen, damit wir wirklich in unserem eigenen Leben und als Gesamtheit die Entscheidungen treffen, die jetzt getroffen werden müssen? Was bringt uns dazu, aus dem Zuschauersessel aufzuspringen, unsere Gleichgültigkeit, unseren Glauben an Vergeblichkeit und die Ohnmacht unserer Wut hinter uns zu lassen und es zu tun?
Deshalb lade ich euch ein, selbst die Geschichte zu schreiben, wie ihr den Wandel für möglich haltet. Versetzt euch auf Planet B: Wie haben wir es trotz allem noch geschafft, das Ruder herumzureissen? Und wisst: Wenn ihr wollt, bleibt es kein Märchen.
Ich persönlich kann mir das so vorstellen...
Es war zu einer Zeit, als sich die Weltsituation schon sehr apokalyptisch zugespitzt hatte. Klima und Natur, Demokratie, Gesundheit sowie der soziale Zusammenhalt hatten bereits enormen Schaden genommen. Die Metropolen waren heruntergekommen und von Slums umringt, die Reichen lebten in gefestigten Siedlungen und Öko-Resorts, öffentlichePlätze und Transportwege waren lückenlos überwacht.
Fast zu spät war den Menschen klar geworden, dass sie in einen Überwachungskapitalismus übergegangen waren. Viele unterstützten das System aus Angst vor immer neuen Bedrohungen ihrer Gesundheit oder ihrer Arbeitsplätze; andere klammerten sich an ihre schwindenden Privilegien; und fast alle zogen sich auf immer kleinere Privatnischen zurück. Niemand schien den Ausweg aus der Entwicklung zu kennen. Das Vertrauen zu Entscheidungsträgern war zerrüttet, man wusste bei all den widersprüchlichen Erklärungen kaum noch, was wahr und was falsch war. Ein öffentlicher Diskurs war so gut wie nicht mehr vorhanden, weil jede Diskussion in erbitterte Positionskämpfe ausartete und zu Aggression und Spaltung führte. Die Möglichkeiten zu Präsenztreffen schwanden, und man misstraute den Medien. Was war aus all den AktivistInnen der verschiedenen Bewegungen der Vergangenheit geworden? Verschwunden. Eine Opposition schien es nicht mehr zu geben.
Doch das war ein Irrtum. Es gab die oppositionellen Bewegungen noch. Einige Menschen, die bis früher gegen Krieg, Umweltzerstörung oder soziale Ungerechtigkeit auf die Strasse gegangen waren, die sich an Schornsteine oder Atomtransporte gekettet hatten oder bedrohte Wälder besetzt hatten, die Flüchtlingshilfe oder zivilen Widerstand geleistet hatten, waren aktiver als je zuvor. Aber sie hatten ihre Aktionsform verändert. Statt gegen das System anzurennen, hatten sie an vielen Orten der Erde, meistens fern von den grossen Ballungszentren, angefangen, humane Alternativen für ein anderes Miteinander aufzubauen. Sie hatten gemerkt, dass das Nein gegen die Zerstörung nicht ausreichte, um sie tatsächlich aufzuhalten. Das Nein würde erst wirken, wenn auch deutlich wurde, zu was sie Ja sagten. Und daran arbeiteten sie.
Teilweise an unwirtlichen Orten, in kleinen Einheiten, weitgehend unbeachtet und wenig ernst genommen von der Öffentlichkeit, unbehelligt durch Ordnungskräfte, da sie sich geschickt zu tarnen wussten und immer unter dem Radar blieben, waren Mikrogemeinschaften, Zukunftswerkstätten und Forschungslabors entstanden. Sie experimentierten mitTechnologien und Methoden, die nicht nur nachhaltig, sondern regenerativ waren. Meinungsunterschiede wurden ihnen immer unwichtiger, weil sie wussten, was auf dem Spiel stand. Sie kooperierten pragmatisch miteinander und pflegten einen intensiven Technologie- und Wissensaustausch weltweit.
Auf den Zusammenbruch des Internet waren sie vorbereitet und hatten ältere Kommunikationsformen reaktiviert und mitganz neuen experimentiert. Sie lernten, mit der Natur zu kooperieren, Ökosysteme zu restaurieren und in ihren Regionen Wildnis- und Lebensmittelbiotope anzulegen – so dass in diesen Nischen die Erde immer mehr von dem hervorbrachte, was sie zum Leben brauchten.
Während die Städte immer mehr verödeten und die Freiheiten beschnitten wurden, blühte an einigen Orten eine andere Wirklichkeit auf. Es waren sozusagen dezentrale Arche Noahs: Nachbarschaften mit jeweils ein paar Dutzend oder hundert Menschen, die sich aufeinander verlassen konnten. Eine enorme Vielfalt an Pflanzen und Tieren, an Theorien und praktischen Anwendungen, an Altersstufen und Berufen, an kulturellen und ethnischen Identitäten formte so etwas wie einen neuen Kulturimpuls – immer noch als eine Subkultur, von der die Öffentlichkeit kaum etwas ahnte.
Das war nicht immer einfach, ganz im Gegenteil. Denn auch in den neuen Zentren trugen ja die Menschen noch dieselben Verletzungen, Ängste und Misstrauen mit sich, die immer zu Streit und Spaltung geführt hatten. Doch zwei Faktoren wirkten mit, dass sie durchkamen: Die globale Dringlichkeit ihrer Arbeit war nicht mehr zu übersehen - jetzt ging es nicht mehr um persönliche Befindlichkeit, sondern um ein gemeinsames Ziel.
Das andere war eine neue Entdeckung. Niemand konnte mehr sagen, welche Gruppe sie als erste gemacht hatte. Doch auf einmal breitete sie sich aus wie einst die Erfindung der Glühbirne: An immer mehr Orten weltweit ging ein Licht auf. Es war die Entdeckung des gegenseitigen Vertrauens. Auf einmal waren sie in der Lage, Konflikte zu lösen, sich auch unbequeme Wahrheiten mitzuteilen und nicht daran zu zerbrechen.
Sie konnten einander so tief öffnen, dass sie sich die geheimsten Gedanken zeigten. Sie wussten, dass Zuverlässigkeit, Freude aneinander und echte Kooperation ihr wichtigster Rohstoff war. Sie teilten alles. Niemand und nichts von aussen konnte sie auseinanderbringen. Das Vertrauen breitete sich unter ihnen aus wie das Grün im Frühling. Und es war der Schlüssel für alles weitere. Das Leben leuchtete von neuen Möglichkeiten, sie würden nicht zulassen, dass die Welt untergeht! Und so erhielt die globale Kette von Angst, Misstrauen und Gewalt an immer mehr Orten Risse. Durch diese Risse schien immer sichtbarer eine andere Welt hervor.
Noch ging die allgemeine Zerstörung weiter. Noch brannten Urwälder, wurden Ureinwohner vertrieben, starben Tierarten aus. Die Augen des Mainstreams waren wie gebannt auf den Zusammenbruch gerichtet, der sich überall vollzog. Eine Alternative hielt man nicht für möglich, also erkannte man sie lange nicht. Doch wer wirklich suchte, der hörte von ihnen. Und je weniger Sinn im Alten gefunden wurde, desto mehr Zulauf erhielten die neuen Nachbarschaften. Eine Weile merkte das System gar nicht, dass ihm die Menschen davonliefen.
Einige Aspekte des neuen Lebens fanden ihren Weg in den Mainstream - die ein oder andere Anbautechnik an und auf Häusern, die ein oder andere Methode zur Konfliktlösung, die Bereitschaft, wieder mit Nachbarn ins Gespräch zu kommen – so dass hier und dort Menschen wieder Mut fanden. Sie übernahmen mit neuem Mut Verantwortung in Unternehmen, Medien, Regierungen und versuchten behutsam, hier und dort einen Fluss oder Wald zu retten,Entscheidungsträger zu beeinflussen und Hoffnungs-Informationen durchsickern zu lassen.
Und dann war es endlich eines Tages GENUG. Das alte System war nur noch eine hohle Fassung, das stündlich seine Kraft und Überzeugung verlor wie ein lecker Eimer das Wasser. Und bevor der nächste Krieg angezettelt, der nächste Wald gerodet und der nächste Fluss vergiftet werden konnte, ging eine Gewissheit durch die Welt: GENUG. Sie erschien auf Transparenten, in Songs, auf Etiketten in Jeans, in Liebesgedichten und auf Graffitis in unterschiedlichen Worten, aber dem gleichen Inhalt: Verlasse die Angst. Triff deine Entscheidung! Der Kaiser ist nackt!
Die Menschen erwachten wie aus einem Alptraum. Sie sahen sich um und erkannten einander. «Bruder, Schwester, wir haben überlebt!» Das hatte Sun Bear einst gerufen. Wie lange waren wir in der Lähmung der Angst gefangen. Auf einmal sind wir wieder wir selbst. Beginnen zu denken, ins Gespräch zu kommen, nachzufragen. Wir hungern nach Wahrheit, schütteln die Reste des Systems wie Staub von unseren Mänteln ab und beginntn neu. Und siehe: Im Moment der Entscheidung erkannten wir, dass wir nicht ins Bodenlose stürzen würden. Denn vieles war ja bereits vorbereitet: An vielen Orten war bereits eine Roadmap für Planet B aufgestellt worden.
Es gab sehr viel zu tun. So viel hatte man verloren, so viele Tierarten, Flüsse, Wälder und Menschenleben waren verschwunden. Mit weinendem Herzen ging es an die Arbeit. Jetzt war es ein Wettrennen. Würde man es rechtzeitigschaffen, den Planeten wieder bewohnbar zu machen? Man begann mit der Restaurierung, der Wieder-Aufforstung, dem Rückbau von industriellen Monsteranlagen und dem Umbau von Siedlungen und Städten. Mit der absoluten Neuorganisation des Zusammenlebens. Man setzte endlich Technologien in Kontakt und Achtsamkeit ein. PersönlichesMacht- und Profitstreben waren der Liebe und Umsicht von Menschen gewichen, die dem Schlimmsten bereits ins Auge gesehen hatten und entkommen waren. Die alten Rangeleien waren vorbei, man arbeitete wirklich Hand in Hand.
Und siehe da – etwas schien mitzuhelfen, mit dem man kaum gerechnet hatte. Die Erde selbst schien auf ihrer Seite zu sein und zeigte eine erstaunliche Regenerationskraft. Überraschend schnell begannen sich Biotope zu erholen und aufzublühen. Ganz neue Mischkulturen entstanden. Als hätten sie nur darauf gewartet, kehrten Fische und Delphine in die Lagunen zurück, Vögel in die Wälder, Mikroorganismen und Würmer in die verdorrte Erde.
Jetzt sahen wir: Die Erde war tatsächlich ein Lebewesen. Durch unsere Entscheidung, mit ihr zu kooperieren, blühte sie enorm auf und schenkte ihren Menschen- und Tierkindern neues Leben.
Am Anfang steht die Entscheidung, die du jetzt triffst. Um ein Sprichwort aus Uganda etwas umzuwandeln: «Die beste Zeit, deine Entscheidung zu treffen, war vor zwanzig Jahren. Die nächstbeste Zeit ist jetzt.»
Zu Folge 10 der utopischen Sommerserie: Energierevolution statt Energiewende