Textilien sind nicht nur für den Gebrauch da, sie werden in der Ausstellung «Soft Structures. Textil als künstlerisches Prinzip» im Schloss Untergröningen in Baden-Württemberg zur Kunst. Es gibt viel zu sehen: 500 Werke auf 1500 Quadratmetern. Der Kurator der Ausstellung, Jan-Hendrik Pelz, zeigt mit seiner Ölmalerei, wie sehr T-Shirts mit ihren Aufschriften und Aufdrucken den Zeitgeist widerspiegeln. Ein ganzes Kabinett ist mit seinen quadratischen Bildern bestückt. Etwa zehn Jahre hat er daran gearbeitet und dazu unzählige Shirts gesammelt, die auf einem Haufen in der Mitte des Ausstellungsraumes liegen.
Textilien lassen sich auch schnitzen. Das zeigt die Holzbildhauerin Jessi Strixner aus München, die unter anderem Unterwäsche, vom Slip bis zum BH, aus Lindenholz so nachbildet, dass man hundertprozentig davon ausgeht, ein Objekt aus Stoff vor sich zu haben. Berührt man den schwarzen BH vorsichtig, stossen die Finger auf unnachgiebiges Holz.
Beeindruckend sind die riesigen bunten gewebten Teppiche der Berliner Malerin und Textilkünstlerin Kata Unger, die ihre Wolle mit weichen und strahlenden Naturfarben selbst einfärbt. Diese Wandteppiche erzählen Geschichten von Menschen und ihren Gefühlen, von der Natur, vom prallen bunten Leben mit seinem Auf und Ab.
Geometrische Objekte von grosser Tiefe erstellt der Künstler Manuel Knapp. Mit bunten Fäden zieht er den Betrachter in einen Raum hinter dem Raum.
Insgesamt sind in den stattlichen Räumen des Untergröninger Schlosses Werke von 46 Künstlern und Künstlerinnen zu sehen. Hinter der grossen und vielfältigen Schau steht der Verein KIss, Kunst im Schloss Untergröningen e.V.. Der Kurator erläutert sein Konzept so:«Wir gehen mit dieser Ausstellung auf die weiche Struktur in der Kunst ein, nicht nur mit Textilien, sondern auch mit Videos, Installationen, Bildhauerei und Malerei. Uns interessiert der Faltenwurf, die Fäden, Teppiche ... Drei Kategorien von Werken sind ausgestellt: historische Arbeiten, Arbeiten renommierter Künstler, Leihgaben aus Museen, etwa vom Verhüllungsexperten Christo, von Joseph Beuys oder Gerhard Richter und die Objekte aus den Ateliers zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, die teilweise speziell für die Ausstellung erstellt wurden.»
Textilien – für Sammler begehrte Objekte
Etwa ein Drittel der ausgestellten Textilien sind historisch und stammen aus der Sammlung Björn Böttger (Jg 1982). Der leidenschaftliche Sammler hat nach traumatischen Erfahrungen in seiner Kindheit sein Thema gefunden.«Textilien sind weich, sie wärmen, sie haben schöne Farben, sie drücken Gefühle aus. All das zieht mich an und hilft mir, die Lieblosigkeit meiner Kindheit zu reflektieren und zu überwinden. Ausserdem steckt hinter jedem Sammlerstück eine aktuelle und eine alte Geschichte. Ich recherchiere zu jedem Stück, mein Blick und meine Expertise erweitern sich ständig»
Zwar sammelte Böttger bereits als Jugendlicher Bücher und Schallplatten, aber erst einmal wies nichts auf sein Interesse an alten Textilien hin. Er absolvierte die Hauptschule in Waltershausen/Thüringen, kam dann aufgrund seiner Begabung in eine Erweiterungsklasse, die zu einer Studienzulassung führte, entschloss sich aber für eine dreijährige Lehre zum Schornsteinfeger. Seine Arbeit erledigte er zur grossen Zufriedenheit seiner Kunden. Er unterhielt sich mit den Menschen, die er bei seiner Arbeit antraf und kam so langsam aus seiner seelischen Erstarrung und Einschüchterung heraus.
Heute erfährt seine umfangreiche, wertvolle Sammlung historischer Textilien erhebliche Anerkennung. Einzelne Objekte hat er sogar an illustre Persönlichkeiten wie etwa den Chef von Fiat bei einer Ausstellung in Turin verkauft. Die Sammlerstücke wurden in
Ausstellungen und bei Expertentreffen gezeigt, z. B in Mailand und Würzburg. Böttger legt Wert darauf, den kolonialen Hintergrund der Exponate zu berücksichtigen:«Hinter den textilen Arbeiten stehen oft anonyme Künstlerinnen, und das möchte ich ins Bewusstsein heben.»
Textilien verbinden Kunst und Nutzen
Zu Böttgers Ausstellungsstücken im Schloss Untergröningen gehört etwa ein bunter Schlaf- oder Meditationsteppich aus Südostanatolien um 1870. Es handelt sich um einen fein gemusterten Kelim, der auf der Sitz- bzw. Liegefläche mit buntem Angorahaar flauschig gestaltet wurde. Die rot, grün, gelb und blau gefärbten Blockelemente erinnern Böttger an die Bilder von Mark Rothko.«Dieser Teppich stammt von einem kurdischen Stamm. Es sind spezielle Metall- und Baumwollfäden gegen den bösen Blick eingewebt.»
In einem grossen Raum des Schlosses hängt ein riesiger hauptsächlich weinrot gefärbter, gefilzter Teppich, eine Wohnunterlage aus einer Jurte aus dem 19. Jahrhundert. Unterteilungen auf dem Objekt zeigen, wo in der Mitte die Feuerstelle war, wo geschlafen und etwas aufbewahrt wurde.«Zur Erstellung dieser Lebens- und Wohnunterlage wurde das Haar von jungen Kamelen verwendet, weil das besonders strapazierfähig ist. Auch konnten die Besitzer damit ihre Wohlhabenheit zeigen. Zudem kam wertvolle Karakulwolle zum Einsatz.»
Hinter einem Glassturz ist ein besonders feines und zartes Gewebe zu entdecken: eine helle etwa zweieinhalb Meter lange und 70 Zentimeter breite Krönungsschärpe aus Gold, Silber und Seide, gefärbt mit Lapislazuli und der roten Naturfarbe Lac. «An dieser Schärpe wurde etwa 30 Jahre lang gearbeitet. Sie zeigt ganz feine vornehme Signaturen. Als ich dieses edle Gewebe kürzlich beim Forum Textil- und Teppichkunst in Basel vorstellte, ging ein Raunen durch den Saal», erzählt Böttger mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Seine Liebe zur historischen Textilkunst hat Glück in sein Leben gebracht. Er möchte weitersammeln, der Welt seine Schätze zeigen und ihr bewusst machen, wie sehr Kunst und Alltag schon seit Menschengedenken verwoben sind.