Der Fall Maria
Maria Magdalena – den meisten dürfte sie als die Sünderin bekannt sein, die Jesus die Füsse salbt, mit ihren Tränen benetzt und ihren Haaren trocknet. Die Szene ist aus Filmen wie «Jesus Christ Superstar» oder «Die Passion Christi» bekannt. Maria Magdalena fasziniert bis heute. Sie inspirierte Romane, Opern, Gemälde und Popmusik, Mode, Street Art, Videospiele und Memes.
Artemisia Gentileschi: Maria Magdalena in Ekstase, 1611 oder 1613–20. Privatsammlung
Artemisia Gentileschi: Maria Magdalena in Ekstase, 1611 oder 1613–20. Privatsammlung (Wikipedia)

Sie wird in allen vier Evangelien erwähnt und gilt als wichtige Jüngerin Jesu. Im Lukas-Evangelium ist sie eine reiche und einflussreiche Frau, die Jesus und seine Jünger begleitet und Zeugin seiner Auferstehung wird. Bei Matthäus ist sie eine der wenigen, die Jesus auch in der dunkelsten Stunde treu bleiben, und bei Johannes wird sie zur «Apostolin der Apostel». 

In der gnostischen Tradition wird Maria Magdalena als höchstes spirituelles Wesen verstanden, als Vertraute Jesu, die seine geheimen Lehren kennt und an die Apostel weitergibt. Im Evangelium nach Maria, einer der apokryphen Schriften, die nicht in den biblischen Kanon mit aufgenommen wurden, ist sie Trägerin der wahren göttlichen Erkenntnis. 

In den Nag-Hammadi-Schriften wird Maria Magdalena mit Sophia, der Weisheit, gleichgesetzt, die die Menschen aus der materiellen Welt befreit. Sie soll die einzige gewesen sein, die die Lehren Jesu wirklich verstanden hat. Ausgerechnet eine Frau soll die Trägerin der höchsten Erkenntnis gewesen sein! 

Während die frühchristlichen Gnostiker noch die Gleichberechtigung der Geschlechter betonten und Maria Magdalena als die weibliche Seite des Göttlichen sahen, wurde sie von der Kirche Roms degradiert. Aus der gleichberechtigten Gefährtin Jesu wurde ab dem 6. Jahrhundert eine fusswaschende Sünderin, obwohl es biblisch nirgends dokumentiert ist, dass es sich bei der Parabel um Maria Magdalena handelt. Ab dem Mittelalter galt sie als Prostituierte. Erst 1969 strich die katholische Kirche die Gleichsetzung mit der sündigen Frau aus dem offiziellen Kalender.

Lebendige Erinnerung

Ab dem 9. Jahrhundert entstanden Legenden, wonach Maria Magdalena in Südfrankreich gelandet sein soll. Demnach kam sie im heutigen Saintes-Marie-de-la-Mer in der Camargue an, zog weiter nach Aix-en-Provence und Marseille, wo sie Predigten gehalten und Wunder gewirkt haben soll. Später soll sie sich in eine Höhle in La Sainte-Baume in der Provence zurückgezogen haben, die heute noch ein Pilgerziel ist. Ihre Reliquien werden in der Basilika Saint-Maximin verehrt.

An vielen Orten Südfrankreichs hat die Erinnerung an sie Spuren hinterlassen. Kirchen, Burgruinen, Grotten, Höhlen, Quellen zeugen davon, dass es einmal eine Frau gegeben hat, die den Menschen eine hohe Botschaft überbrachte, so hoch, dass man sie dafür zur Hure machte. 

Denn was wäre geschehen, wenn die Menschen nicht an einen alleinherrschenden Vatergott geglaubt hätten, an seinen Stellvertreter auf dem Heiligen Stuhl, an die Hierarchien der Priesterkasten und an die Notwendigkeit eines Mittlers zwischen Mensch und Gott? Wenn nicht Macht und Reichtum im Mittelpunkt des Interesses gestanden hätten, sondern Weisheit und Liebe?

Wie hätte sich die Menschheit entwickelt, wenn das Weibliche und das Männliche Hand in Hand gegangen wären? Wenn es keine Inquisition gegeben hätte, keine Kreuzzüge, keine Eroberungen im Namen eines einzigen Gottes? Wenn die Menschen nicht mit schweren Waffen nach der Weltmacht gegriffen hätten, sondern das Feuer in sich selbst entfacht hätten, das heilige Feuer, die göttliche Flamme, von der die Botschaft Maria Magdalenas zeugt? 

Gereinigt

Maria Magdalena war die Erste, die die kosmischen Lehren Jesus verstanden hat. In ihnen ging es nicht um Auferstehung, sondern um Wiedergeburt, nicht um einen Retter, an den man glauben muss, um selbst gerettet zu werden, sondern um die Erinnerung an ein inneres Licht, nicht um Gehorsam, sondern um den Bezug zur eigenen Seele und ihrer kosmischen Reise. Es ging um Eigenverantwortung, nicht um Sünde, um innere Grösse, nicht um äusseren Gehorsam. 

Die Degradierung Maria Magdalenas und die Verdrehung der christlichen Lehre der Nächstenliebe hat der Welt ein Gesicht gegeben, das immer mehr zur Fratze verkommen ist. Die Menschen haben vergessen, was in ihnen steckt und wofür sie einmal angetreten sind. Doch sie können sich erinnern. 

Da Maria Magdalena bis heute verehrt wird, ist es nicht zu spät, sich darauf zu besinnen, dass das wahre Königreich Gottes in uns ist. Es geht nicht um äussere Macht, sondern um das Entfachen der Flamme im Herzen eines jeden Menschen. Das Feuer, das daraus entsteht, hat nichts Zerstörerisches. Es hat etwas Reinigendes. Ihm können wir anvertrauen, was uns in all den Jahren und Jahrhunderten Schmerz und Unrecht zugefügt hat, und damit dem Sommer seine volle Bedeutung geben.

 

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

Newsletter bestellen