Ehrenrettung eines Jahrhundertsommers
Der Hitzesommer, der immer noch anhält, hat viele Probleme verursacht. Aber war er nicht wunderschön? Die Kolumne aus dem Podcast «Mitten im Leben»
«War es nicht paradiesisch, im Abendlicht schwimmen zu gehen?» (Bild NL)
«War es nicht paradiesisch, im Abendlicht schwimmen zu gehen?» (Bild NL)

Vor einigen Tagen sass ich auf einer Anhöhe oberhalb des Zürichsees und blickte auf das unter mir liegende Dorf in der Abendstimmung, den Zürichsee und das sich in der Ferne erhebende Alpenmassiv. Es war ein idyllischer, schöner und vor allem friedlicher Anblick, der nicht daran denken liess, dass es schon so lange trocken ist.

Wenn ich aber meinen Blick auf das vor mir liegende, leicht abfallende Feld richtete, sah ich, dass die Wiese nicht grün, sondern gelb war. So sollte es natürlich nicht sein, und für viele Menschen hatte dieses Erscheinungsbild etwas Bedenkliches und sogar Alarmierendes.

Auch mir gefällt so ein Anblick nicht. Auch ich würde mir wünschen, dass eine Sommerwiese nicht entkräftet und dürstend nach Wasser dahinwelkt, sondern so saftvoll und kraftvoll wirkt, wie wir es uns von Sommerwiesen gewohnt sind.

Aber ich stelle auch jedes Mal fest, wenn das Thema wieder an mich herantritt – das Thema der grossen Trockenheit dieses Sommers –, dass ich mit einer gewissen Gelassenheit reagiere, die bei anderen Menschen nicht so gut ankommt. Sie glauben dann, ich würde den Auswirkungen der Dürre gleichgültig gegenüberstehen und hätte nur ein Interesse: mein Leben weiterleben zu können, solange noch Wasser aus meinem Wasserhahn fliesst.

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«Es war sicher kein guter Sommer für ganz viele Bauern» (Bild NL)

So ist es aber nicht. Ich habe natürlich Verständnis für die Probleme, die sich im Zusammenhang mit dem unentwegt blauen Himmel ergeben und sich vielleicht weiter ergeben werden. Es war sicher kein guter Sommer für ganz viele Bauern. Es war auch kein leichter Sommer für viele ältere Menschen. Aber was sollen wir dagegen tun?

Ich kann mich empören über das Schicksal der Palästinenser, weil der Mensch da eingreifen kann, weil er das Töten und Zerstören beenden kann, wenn er wollte. Aber was will er gegen die Hitze tun?

Wer im Ernst daran glaubt, man könne mit Klimagesetzen das Klima zwingen, wieder abzukühlen, der möchte sich die Erde untertan machen. Auf der Welt gibt es glücklicherweise immer noch Dinge, die einfach geschehen, unabhängig vom Wollen der Menschen. Gegen ganz vieles, was auf uns einstürzt, können wir nichts unternehmen. Wir müssen es einfach hinnehmen – weil es zum Planeten Erde gehört. Es gehört zum Lauf dieser Welt, dass auf gute Zeiten schwierige Zeiten folgen, und diese schwierigen Zeiten können auch mit Naturkatastrophen oder mit einem trockenen Sommer zusammenhängen.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Sommer in vollen Zügen genossen habe. Es war schön, Morgen für Morgen aufzustehen und den Sonnenschein zu begrüssen. Ich habe die Wärme, die uns bis in die Abendstunden begleitete, mit all meinen Sinnen auf mich einwirken lassen. Über die Hitze habe ich nie gestöhnt. Ich wollte sie nicht vertreiben, denn ich habe auch sie genossen. Ihr sanftes Brennen auf meiner Haut und das Schwitzen, das sie hervorrief, hat mich in eine Aura von Wohlergehen gehüllt, das kein Ende nahm. Die allgegenwärtige Sauna rief nach dem kühlenden Sprung ins kalte Nass, und auch dies war jedes Mal ein Genuss.

Haben sich denn nicht die meisten von uns schon in Ländern und Gegenden aufgehalten, wo es immer so heiss ist? Hat uns dort die Hitze gestört? Haben wir uns ihr nicht ohne Not angepasst und das Haus erst gegen Abend verlassen?

Dasselbe habe ich hier getan.

Seit Beginn dieser grossen Hitze habe ich mich hierzulande nicht anders verhalten, als ich es in Mexiko oder Sri Lanka tun würde, in Süditalien oder in Griechenland, wo die Menschen im Sommer nichts anderes kennen als kochende Temperaturen. Aber sie leben damit. Sie leben damit trotz magerer Ernte, Wasserknappheit und Brandgefahr. Sie machen das Allerbeste daraus, wenn die Hitze kommt, und das habe auch ich versucht.

Vor allem die Abende werde ich nicht vergessen, wenn sie, in wenigen Wochen bereits, bloss noch Erinnerung sind. War es nicht angenehm und bequem, die Fenster alle weit offen zu lassen und jeden Luftzug willkommen zu heissen, der durch die Wärme der Zimmer zog? War es nicht geradezu paradiesisch, im Abendlicht schwimmen zu gehen, um sich dann in der Badibeiz einen Apérol Spritz zu genehmigen? Bei Kerzenlicht draussen oder auf der Veranda zu sitzen, in die Lichter der Nacht zu blicken und dem Gespräch seinen Lauf zu lassen? Ohne Bettdecke dazuliegen, den nächtlichen Geräuschen zu lauschen und wegzudämmern ins Traumland?

Das alles sind Momente und Freuden, die in einem verregneten Sommer nur sehr beschränkt möglich sind. Der letzte Sommer war so ein Sommer, der seinen Namen nicht wirklich verdient hat. Dieser jetzt darf sich hundertfach Sommer nennen. Und ich freue mich über jeden weiteren Sonnentag, denn ich weiss, dass ich mich bald an ihn zurückerinnern und denken werde: Schade, dass er sich schon verabschiedet hat. Schade, dass man das sommerlich leichte Kleid wieder gegen den Mantel der kühlen Witterung eintauschen muss. So wird es sein. Wir werden die Kälte empfangen wie einen ungebetenen Gast, ein weiteres Mal. Doch wir werden auch sie willkommen heissen, weil sie dasselbe Recht wie die Wärme hat. Sie gehört dazu.

In diesem aussergewöhnlichen Sommer jedoch habe ich, ganz persönlich für mich erkannt, dass ich die warme Jahreszeit definitiv lieber habe. Man wird offener, unbekümmerter, grosszügiger, auch sich selbst gegenüber. Man darf die Pflicht auf morgen verschieben. Man tut, was man kann, und nicht was man muss. Ich habe in diesem Sommer nicht so viel geschrieben, wie ich eigentlich wollte. Dafür habe ich diesen wunderbaren, verrückten Wochen erleben dürfen. Und dafür möchte ich Danke sagen.

Danke dem Wetter und vielleicht auch dem Klima, dass es mir diesen Sommer beschert hat. Der nächste Sommer wird anders sein.

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«Wir werden auch die Kälte wieder willkommen heissen» (Bild NL)

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. Neben dem Schreiben gestaltete er während 30 Jahren freie Trauungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Bücher von Nicolas Lindt

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