Natürlich ereignen sich Naturkatastrophen. Jedoch besitzt der Mensch genügend Wissen und Fähigkeiten, ihre Wirkungen deutlich zu vermindern, vorausgesetzt, es gibt einen kollektiven Willen zu handeln. Die Tragödie liegt nicht einfach darin, dass Leiden existiert, sondern dass so viel Leid unnötigerweise fortbesteht, weil die menschlichen Prioritäten falsch gesetzt werden.
An der Wurzel vieler Konflikte findet sich der Widerspruch zwischen dem, auf das wir Wert legen, und dem, wie wir aktuell unser Leben gestalten. Der Widerspruch tritt auf, wenn Gedanken, Gefühle und Handlungen in entgegengesetzte Richtungen laufen – wenn das, was eine einzelne Person oder eine Gesellschaft sagt, glaubt und tut, sich nicht mehr zu einem kohärenten Ganzen verbindet. So spricht ein Land beispielsweise von Frieden, investiert jedoch massiv in Kriegsvorbereitung; eine Religion predigt von Mitgefühl, während sie gleichzeitig Ausschluss und Diskriminierung rechtfertigt; eine Person spricht von Verantwortung und vernachlässigt gleichzeitig die, die ihr am nächsten stehen. Diese Widersprüche verursachen Leiden, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Mit der Zeit werden ungelöste Widersprüche soweit normalisiert und rationalisiert, bis die gesamten Systeme um sie herum funktionieren, ohne nach den Konsequenzen ihres Handelns zu fragen.
Wenn wir wirklich Konflikte und Leiden reduzieren wollen, dann müssen wir lernen, die Widersprüchlichkeit in uns selbst und in unseren Institutionen zu erkennen und zu überwinden. Die Idee klingt simpel, doch die Durchführung fällt schwer. Religionen haben schon lange versucht, durch die Entwicklung ethischer Lehren und moralischer Prinzipien diese Widersprüchlichkeit zu bewältigen. Demokratien und Justizsysteme versuchen, sozialen Zusammenhalt zu schaffen, indem sie Gesetze und Institutionen entwickeln. Und wieder und wieder erdenkt die Menschheit wunderbare Ideale, während sie gleichzeitig Methoden entwickelt, diese zu unterlaufen.
Wie kann eine Gesellschaft, die sich dem Frieden verpflichtet, sich weiterhin von militärischer Stärke und von Gewalt als letzter Sicherheitsgarantie abhängig machen? In den USA fungiert dieselbe Person, der man die Führung einer Demokratie anvertraut, die auf friedlichen Idealen fußt, als Oberbefehlshaberin der größten Militärmacht der Geschichte. Dies ist nicht lediglich ein politisches Paradox – es spiegelt den Widerspruch, der gerade modernen demokratischen Strukturen inhärent ist. Deutlich können wir die Konsequenzen in Regionen wie dem Mittleren Osten beobachten, wo jahrzehntelang diplomatische Bekenntnisse zu Frieden und Stabilität einhergingen mit wiederholten militärischen Interventionen und fortgesetzten Gewaltexzessen.
Denselben Widerspruch kann man in den Religionen finden. Wie kann jemand für sich in Anspruch nehmen, Lehren zu befolgen, die von Liebe, Vergebung und Fürsorge für die Schwachen handeln, und gleichzeitig Atomwaffen unterstützen, die fähig sind, die menschliche Zivilisation auszurotten; oder eine Politik unterstützen, die Familien trennt und den Menschen die Zuflucht verweigert, die Schutz vor Gewalt suchen? Dies sind mitnichten unbequeme Fragen. Aber Religionen und Gläubige können ihnen nicht endlos aus dem Weg gehen, ohne ihre Glaubensinhalte auszuhöhlen.
Eines der deutlichsten Beispiele für diesen Widerspruch findet sich in den Strukturen der Vereinten Nationen selbst. Eine Institution, die gegründet wurde, um den Frieden zu schützen, wird weitgehend dominiert von Ländern, die die größten Arsenale an Atomwaffen besitzen. Die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates sind gleichzeitig die größten Militärmächte. Diese Tatsache negiert nicht die Bedeutung der UN, aber es verrät etwas Grundlegendes über den aktuellen Zustand der menschlichen Entwicklung: Fortgesetzt lassen wir globale Machtstrukturen um die Fähigkeit zur Massenvernichtung kreisen, während wir gleichzeitig beanspruchen, den Frieden zu suchen.
Ein kohärentes internationales System würde ein wesentlich größeres Gewicht Ländern geben, die sich gewissenhaft an friedlichen und atomwaffenfreien Prinzipien orientieren, zum Beispiel Costa Rica, das sein Militär abgeschafft hat. Oder Südamerika, das sich zur atomwaffenfreien Zone erklärt hat. Dies sind keine naiven Gesten, sondern gezielte Versuche, Konflikte zu lösen, ohne sich auf Gewalt zu verlassen.
Diese Widersprüchlichkeit kennzeichnet nicht nur Institutionen oder geopolitische Akteure; sie prägt auch unser tägliches Leben. In einer der reichsten Gesellschaften der menschlichen Geschichte (hier: die amerikanische, Anm. d.Ü.) leben Millionen von Kindern fortgesetzt in Armut, während eine enorme Konzentration von Reichtum grenzenlos weiter wächst. Moderne Gesellschaftssysteme versuchen oft, diese Widersprüche zu entschärfen, indem sie Institutionen schaffen, deren Aufgabe es ist, jenes Leiden zu lindern, das jedoch fortlaufend vom gleichen System produziert wird. Wohltätigkeitsorganisationen können vielleicht temporär Notsituationen mildern, doch sie sind alleine nicht in der Lage, die tiefen Widersprüche zu lösen, die immer und immer wieder Ungleichheit und Unsicherheit reproduzieren. Zu oft wird Spendenbereitschaft gefeiert, während man den schwierigeren Fragen nach den Strukturen, die in erster Linie dieses Leid produzieren, aus dem Weg geht.
Dieser Widerspruch lebt auch in uns selbst. Die meisten von uns glauben aufrichtig an Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Menschenwürde. Doch viele der Entscheidungen, die unseren Alltag prägen – wo wir wohnen, was wir kaufen, wen wir unterstützen, was wir dulden – sind in erster Linie durch ökonomischen Druck, Angst und Selbstschutz charakterisiert. Wir sagen, dass wir menschlichem Leben den höchsten Wert zumessen, doch wir reduzieren fast alle Dinge und alles Handeln auf seinen wirtschaftlichen Wert. Wir sprechen von Gleichheit, während wir unsere eigenen Vorteile wahren. Wir streben Chancengleichheit an, während wir gleichzeitig den Weg dorthin mit Hindernissen belegen.
Dies ist nicht einfach eine individuelle Doppelmoral; vielmehr zeigt sich darin die Schwierigkeit, in einem System zu leben, dessen aktuelle (d.i. gelebten, Anm. d.Ü.) Werte im Widerspruch zu seinen erklärten Idealen stehen. Real ist das Leiden, das aus diesen Widersprüchen erwächst. Es trifft nicht nur die, die ausgeschlossen oder marginalisiert sind, sondern auch die, die irgendwo in ihrem Inneren fühlen, dass sie entgegen ihren eigenen tiefsten Überzeugungen leben.
Und doch finden sich in der Geschichte der Menschheit Beispiele einer Bewegung in Richtung einer stärkeren Kohärenz – Momente, in denen Gesellschaften sich bewusst für Versöhnung und gegen Vergeltung, für Dialog und gegen Gewalt, für Menschenwürde und gegen Unterdrückung entscheiden.
Die Gesellschaft in Südafrika war nach dem Ende des Apartheidsystems mit einer enormen Spannung konfrontiert, großflächige Racheakte schienen möglich. Aber anstatt sich dem Ruf nach Vergeltung hinzugeben, lenkten Führungspersonen wie Nelson Mandela und Desmond Tutu das Land in Richtung Dialog und Versöhnung und riefen die ‚Kommission für Wahrheit und Versöhnung‘ (hier bekannt als die ‚Wahrheitskommission‘, Anm. d.Ü.) ins Leben. Diese Entscheidung war nicht naiv, sondern mutig. Denn sie geschah in vollem Bewusstsein für den damit verbundenen Schmerz.
Costa Ricas Abschaffung des Militärs und die Selbstverpflichtung Südamerikas zu einer atomwaffenfreien Zone stehen in derselben Weise für Bemühungen, die Widersprüchlichkeit zu reduzieren und die Gesellschaft in Richtung Frieden auszurichten.
Vielleicht ist hier der Punkt, wo ein ernsthafter menschlicher Fortschritt beginnt: Wenn Menschen und Gesellschaften sich zunehmend bemühen, in dieselbe Richtung zu denken, zu fühlen und zu handeln und andere so behandeln, wie sie selber behandelt werden wollen. Diese Kohärenz vermindert das Leiden und eröffnet die Möglichkeit einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformation. Es ist ein Unterschied, das Leben darauf auszurichten, die Widersprüchlichkeit zu überwinden, oder einfach die Widersprüche des Systems zu adaptieren. Die Folgen dieser Entscheidungen reichen weit über das eigene Leben hinaus; sie betreffen Gemeinschaften, Institutionen, Generationen und letztendlich die Zukunft der Menschheit selbst.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Dirk Harms vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!