Die Sinnfrage
Es ist schlimm, wenn Unrecht geschieht. Noch schlimmer ist es, wenn wir es nicht verstehen. Die Samstagskolumne
Satan schüttet die Plagen über Hiob aus (Aquarell von William Blake, 1821)
Satan schüttet die Plagen über Hiob aus (Aquarell von William Blake, 1821)

Grosses Unrecht passiert in der Welt, Verbrechen an Mensch, Tier, Natur. Gerichte wenden Gesetze an, doch bringen oft keine Gerechtigkeit. Warum passiert das? Es muss einen Grund dafür geben, dass wir so abgestraft werden. Wer Krebs bekommt, hat zu viel geraucht oder zu viel in der Sonne gelegen. Wer eingesperrt wird, hat gegen eine Ordnung verstossen. Wer zensiert wird, hat etwas Gefährliches gesagt oder getan.

Im Alten Testament gibt es eine Geschichte, in der ein Mann auf eine harte Probe gestellt wird. Er steht sinnbildlich für einen Menschen, der trotz schwersten Leidens an seinem Glauben und an der Frage nach dem Sinn festhält. Der wohlhabende Hiob ist ein angesehener Mann mit Familie und grossem Besitz. Satan in seiner Funktion als Anwalt stellt die Aufrichtigkeit Hiobs in Frage: Ist er nur deshalb ein frommer Mann, weil es ihm gut geht?

Daraufhin verliert Hiob alles: seinen Besitz, seine Kinder und schliesslich auch seine Gesundheit. Seine Freunde versuchen, sein Leid zu erklären und behaupten, er müsse etwas getan haben, um diese Strafe zu verdienen. Hiob widerspricht und klagt Gott an, ohne daran zu zweifeln, dass es einen Sinn für sein Leiden gibt. Am Ende bekommt er alles zurück – jedoch ohne Erklärung, warum er leiden musste.

Sinnlos

Hiob musste letztlich akzeptieren, dass er etwas nicht versteht. Seinen Glauben hat er dadurch nicht verloren. Er ist über sich hinausgewachsen und hat die Probe bestanden, auf die Satan ihn gestellt hat. Er hat sein Höchstes nicht geopfert.

Menschen, die ihre Angehörigen bei einem Attentat verlieren, Menschen, die in Kriege geschickt werden, Menschen, die verhungern – hier ist das Unrecht so himmelschreiend, dass es zynisch wäre, nach Sinn zu suchen. Angesichts extremen Leides haben viele ihren Glauben verloren. Wie kann Gott gut und allmächtig sein, wenn er doch so viel Leid und Unrecht zulässt?

Am Theodizeeproblem («Gerechtigkeit Gottes») trennen sich die Wege. Glauben wir, dass es jemanden gibt, der von aussen in das Geschehen eingreift? Denken wir, dass er es tun müsste, um die Menschen an ihren eigenen schlimmsten Taten zu hindern? Suchen wir nach einem Übervater, einem Richter, einer Art Weltraumgendarm, einem Schiedsrichter, der gelbe und rote Karten verteilt? Oder lassen wir uns wie Hiob gewissermassen auf den Zahn fühlen?

Ist da jemand?

Es gehört zum patriarchalen Denken, dass «da oben» einer ist, der die Geschicke der Welt lenkt. Hausherr, Verwalter, Kanzler, Präsident, Fürst, König, Kaiser, Papst, Gott – auf der Leiter der Hierarchien läuft die Macht an einem Punkt zusammen. Einer soll für Ordnung sorgen. Und wenn es heute für viele nicht mehr Gott ist, dann müssen die Ausserirdischen ran.

Durch die Jahrtausende hindurch wurde unser Blick abgelenkt von dem, wo sich das Eigentliche abspielt: bei uns selbst. «Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe, mit dem Gott mich sieht.» Der Spruch stammt von Meister Eckhart (um 1260–1328), einem der bedeutendsten Mystiker und Theologen des Mittelalters. Für ihn sind Gott und Mensch quasi Spiegelbilder. Gott wird in der Seele des Menschen geboren.

In dieser unio mystica, der mystischen Vereinigung, ist Gott kein Objekt, das der Mensch aussen erkennen kann. Gott und Mensch sind eins und stehen in einer tiefen, untrennbaren Beziehung. Hier ruft der Mensch nicht nach jemandem, der von aussen eingreift, und ist enttäuscht, wenn er es nicht tut. Er braucht im Aussen keine Obrigkeit, sondern erkennt das Höchste in seinem eigenen Inneren.

Wir wissen es nicht

Vielleicht hat auch Hiob seine tiefe Verbindung zu Gott so erlebt. In jedem Fall ist er bei sich geblieben. Er hat die Suche nach dem Sinn nicht aufgegeben, selbst dann nicht, als er erkannte, dass es keinen gab. Vielleicht ist es diese Art von Mysterium, die den französischen Journalisten Antoine Leiris erfüllte, nachdem seine Frau im November 2015 dem Attentat im Pariser Bataclan zum Opfer fiel. «Ihr bekommt meinen Hass nicht» ist der Titel seines Buches und seines offenen Briefes, den er am Folgetag veröffentlichte. (1)

Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, welchen Sinn das Leben hat oder ob die Ereignisse einen Sinn haben. Wir wissen nicht, ob es irgendwo einen Lenker der kosmischen Geschicke gibt. Was wir wissen, ist, dass wir selbst unserem Leben eine Orientierung geben können.

Vielleicht ist das die Probe, auf die wir gerade gestellt werden. Jetzt, wo so viel Unrecht geschieht, wo alles zusammenbricht, wo die alte Ordnung geht und die neue noch nicht zu sehen ist, an diesem dunkelsten Punkt zwischen Nacht und Morgengrauen, können wir nur das Vertrauen in uns lebendig halten, dass die Sonne wieder aufgeht.


 

Quellen und Anmerkungen

  1. Antoine Leiris: Meinen Hass bekommt ihr nicht, Blanvalet Verlag 2016

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

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