Christus-Bewusstsein: Die Seligpreisungen als Weg der radikalen Transformation
Jesus kam nicht, um die bestehenden Systeme dieser Welt zu erhalten. Er kam, um sie zu zerlegen. Gedanken eines Palästinensers.
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Sami Awad. Bild: zVg

Er war nicht daran interessiert, Institutionen aufzubauen, sondern Bewusstsein zu wecken. Seine Botschaft verstärkte keine Hierarchien und keine Kontrollstrukturen. Sie lud zu einer radikalen Verwandlung ein – zu einer Art des Seins, die alle von Menschen gezogenen Grenzen sprengte. Er störte religiöse Normen, widersetzte sich politischen Autoritäten, entlarvte das Patriarchat und definierte Gerechtigkeit neu: nicht als blosse Einhaltung von Gesetzen, sondern als gelebte Liebe, Menschlichkeit und Gerechtigkeit. 

Genau das machte Jesus so gefährlich. Er war ein radikaler Störer, der alles infrage stellte, was als selbstverständlich galt – sogar die Kernstrukturen von Familie und Zugehörigkeit.

Als Palästinenser, der unter Besatzung und heute unter den Bedingungen eines Völkermords lebt, hat mich eine seiner Aussagen nie losgelassen: «Liebt eure Feinde.» 

Was bedeutet das konkret? Viele Menschen umgehen diese Frage im spirituellen Kontext durch Bypassing. Für mich jedoch wurde sie zum Ausgangspunkt einer tiefen Reise. Sie führte mich weiter zur zweiten zentralen Frage: Was heisst es, ein Friedensstifter zu sein? Jesus wurde der Fürst des Friedens genannt, doch er legte keinen klassischen Friedensplan vor. Er führte keine diplomatischen Verhandlungen mit Rom, organisierte keine Konfliktlösungskreise zwischen Juden und Samaritanern und schlug keine Zwei- oder Dreistaatenlösung vor. Dennoch gilt er als einer der grössten Friedensstifter der Geschichte. Diese Diskrepanz öffnete eine weitere Frage: Was ist ein Friedensstifter wirklich, und was tut er?

Beide Fragen – das Lieben des Feindes und das Friedenstiften – wurden zu den tragenden Säulen meines Weges. Sie führten mich direkt zur Bergpredigt, genauer zu den Seligpreisungen, die den Auftakt zur zentralen Lehrrede von Jesus bilden. Die Bergpredigt umfasst nur drei Kapitel im Matthäusevangelium (Kapitel 5–7) und gilt als seine grundlegende Botschaft, als Blaupause seines Wirkens.

Viele Jahrhunderte lang wurden die Seligpreisungen als Trost für die Armen, Trauernden und Unterdrückten gelesen: «Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich» oder «Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet.» Für mich ergibt diese Deutung jedoch wenig Sinn, besonders wenn man bedenkt, dass Jesus vor allem mit sehr armen und trauernden Menschen arbeitete, in einer Zeit voller Leid und Tod. Hätte er zu jemandem gesagt, der nichts zu essen hat: «Du bist selig, dir gehört das Himmelreich», wäre die Reaktion wohl eher Verzweiflung als Trost gewesen.

Die Seligpreisungen sind keine Beschreibungen eines passiven Zustands, sondern eine aktive Einladung zur Verwandlung. Sie bilden einen praktischen Weg zur Christus-Bewusstheit – nicht als Verehrung einer historischen Person, sondern als eine universale Art des Seins, die jedem Menschen offensteht, unabhängig von Geschlecht, Religion oder Herkunft. «Christus» bedeutet im Griechischen «der Gesalbte». Wir alle sind eingeladen, diese Gesalbtheit zu leben.

Der erste Schritt auf diesem Weg ist das Armwerden – nicht unbedingt im materiellen Sinn, sondern im bewussten Loslassen aller Bindungen, die aus Angst entstehen. Wer etwas besitzt, das er aus Furcht schützen muss, errichtet Grenzen und oft auch Gewalt – sei es mit Worten, Gedanken oder tatsächlichen Waffen. Wie kann jemand aus einer Haltung der Angst und des Schutzes heraus ein wahrer Friedensstifter sein? Armut im Geist bedeutet daher, bewusst loszulassen, was uns festhält und trennt.

Der zweite Schritt ist die Trauer. Nach dem äusseren Loslassen folgt die tiefere Frage: Welche inneren Wunden, Traumata und alten Geschichten müssen betrauert und zu Grabe getragen werden? Es reicht nicht, oberflächlich etwas aufzugeben. Die wahren Ursachen – Sucht, Angst, alte Verletzungen – müssen angeschaut und betrauert werden. Die ersten beiden Schritte drehen sich somit um das Sterbenlassen: das Loslassen von Geschichten, von Vergangenheit und von allem, was uns gefangen hält.

Danach folgt die Sanftmut. «Selig sind die Sanftmütigen.» Das englische Wort für sanft – «meek» – meint mehr als blosse Weichheit oder Demut. Es beschreibt jemanden, der seine eigene Kraft und Macht tief kennt und sie dennoch mit Bescheidenheit und Kontrolle einsetzt. Ein Pferd ist dafür das beste Bild: ein Tier von gewaltiger physischer Stärke, das diese Kraft freiwillig zügelt und Sanftheit zeigt.

Der nächste Schritt lautet: «Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.» Jesus verwendet hier die stärksten Ausdrücke für lebensnotwendige Bedürfnisse. Wir sollen Gerechtigkeit so intensiv ersehnen wie Nahrung und Wasser – täglich, unablässig. Es geht um heilende, wiederherstellende Gerechtigkeit in allen Beziehungen, um das Wiederherstellen rechter Verhältnisse.

Von dort aus öffnet sich der Weg nach aussen: «Selig sind die Barmherzigen.» Wie begegne ich dem Menschen, der mir Unrecht getan hat? Mit Barmherzigkeit und Vergebung. Dann folgt die Reinheit des Herzens: Alles, was wir sehen, hören und sprechen, soll durch die Linse des Heiligen gehen. Wer rein im Herzen ist, sieht das Heilige in jedem Menschen – auch im vermeintlichen Feind.

Erst aus dieser inneren Haltung heraus werden wir zu wahren Friedensstiftern. Frieden stiften heisst nicht nur, Dialogkreise zu organisieren oder diplomatische Lösungen zu suchen. Es heisst, die Strukturen von Patriarchat und Imperium zu demontieren und gleichzeitig neue, lebendige Gemeinschaften aufzubauen. Jesus ging persönlich zu den Ausgegrenzten und zu den Feinden – sogar zu einer samaritanischen Frau, die in doppelter Hinsicht als Feindin galt: ethnisch und geschlechtlich. Er widerstand den gewalttätigen Systemen und schuf zugleich Alternativen.

Der letzte Schritt klingt hart: «Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen verfolgen und alles Böse über euch reden.» Jesus fordert jedoch auf: «Freut euch und jubelt!» Denn genau dann zeigt sich, dass man Wirkung erzielt. Wenn das System einen nicht angreift, verändert man nichts Wesentliches.

Diese Wahrheit erlebte ich selbst, als mein Onkel Michael 1988 von der israelischen Armee verhaftet wurde. Er war ein gewaltfreier Aktivist und wurde dennoch als Bedrohung für Israel angeklagt. Am Tag der Urteilsverkündung führten sie ihn in Ketten die Treppe hinunter. Unsere Blicke trafen sich für einen Moment – und er lächelte. In diesem Lächeln lag die Gewissheit, dass gewaltfreier Widerstand siegt, auch wenn er äusserlich verliert.

Genau dieses Lächeln trug ich in mir, während ich mein Buch «Sacred Awakening» inmitten des laufenden Völkermords schrieb. Die Arbeit daran hat mich selbst verändert. Sie hat mir gezeigt, dass äusserer Widerstand und innere Transformation zwei Seiten derselben Medaille sind. Ich wehre mich gegen Besatzung, gegen die Ideologie des Zionismus und gegen jedes Unrecht – aber ich will nicht dieselben alten Muster wiederholen. Die alten Bewusstseinsstrukturen müssen in mir selbst und in unserer Gesellschaft sterben, damit etwas Neues geboren werden kann.

Die Seligpreisungen sind kein frommer Trost für die Schwachen. Sie sind ein revolutionärer Weg der persönlichen und gesellschaftlichen Verwandlung. Sie laden uns ein, alles loszulassen, was uns trennt, und in die Bewusstheit des Heiligen einzutreten. Von dort aus können wir wahrhaft Frieden stiften – nicht nur zwischen Menschen, sondern auch mit der Erde und mit uns selbst.

Die Reise ist nie abgeschlossen. Sie verlangt fortwährendes Loslassen, Trauern, Demut und das unablässige Hungern nach Gerechtigkeit. Doch genau darin liegt ihre Kraft: Sie verbindet innere Heilung mit äusserem Widerstand und schafft so die Grundlage für eine neue Art des Zusammenlebens. 


...Hier geht es zum Buch von Sami Awad: The Sacred Awakening.

Hier eine Buchbesprechung im Zeitpunkt.

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