Gaza ein Jahr nach dem Waffenstillstand
Gaza bleibt gefangen zwischen Flammen, die nicht erloschen sind, Schutt, der nicht weggeräumt wurde, und Krisen, die ungelöst bleiben. Damit der Wiederaufbau Wirklichkeit werden kann, brauchen die Menschen in Gaza ein echtes Ende der Gewalt und Garantien, die ihr Leben schützen. Unser Mitarbeiter in Gaza berichtet.
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Krieg bleibt allgegenwärtig. Fotos: Younis

Ein Jahr nach der Ankündigung eines Waffenstillstands im Gazastreifen bleibt der Krieg in den Leben der Palästinenserinnen und Palästinenser allgegenwärtig – durch anhaltende Bombardierungen, fortgesetzte Drohungen und flächendeckende Zerstörung. Die Ankündigung hat weder zu einem tatsächlichen Ende der Gewalt geführt noch die Sicherheit der Menschen gewährleistet. Israelische Militäraktionen dauern an, während die Bewohnerinnen und Bewohner mit einer humanitären und wirtschaftlichen Krise konfrontiert sind, die sich inmitten der Ruinen von Häusern, Spitälern und Schulen weiter vertieft. Zwischen der Angst vor Bombardierungen und dem täglichen Kampf um Wasser, Nahrung und Medikamente versuchen die Menschen in Gaza zu überleben – in einer Realität, die wenig mit Frieden zu tun hat und ihnen keine echte Chance auf Erholung bietet.

Die jüngste gemeinsame Einschätzung der Weltbank, der Vereinten Nationen und der Europäischen Union schätzt die direkten physischen Schäden auf rund 35,2 Milliarden US-Dollar. Für den Wiederaufbau und die Erholung werden über zehn Jahre hinweg 71,4 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Die israelische militärische Kontrolle über etwa 70 Prozent des Gazastreifens bleibt ein entscheidender Faktor, der das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner prägt und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sowie des Zugangs zu Land und grundlegenden Dienstleistungen mit sich bringt. Die Krise geht daher weit über die Folgen der früheren Zerstörung hinaus. Sie setzt sich fort unter anhaltenden militärischen Drohungen und einer zunehmend ungewissen Zukunft.

...Leben in Angst

Vom ersten Moment der Ankündigung des Waffenstillstands an liessen die Luftangriffe nicht nach. Sie dauern bis heute an und fordern ohne Rechtfertigung das Leben von Gaza-Bewohnerinnen und -Bewohnern. Das Gesundheitsministerium in Gaza meldete, dass seit dem Waffenstillstand vom 11. Oktober 2025 1493 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet und 5299 verletzt wurden. Damit steigt die Gesamtbilanz seit Kriegsbeginn im Oktober 2023 auf 74 382 Getötete und 175 416 Verletzte.

In einigen Strassen Gazas sind Märkte, Bäckereien und Verkehr teilweise zurückgekehrt. Diese begrenzten Zeichen von Aktivität bedeuten jedoch keineswegs, dass Stabilität wiederhergestellt wäre. Berichte des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) zeigen, dass vertriebene Familien weiterhin unter Mangel an Zelten, Wasser, sanitären Einrichtungen, Nahrung, Gesundheitsversorgung und Bildung leiden. Die Nähe zur «Gelben Linie» schränkt zudem die Bewegungsfreiheit ein und erhöht die Sicherheitsbedenken. Die Inflation in Gaza liegt laut Marktbeobachtungen, auf die sich OCHA beruft, bei rund 207 Prozent über dem Niveau vor Oktober 2023.

Khamis Al-Sousi, Vater von fünf Kindern, dessen Familie aus ihrem Haus im Viertel Al-Nasr im Westen von Gaza-Stadt vertrieben wurde, sagte gegenüber Zeitpunkt.ch, der Waffenstillstand habe das Leiden seiner Familie nicht beendet. Stattdessen sei sie mit einer anderen Form der Angst konfrontiert.

«Unser Haus ist weg. Es bleibt nichts davon übrig ausser einer schiefen Mauer und etwas Metall. Unser Leben spielt sich jetzt in einem Zelt in einem Vertriebenenlager im westlichen Teil der Stadt ab. Man sagt, es gebe einen Waffenstillstand, aber wir spüren nicht, dass der Krieg vorbei ist. Für uns bedeutet die Waffenruhe lediglich, dass mehrere Stunden ohne Explosion vergehen. Es bedeutet nicht, dass wir uns sicher fühlen», sagt er.

Der Tag der Familie beginnt mit der Suche nach Wasser. «Wir schleppen Kanister über weite Strecken und warten manchmal stundenlang, um sie zu füllen. Strom gibt es nicht, und wir sind auf eine Batterie oder ein kleines Solarpanel angewiesen, um unsere Telefone zu laden und eine schwache Lampe zu betreiben», erklärt Al-Sousi.

Nahrungsmittel sind zwar auf manchen Märkten verfügbar, für die Familie aber unerschwinglich geworden. «Ich kaufe genug für einen oder zwei Tage und versuche, meinen Kindern zu erklären, warum wir nicht alles kaufen können, was sie sehen», sagt er. Die Geräusche von Flugzeugen und Schüssen versetzen seine Familie zurück in die frühen Kriegstage. Seine Kinder schlafen in ihren Kleidern, weil sie Angst haben, erneut fliehen zu müssen.

Al-Sousi fasst die Hoffnungen seiner Familie zusammen: «Wir wollen ein Zuhause, eine Schule, ein Spital und sicheres Wasser. Wir wollen als Familie leben, nicht als Menschen, die auf die schlimmste Nachricht warten.»

Schutt, der die Zukunft verschlingt

Laut der gemeinsamen Einschätzung von Weltbank, Vereinten Nationen und Europäischer Union, die im April 2026 veröffentlicht wurde, sind mehr als 371 888 Wohneinheiten beschädigt oder zerstört. Allein der Wohnungssektor benötigt rund 16,2 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau. Mehr als die Hälfte der Spitäler Gazas ist nicht funktionsfähig, die meisten Schulen sind beschädigt, und die Schäden an der Wasser- und Sanitärinfrastruktur belaufen sich auf etwa 1,7 Milliarden US-Dollar.

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Das Schuttvolumen wird auf mehr als 68 Millionen Tonnen geschätzt; allein dessen Entfernung dürfte über 1,7 Milliarden US-Dollar kosten. Dabei handelt es sich nicht bloss um Trümmer, die Strassen blockieren. Es sind die Überreste von Quartieren, Häusern und öffentlichen Einrichtungen, die einst die Grundlage des Alltags von Hunderttausenden Menschen bildeten.

Dem Wiederaufbau stehen zahlreiche Hindernisse entgegen: Einschränkungen beim Einfuhr von Baumaterialien und Ausrüstung, Finanzierungsengpässe, die Schwierigkeit, Blindgänger zu entfernen, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Menschen und Gütern sowie anhaltende Sicherheitsrisiken. Die Ankündigung von Finanzierungszusagen und Wiederaufbauplänen reicht daher nicht aus. Der Wiederaufbau von Häusern, Schulen und Spitälern erfordert Bedingungen, die es Arbeitern ermöglichen, zu arbeiten und beschädigte Standorte zu erreichen, während Zivilpersonen vor anhaltender Gewalt geschützt werden.

Armut in Märkten voller Waren

Die wirtschaftliche Krise Gazas ist längst nicht mehr nur eine Frage des Mangels. Sie ist zu einer Krise von Einkommen und Kaufkraft geworden. Der Wirtschaftswissenschaftler Ahmed Abu Qamar sagte gegenüber Zeitpunkt.ch, dass Preise, die rund 207 Prozent über dem Vorkriegsniveau liegen, bedeuten, dass die Präsenz von Waren auf den Märkten keineswegs garantiert, dass Familien sie sich leisten können.

Er erklärte, dass Arbeitslosigkeit, Armut und Ernährungsunsicherheit enormen Druck auf Familien ausüben, die ihre Häuser, Arbeitsplätze und Ersparnisse verloren haben und nun auf humanitäre Hilfe als Hauptquelle für Nahrung angewiesen sind.

Im September 2026 belief sich die monatliche Lebensmittelration, die an rund 191 000 Familien verteilt wurde, laut UN-Daten, auf die sich Abu Qamar beruft, auf etwa 50 Prozent des Mindestbedarfs.

Er warnte, dass die fortgesetzte Abhängigkeit von Hilfe ohne die regelmässige Öffnung der Grenzübergänge und die Wiederherstellung von Fabriken, Werkstätten und Landwirtschaft Gaza in «eine Hilfsverteilungsökonomie statt einer produktiven Wirtschaft» verwandeln könnte.

Humanitäre Hilfe ist unerlässlich, um Leben zu retten. Sie kann jedoch allein weder Arbeitsplätze wiederherstellen, Familien stabile Einkommen verschaffen noch eine Wirtschaft aufbauen, die sich selbst tragen kann.

Vertreibung: Unterkunft ohne Sicherheit

Im Verlauf des verheerenden Krieges wurden etwa 371 888 Wohneinheiten beschädigt oder zerstört – das entspricht 76,6 Prozent des gesamten Wohnungsbestands des Streifens. Dadurch wurden mehr als 1,2 Millionen Menschen obdachlos, so die gemeinsame Einschätzung. Im März 2026 schliefen rund 5000 Familien im Freien, während mehr als 130 000 Familien zusätzliche Unterkunftshilfe benötigten.

Zelte bieten keinen nachhaltigen Schutz vor Regen, Wind und Überschwemmungen, und unzureichende Wasser- und Sanitärversorgung erhöht die Gesundheitsrisiken. Laut einer UN-Einschätzung hatten 63 Prozent der befragten Haushalte Zugang zu weniger als sechs Litern Trinkwasser pro Person und Tag. Gleichzeitig lebten 60 Prozent der Bevölkerung weniger als zehn Meter von Abwasser oder menschlichen Exkrementen entfernt.

Unter diesen Bedingungen wird ein Zelt zu einem Ort des Überlebens statt zu einem Ort des Lebens. Familien kämpfen mit Überbelegung und mangelnder Privatsphäre, während der Schutz von Kindern, Kranken und älteren Menschen vor Umwelt- und Sicherheitsrisiken immer schwieriger wird.

Da Bombardierungen und Bewegungsbeschränkungen anhalten, ist die Vertreibung nicht bloss eine Folge vergangener Zerstörung. Sie bleibt eine andauernde Bedrohung, die die Bewohnerinnen und Bewohner erneut zur Flucht zwingen könnte.

Frauen und die besonders verwundbaren Gruppen

Ein Jahr nach dem Waffenstillstandsabkommen tragen Frauen weiterhin die Lasten der Vertreibung, der Kinderbetreuung und der Beschaffung von Nahrung und Wasser – neben dem Verlust von Ernährern und Schwierigkeiten beim Zugang zur Gesundheitsversorgung. OCHA berichtete im September 2026, dass Frauen etwa jeden vierten Haushalt allein führen.

Schwangere und stillende Frauen stehen vor zusätzlichen Herausforderungen durch Mangel an Nahrung, Medikamenten und sauberem Wasser, Schwierigkeiten beim Erreichen von Kliniken und das Fehlen angemessener Gesundheitseinrichtungen in den Vertriebenenlagern. Frauen mit Behinderungen und ältere Frauen tragen noch grössere Lasten, da sie Schwierigkeiten haben können, zu reisen und grundlegende Versorgungsgüter zu erhalten.

Eine wirksame humanitäre Antwort erfordert regelmässige Bargeldhilfe, sichere Gesundheitseinrichtungen, zugängliche Toiletten und reproduktive Gesundheitsdienste, die die Privatsphäre respektieren. Haushalte mit weiblichen Vorständen, schwangere und stillende Frauen sowie die besonders verwundbaren Gruppen müssen Priorität erhalten.

Wiederaufbau auf Eis gelegt

Der Schriftsteller und politische Analyst Talal Okal sieht für Gaza zwei mögliche Wege: ein schrittweiser Wiederaufbau oder die Verfestigung einer langanhaltenden Krise. Im Gespräch mit Zeitpunkt.ch sagte er, Wiederaufbau erfordere ein wirkliches Ende der Kämpfe, die Öffnung der Grenzübergänge, den Abzug von Truppen aus Gebieten, die die Bewegungsfreiheit der Bewohnerinnen und Bewohner behindern, sowie eine palästinensische Verwaltung, die von einem klaren internationalen Wiederaufbauplan unterstützt werde.

Er warnte: «Milliarden von Dollar für den Wiederaufbau reichen nicht aus, wenn die politischen und sicherheitspolitischen Bedingungen es nicht erlauben, dass Baumaterialien eingeführt werden, Institutionen funktionieren und Zivilpersonen geschützt werden.»

Die Reparatur von Wassernetzen, die Wiedereröffnung von Bäckereien und Gesundheitszentren sowie die Rückkehr der Kinder zur Bildung sind wesentliche Schritte. Sie können jedoch keinen nachhaltigen Wiederaufbau bewirken ohne einen umfassenden Plan, der Finanzierung, Umsetzung, Governance und Sicherheit angeht.

Ein Jahr nach der Ankündigung des Waffenstillstands bleibt Gaza gefangen zwischen Flammen, die nicht erloschen sind, Schutt, der nicht weggeräumt wurde, und Krisen, die ungelöst bleiben.

Wiederaufbau lässt sich nicht an der Zahl der eintreffenden Lieferungen oder der Höhe der angekündigten Finanzmittel messen. Er muss daran gemessen werden, ob die Palästinenserinnen und Palästinenser ohne Angst vor Bombardierungen leben, in sichere Häuser zurückkehren, grundlegende Dienstleistungen nutzen, arbeiten und für ihre Familien sorgen können.

Bevor der Wiederaufbau Wirklichkeit werden kann, brauchen die Menschen in Gaza ein echtes Ende der Gewalt und Garantien, die ihr Leben schützen und ihnen die Chance geben, ihre Zukunft zurückzugewinnen.

 

Abdullah Younis

Abdullah Younis
Abdullah Younis

Ich bin Abdullah Younis, 37 Jahre alt und Journalist aus Gaza-Stadt. Ich arbeite seit 16 Jahren als Journalist. Derzeit trage ich zu verschiedenen lokalen Onlineplattformen bei, einschliesslich der Libanesischen Organs Al-Akhbar, der Webseite Felesteen News, The Electronic Intifada und dem Zeitpunkt.

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