Es gibt immer weniger. Nicht nur Benzin und Öl werden teurer. Ganze Produktions- und Lieferketten sind unterbrochen. Die Preise der Lebensmittel hatten schon vor der Blockade von Hormus drastisch angezogen. Wohnraum, Versicherungen, Dokumente, Krankenkassenbeiträge, Klimaticket, Energiepreise im Allgemeinen – alles ist teurer. Die Mehrbelastungen drängen viele Haushalte in Existenznöte. Umsonst gibt es so gut wie nichts. Fast alles, was ursprünglich allen gehörte, wurde privatisiert. Selbst die Luft zum Atmen wird immer knapper.
Lange haben wir genommen und vom Wohlstand profitiert. Von der Wiege bis zur Bahre schien unser Leben abgesichert. Andere kümmern sich um das, was wir früher alleine konnten. Für alles braucht es Spezialisten: für die Schwangerschaft, die Geburt, die Betreuung der Kinder, die Bildung, die Familienplanung, die Versorgung der kranken und alten Menschen, die Beisetzung. Für alles gab es eine Versicherung.
Heute können viele nicht mehr selber ihre Kleidung und Werkzeuge herstellen oder auch nur ein Feuer machen. Die wenigsten können selber für ihre Ernährung sorgen, selber kochen, selber ein Möbelstück oder ein Haus bauen. Viele haben kaum noch eine Ahnung, wo und wann welches Obst oder Gemüse wächst, wie man, wenn man Fleisch essen will, ein Tier schlachtet und welche Kräuter essbar oder heilsam sind.
Andere sind es, die alles für uns machen. Selbst für die Unterhaltung sorgen sie und neuerdings auch fürs Denken. Anstatt Familien- und Nachbarschaftshilfe gibt es Dienstleistungen, für die wir bezahlen. Dadurch fühlen wir uns unabhängig. Dass wir es nicht sind, bekommen wir jetzt zu spüren. Wenn es knapp wird, merken wir, dass wir keine Dienstleister und Spezialisten brauchen, sondern vor allem eine gute Nachbarschaft.
Gemeinsam
Extreme Not kann dazu führen, dass wir wie die Tiere auf die Jagd gehen und unsere Beute verteidigen. Insgesamt jedoch, das wusste auch Charles Darwin, hat unsere Entwicklung der Kooperation weit mehr zu verdanken als der Konkurrenz. Wir sind soziale Wesen und brauchen einander wie die Luft zum Atmen. Jetzt werden wir daran erinnert.
Ohne die anderen können wir nicht sein. Allein würden wir sterben. Menschen, die früher aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden, gingen in den sicheren Tod. Zwar können wir versuchen, mehr als andere von dem zu bunkern, von dem wir glauben, dass wir es brauchen. Wir können anderen die Kartoffeln vom Acker stehlen. Doch über kurz oder lang werden wir dahinterkommen, dass es nur gemeinsam weitergeht.
Hierbei geht es weniger um die Frage, was die anderen uns zu bieten haben, sondern darum, wie wir der Gemeinschaft nützlich sein können. Was kann ich gut? Womit kann ich anderen helfen? Was habe ich vielleicht noch im Überfluss? Wie und wo kann ich meine Qualitäten anbringen?
So stehen wir nicht als Bittsteller eines Staates da, der sich, das haben die vergangenen Jahre zu Genüge gezeigt, nicht um das allgemeine Wohl kümmert, sondern als Menschen mit Möglichkeiten und Kompetenzen. Wir sind nicht die Opfer einer Situation, die man uns versucht aufzuzwingen, sondern machen das Beste draus und verwandeln sie zu unserem Nutzen.
Auf jeden kommt es an
Wir verlassen unsere Wohnboxen und klopfen nebenan an. Was brauchst du, was habe ich? Was brauche ich, was hast du? Einer allein friert und hat vielleicht nicht genug zu essen. Zusammen wird es wärmer. Jeder trägt einen Teil zur Suppe bei.
So weit ist es vielleicht bei uns noch nicht. Doch es sieht ganz so aus, dass es so weit kommt. Anstatt nun angstvoll auf die Bildschirme zu starren, können wir bei uns schauen, was wir mit anderen Menschen zu teilen haben. Wie kommen wir miteinander in Kontakt? Wie können wir Teams bilden? Wie gehen miteinander um, wie können wir eventuelle Konflikte lösen?
Wie gehen wir mit unseren eigenen Sorgen um, unserer Angst, dass uns buchstäblich der Himmel auf den Kopf fällt? Was hilft uns jetzt und gibt uns Zuversicht? Wenn es wirklich darauf ankommt, haben wir nichts davon, uns mit spitzer Lippe in Selbstmitleid oder Zynismus zu flüchten. Es geht darum, die Ärmel hochzukrempeln: Was machen wir jetzt?
Wie schützen und versorgen wir unsere Alten und Kranken? Was lehren wir unsere Kinder? Wo ist jetzt was reif? Wie halte ich mich warm? Was macht mir in diesen Zeiten Freude? Denn sie, das ist klar, ist mit das Wichtigste. Wenn die Lebensfreude geht, sieht es nicht gut für uns aus.
Freude kann sich dann entwickeln, wenn wir das Gefühl haben, wieder etwas Nützliches zu tun und der Gemeinschaft zu Diensten zu sein. Unsere Tage sind nicht weiter mit mehr oder weniger sinnlosen, sich monoton aneinanderreihenden Tätigkeiten gefüllt, sondern bekommen Relief. Wir müssen uns nicht mehr irgendwie ablenken, um zwischen Langeweile und Burnout zu navigieren, sondern können unsere Kreativität und Vorstellungskraft voll zum Ausdruck bringen.
In jedem Fall wird es spannend. Vielleicht werden wir auf das Äusserste getestet: Mensch, wofür entscheidest du dich jetzt? Wie willst du wirklich leben? An was für einer Welt willst du mitwirken? Je enger es wird, desto weniger können wir uns hinter anderen verstecken. Sollen die doch anfangen. Jeder einzelne ist gefragt. Und vielleicht, wer weiss, wird es so lange immer enger, bis sich jeder angesprochen fühlt und jeder begriffen hat, dass es auch auf ihn ankommt.