Daniel Gwynn: «Ich habe vergeben»
Daniel Gwynn sass fast 30 Jahre lang unschuldig in der Todeszelle im US-Bundesstaat Pennsylvania. Im Februar 2024 kam er frei. Im Juni 2026 luden ACAT-Schweiz, lifespark und Amnesty International Schweiz ihn für eine Tournee mit öffentlichen Auftritten in die Schweiz ein. Wir haben Daniel Gwynns wichtigste Aussagen aufgezeichnet.
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...Daniel Gwynn wurde fälschlich wegen Mord und Brandstiftung zum Tode verurteilt. Nach fast drei Jahrzehnten im Todestrakt wurde das Urteil im Jahr 2023 aufgehoben, am 28. Februar 2024 wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Während seiner Zeit im Gefängnis beteuerte er stets seine Unschuld. Er drückte seine Erfahrungen durch Kunst aus. Durch seine Kunst und seinen Aktivismus wurde Daniel zu einer starken und nachhaltigen Stimme für Freiheit und Gerechtigkeit. 

Meine Freiheit wurde mir gestohlen. Als ich aus dem Gefängnis nach Hause kam, staunte ich. Die Strassen waren schmutzig, die Gebäude heruntergekommen. Die Menschen schienen eine stille Wut in sich zu tragen. Ich glaube, das ist eine Folge des politischen Systems, das den Menschen das Leben so schwer macht. Es ist schwierig, einen fairen Lohn zu erhalten, für die eigene Familie zu sorgen, sich zu bilden, weiterzukommen. Trotzdem war es für mich erstaunlich, wie selbstverständlich die meisten Menschen ihre Freiheit nehmen, und wie wenig sie sie zu schätzen wissen.

Wut und Vergebung

Bin ich wütend? Nein, eher enttäuscht.

Am Anfang, als ich verurteilt wurde, war ich wütend. Doch mit der Zeit merkte ich, dass mich meine Wut nirgendwohin brachte. Stattdessen lernte ich zu vergeben. Ich habe den Menschen vergeben, die mir das angetan haben. Ich habe denjenigen vergeben, die meinen Eltern Leid zugefügt haben. Ausserdem habe ich meinen Eltern vergeben, denn ich weiss heute, dass es für sie ein grosses Opfer war, mich meiner Grossmutter anzuvertrauen, statt mich selbst grosszuziehen. Und ich habe mir selbst vergeben, dass ich sie so lange dafür gehasst habe. Als Kind verstand ich nicht, warum sie mich, wie ich es damals empfand, im Stich liessen. Während meiner Haft begriff ich, dass das die Folge eines systemischen, über Generationen wirkenden Angriffs auf die Armen war.

Am Schmerz wachsen

Es war nicht einfach, zu dieser Haltung zu finden. Durch Gottes Gnade gelang es mir. Ich wuchs als Baptist auf, wandte mich als Teenager aber von meinem Glauben ab.

Als ich verurteilt wurde, fragte ich Gott, warum mir das geschieht. Ich verstand, dass ich jetzt dafür bereit sei. Also fing ich an, an mir selbst zu arbeiten. Ich verkaufte meine Bilder, um Bücher zu kaufen und so das Gesetz, mein Gerichtsdossier und die Welt besser zu verstehen. Ich kaufte Kunstbücher, um ein besserer Künstler zu werden und meine Geschichte durch Kunst zu erzählen. Die Kunst ist für mich eine Meditation und ein weg zur Heilung geworden.

In der Einzelhaft, 22 Stunden am Tag, ging ich mein Leben noch einmal durch. Ich versuchte zu verstehen, wie ich zu jener Wut, jenem Unverständnis gekommen war. Wenn ich mir die Welt anschaue, sehe ich überall Leid, egal, wie sehr die Menschen versuchen, ein einfacheres Leben zu führen. Aber ich habe verstanden: Wir leiden, damit wir stärker werden und einen besseren Weg finden. Alles im Leben dreht sich darum, ein besserer Mensch zu werden.

Gerichtsdossier ohne Beweise und mit falschem Geständnis

Mein Gerichtsdossier enthielt nicht einen einzigen Beweis, der mich mit dem Verbrechen in Verbindung brachte, für das ich festgenommen wurde. Trotzdem wurde ich zum Verdächtigen. Die Polizei erfand Beweise gegen mich. Am Ende wurde ich verurteilt. Ich verstehe bis heute nicht, wie oder warum das geschah.

Ein wesentlicher Punkt war zweifellos, dass ich meine Rechte nicht kannte. Ich war wenig gebildet, hatte keine Ahnung vom Rechtssystem. Die Schule hatte ich in der zehnten Klasse abgebrochen.

Während ich unter Drogeneinfluss war, erpressten mir die Verhörer ein falsches Geständnis. Die mehrheitlich weisse Jury brauchte nur einen Tag, um mich schuldig zu sprechen. Für das Todesurteil brauchten sie noch weniger Zeit, ohne die wichtigsten Fakten überhaupt zu kennen.

Erst Jahre später kam heraus, dass der Staatsanwalt eine Fotoserie von Verdächtigen vorenthalten hatte, auf dem ich nicht zu sehen war und das somit meine Unschuld bewiesen hätte. Die akribische Arbeit meiner AnwältInnen sowie der Ermittelnden förderte diesen Beweis schliesslich zutage.

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Überleben im Todestrakt

Am ersten Tag im Todestrakt gab mir ein Mitgefangener, Harold Wilson, einer Anleitung, wie man dort überlebt: wie man an ein Telefonat kommt, wie man die Rechtsbibliothek findet, wie man sich verhalten soll, damit man auf den Hof darf. Er wurde mein Freund und brachte mir bei, mich im Gesetz zurechtzufinden. Später wurde auch er als unschuldig anerkannt. Leider starb er, bevor ich nach Hause kommen konnte. Ohne Menschen wie ihn hätte ich diese Zeit nicht überstanden.

Auch meine vielen Brieffreunde waren mir eine sehr wichtige Stütze. Dank ihnen wusste ich, was in der Aussenwelt geschieht. Sie erlaubten mir, auf andere Gedanken zu kommen.

Entschädigungen und Konsequenzen sind nicht vorgesehen

Für meine fast dreissig verlorenen Jahre ist, wie in den meisten US-Bundesstaaten, weder eine Entschuldigung noch eine Entschädigung vorgesehen. Ich erhielt nicht einmal ein Busticket vom Gefängnis nach Hause. Ich habe nun den Staat Pennsylvania verklagt, wobei ich nicht weiss, ob ich je etwas erhalten werde.

Soweit ich weiss, wurde ein einziger Ermittler, der an meinem Fall beteiligt war, kürzlich wegen Meineids verurteilt. Sonst gab es für niemanden Konsequenzen. Einige damalige Ermittler sind bis heute im Dienst. Doch ich verfolge das nicht weiter, ich suche auch nicht nach ihnen. Ich habe ihnen vergeben und lebe mein Leben ohne Verbitterung weiter.

Den Gefühlen eine Stimme geben

Ich liebe es, mit jungen Menschen zu sprechen. Sie helfen mir, die Welt durch ihre Augen besser zu verstehen. In Schulen erzähle ich von meinen Erfahrungen und beantworte Fragen. Meistens passt meine Geschichte zu dem, was die Jugendlichen beschäftigt. Es sind oft Dinge, die sie nicht laut aussprechen können. Sobald ich meine Geschichte erzähle, merken sie, dass es in Ordnung ist, über die eigene Situation zu sprechen, über psychische Gesundheit, Drogenkonsum, Gewalt, Mobbing oder sexuelle Übergriffe, und darüber, wie sie sich dabei fühlen. Manche schämen sich, weil sie glauben, sie hätten ihre Probleme selbst provoziert.

Ich ermutige sie, sich auszudrücken. Denn sobald man ein Problem erkennt, kann man an einer Lösung arbeiten. Dann kann die Heilung beginnen. Man kann sich jemandem anvertrauen, oder malen, zeichnen, schreiben oder tanzen. Es gibt so viele tolle nonverbale Wege, um mitzuteilen, was in einem vorgeht.

Als ich damals mit 24 im Gerichtssaal sass, völlig neben mir, begann ich die Szene zu skizzieren. Kunst war für mich ein Weg, meine Gefühle zu verarbeiten. Damit erzähle ich von einem tiefen emotionalen Thema, mit dem ich gerungen habe.

Jedes meiner Bilder erzählt ein Stück meiner Geschichte: von der Sehnsucht nach meinem abwesenden Vater, der Gewalt und den Drogen in meinem Wohnquartier in Philadelphia, von der Härte, mit der ich aufgewachsen bin, und vom jahrelangen, oft aussichtslosen Kampf mit Eingaben und Berufungen vor Gericht.

Eines meiner Bilder erreichte sogar den Papst: Ein Freund überbrachte es ihm bei einem Besuch in Philadelphia, als Zeichen für all jene Menschen, die eingesperrt und vergessen wurden.

Freiheit

Das Erste, was ich nach meiner Freilassung getan habe, war, mich als Wähler zu registrieren, denn ich weiss, was es heisst, keine Stimme zu haben.

Die ersten Monate in Freiheit waren nicht leicht. Als ich meine Familie wiedersah, erkannte ich sie kaum wieder. Meine Nichten und Neffen waren so gross wie ich. Ich brach fast zusammen, zeigte es aber nicht, um die Freude der anderen nicht zu trüben. Ein langjähriger Freund holte mich zu sich aufs Land, damit ich zur Ruhe kommen konnte, bevor ich mir eine eigene Wohnung suchte, fernab meines alten Quartiers.

Eine klassische Therapie half mir wenig, weil man mich sofort in Schubladen stecken wollte. Stattdessen entwickelte ich mir selbst einen Alltag: kleine, feste Schritte wie aufstehen, Zähne putzen, duschen, dazu Warnzeichen erkennen, wenn es mir schlechter geht, und eine Liste von Menschen, die ich in diesem Momenten anrufen kann. Diese Selbstfürsorge hat mir, zusammen mit meiner Kunst, geholfen, mich wieder zurechtzufinden.

Was mich seit meiner Freilassung am meisten prägt, ist die Freiheit, zu denken, mich zu bewegen, und meine Mitmenschen zu lieben wie mich selbst. Im Gefängnis geht das nicht.

Einmal, als ich einem Mitgefangenen einen guten Morgen wünschte, wollte er mir fast den Kopf abreissen. «Was sollte an diesem Morgen gut sein?», erwiderte er. «Wir sind eingesperrt!» Hier draussen halte ich den Leuten die Tür auf, sage guten Morgen, und sie erwidern meine Freundlichkeit. Es tut gut, unter Menschen zu sein, trotz ihrer Wut oder Verbitterung.

Zuhören statt Ratschläge: Begleitung aus eigener Erfahrung

Was ich allerdings festgestellt habe: Egal ob im Gefängnis oder draussen, die Menschen wollen über das reden, was sie beschäftigt. Ich habe eine Ausbildung zum Begleiter absolviert, die mir hilft, Menschen zu unterstützen, die wie ich traumatische Erfahrungen gemacht haben. Ich habe gelernt, besser zuzuhören und zu kommunizieren, ohne den Menschen zu sagen, was sie tun sollen.

Auch im Gefängnis sollte man mit Ratschlägen sehr vorsichtig sein. Wenn es schiefgeht, wird ein Antrag vor Gericht abgelehnt und der Gefangene wird zur Hinrichtungskammer geführt. Dann sagt er: «Es ist deine Schuld, dass ich jetzt hingerichtet werde, denn ich habe auf dich gehört.»

Heute bin ich Künstler, Redner, Aktivist und zertifizierter Begleiter. Ich unterrichte Kinder in Primar- und Sekundarschulen in kreativem Aktivismus. Seit letztem Jahr bin ich zudem als Seelsorger tätig.

Die Todesstrafe bringt keine Sicherheit

Ich bin gegen die Todesstrafe. Sie schreckt niemanden von einem Verbrechen ab. Überdies macht die Justiz immer wieder Fehler.

Das Justizsystem sperrt nicht nur unschuldige Menschen ein, sondern bricht sie dabei auch noch. Ich habe zusehen müssen, wie Samuel Randolph, der ebenfalls zu Unrecht zum Tod verurteilt war und sich vehement gegen sein Schicksal wehrte, von Wärtern zusammengeschlagen wurde. Sie schlugen ihm dabei den Rücken kaputt. Seither ist er von der Hüfte abwärts gelähmt. Fünfzehn Jahre lang war er ans Bett gefesselt. Er konnte nichts tun, nicht einmal duschen oder auf den Hof. Auch er ist inzwischen frei, auch er wartet bis heute auf eine Entschädigung.

Trotz allem bestehen unsere politisch Verantwortlichen darauf, Menschen zu töten. Wenn man eine Person aus dem Leben entfernt, bekommt sie keine Chance zur Umkehr, keine Chance, ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu werden.

Ich habe im Todestrakt viele talentierte Menschen erlebt. Dank des Hinrichtungsmoratoriums in Pennsylvania, das seit 2015 gilt, konnten manche von ihnen ihr Leben ändern. Einige haben zum Beispiel ein Programm ins Leben gerufen, das inhaftierte Väter mit ihren Kindern draussen in Kontakt bringt. Das ist für die Kinder höchst nötig. Ich habe am eigenen Leib erfahren, welche Folgen es haben kann, wenn ein Kind ohne Eltern aufwächst. Das Gefühl, unerwünscht zu sein und negative Gedanken können dazu führen, dass es dumme Sachen macht. Wegen einer einzigen unüberlegten Tat, oder weil es zur falschen Zeit am falschen Ort war und sich mit den falschen Leuten eingelassen hat, kann es am Ende ebenfalls im Gefängnis oder sogar im Todestrakt landen.

Chancen und Segnungen annehmen

Meine Botschaft an alle: Lass los und lass Gott deinen Weg führen. Auch wenn du nicht an Gott glaubst: Gott glaubt an dich. Die Chancen, die Segnungen liegen vor einem. Es ist nur eine Frage der Entscheidung, der besseren Wahl. Gott sorgt für einen.

Schaut mich an: Ich wollte eigentlich meine Brieffreunde besuchen, die während meiner Haft über zwanzig Jahre zu mir gehalten haben, und mich bei ihnen bedanken. Daraus wurde eine Reise durch die Schweiz und Frankreich, mit Vorträgen und Auftritten am Weltkongress gegen die Todesstrafe! Ich habe nichts davon gesucht oder verfolgt, aber der Weg wurde mir bereitet. Ich musste nur die Entscheidung treffen, diesen Segen anzunehmen.»


Weitere Infos

An den Vorträgen in Zürich, Baden, Bern und Lausanne nahmen ca. 330 Menschen teil. Ein Dutzend Medienberichte griffen Daniel Gwynns Geschichte auf. Nach der Vortragstournee in der Schweiz reiste Daniel Gwynn nach Paris. An der Pressekonferenz gleich vor Beginn des 9. Weltkongress gegen die Todesstrafe durfte er die Medien willkommen heissen, und er war auch ein Bühnengast während dem ZeugInnenabend.

Was ist ACAT Schweiz?

ACAT-Schweiz sieht sich als gesellschaftliche Anwältin von Menschen, die Folter erleiden, zum Verschwinden gebracht wurden oder von der Todesstrafe bedroht sind. Mit Dringlichen Appellen und thematischen Aktionen informieren sie über Folter, Verschwindenlassen und Todesstrafe – und handeln für die Einhaltung der Menschenrechte. Auch das Gebet ist für die ACAT-Bewegung eine Form des Handelns. Mehr: www.acat.ch

Dankeswort von Daniel an ACAT-Mitglieder

In einer Videobotschaft bedankt sich Daniel Gwynn bei den ACAT-Mitgliedern und weiteren Menschen, die ihn während der Zeit im Todestrakt unterstützt haben. Das Video finden Sie auf der Startseite unserer Website www.acat.ch.

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