Es tut weh. Es tut zunächst einmal einfach weh, dass die Mehrheit der Stimmenden nicht erkennt, wie sehr das unbegrenzte Wachstum die Schweiz zugrunde richtet. Warum wird das Offensichtliche nicht gesehen – wie im Märchen von Hans Christian Andersen? Warum zeigt nur ein Kind auf den nackten Kaiser und sagt, was doch eigentlich alle sehen: Dass der Kaiser nichts anhat?
Die Wahrnehmung wäre da. Die meisten Menschen in unserem Land erleben und spüren den Dichtestress. Die Stimme des Kindes ist die Stimme in ihrem Herzen. Aber der Kopf empfiehlt Loyalität. Auch wenn der Kaiser splitterfasernackt durch die Menge schreitet – er ist der Kaiser. Er verspricht dem Volk weiterhin Wohlstand, wenn es ihm folgt. Sicherheit in der Unsicherheit. Stabilität in der Krisenzeit.
Das Kind kann nichts versprechen. Es sagt nur die Wahrheit. Aber die Mehrheit der Stimmenden hat sich für die Lüge entschieden. Für die Lüge, dass der Dichtestress nicht so schlimm ist. Viel weniger schlimm als die Begrenzung des Wachstums. Hauptsache Fortschritt. Der Preis ist egal.
Was wird nun geschehen? Die politische Klasse wird ein paar Bremsen einbauen müssen. Zu gross ist die Zahl der Stimmenden und der Landkantone, die Ja gesagt haben. Aber das Wachstum wird weitergehen. Weitere Tausende und Abertausende Einwanderer werden die Schweiz überschwemmen. Das Bild überfüllter Züge wird immer mehr Lebensbereiche erfassen. Es wird überall ein zu viel, ein zu eng und zu teuer sein. Und es wird überall ein zu fremd sein, ein Gefühl, dass die Schweiz uns abhanden kommt.
Doch die Zahl der Bürgerinnen und Bürger, die auf das Kind in sich hören, hat zugenommen wie nie zuvor. Alle diese Menschen – und alle, die diese Zeilen lesen – werden sich nicht mehr zurückziehen. Sie haben erkannt, wie gefährdet die Schweiz ist, und sie werden für unser Land einstehen. Kommunal, regional, kantonal – und auch national.
Corona hat uns gezeigt, wie eine Bürgerbewegung entstehen kann. Wie viele Menschen sie mobilisieren kann. Das wird wieder geschehen. Aber wir brauchen Geduld. In der Schweiz mahlen die Mühlen langsam. Doch der Tag wird kommen, wo wir erleben, wie das Märchen von Hans Christian Andersen endet. Als das Kind nämlich sagt, was es sieht, ruft sein Vater: «Hört – die Stimme der Unschuld!»
Sie verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Einer flüstert es dem anderen zu - und zuletzt ruft das ganze Volk: «Aber der Kaiser hat ja gar nichts an!»
Irgendwann bricht sich die Wahrheit Bahn. Und die Wahrheit ist, dass jedes Wachstum ein Ende hat. Zu erkennen, wann es Zeit ist, sich zu beschränken – daran misst sich die Reife des Menschen.