Der kontrollierte Untergang
Die Informationsflut ist kaum zu bewältigen. Um nicht in ihr unterzugehen, wähle ich sorgfältig aus, welche Nachrichten mich erreichen – und welche nicht. Die Samstagskolumne.
Welche Mächte halten wirklich die Fäden in der Hand?
Welche Mächte halten wirklich die Fäden in der Hand? Bild: Shutterstock

Oft lese ich nur die Schlagzeilen und die Teaser, um «auf dem Laufenden» zu sein und «mitreden» zu können. Ich schreibe schliesslich für politische Magazine. Doch ich gewöhne es mir an, immer wieder zu sagen: «Ich weiss es nicht». «Ich bin nicht informiert.» Oder: «Von diesem Thema habe ich keine Ahnung.»

Ich habe keine Lust, mich an tagespolitischen Themen abzuarbeiten und meine Zeit mit dem Erfassen von Informationen zu verbringen, die mir den Tag verderben. Ich mag nicht einsteigen in den Wahnsinn. Ich möchte ihn auch nicht verstehen. Denn vielleicht gibt es nichts zu verstehen. Vielleicht sind wir Zeugen eines gigantischen Ablenkungsmanövers, das uns vom Eigentlichen fernhält.

Sie interessieren mich nicht, die Schwabs, die Trumps, die Gates. Gut, dass es Leute gibt, die sich damit beschäftigen und die ihre Zeit damit verbringen mögen, in Misthaufen zu wühlen. Ich ziehe meinen Hut vor denen, die die Katastrophen analysieren. Doch gleichzeitig frage ich mich, warum Menschen ihre Energie in eine Recherche stecken, die potenziell ihren eigenen Untergang beinhaltet. Und warum schauen sich das so viele Menschen an? 

Kontrollversuche

Es macht in gewisser Weise Spass, sich aufzuregen. Ich kenne das aus der Zeit, als ich noch gelästert habe. Es kann helfen, sich besser zu fühlen und zu denken: «Ich bin nicht so blöd wie die.» Wenn es irgendwo einen Vulkanausbruch gibt, eine Überschwemmung, ein Erdbeben, eine Explosion, dann kann uns das mit einem gewissen Schauder überziehen, so als schaute man sich einen Gruselfilm an. Es ist schrecklich, aber weit weg. Und es gibt dem Leben einen Hauch von Abenteuer, bei dem man selbst auf der sicheren Seite steht.

Schlechte Nachrichten liefern eine Erklärung dafür, dass es einem schlecht geht. Man muss sich nicht überlegen, warum man nicht gut drauf ist. Der eigene Pessimismus, der Zynismus, der Menschenhass hat einen Grund. Während die Welt verrückt ist, ist man selbst quasi normal. Und am Ende hat man auch noch recht. Ich hab’s ja gleich gesagt.
Wer kritisiert, wirkt kompetent. «Da weiss jemand Bescheid.» Es wertet also auf, schlechte Nachrichten zu verarbeiten. Da traut sich jemand, der Realität ins Auge zu sehen. Es ist wie bei den Menschen, die behaupten, keine Angst vor dem Nichts zu haben. Dann ist man eben tot. Basta. 

Ich weiss nicht, ob es Statistiken darüber gibt, wie viele Menschen von sich behaupten, Suizidhilfe in Anspruch zu nehmen, «wenn es einmal so weit ist», und dann, wenn es so weit ist, einen Rückzieher machen. Ich weiss auch nicht, was in Menschen vorgeht, die ihre Tage und auch Nächte damit verbringen, schlechte Nachrichten zu analysieren und zu konsumieren. Doch ich habe eine Idee.

Mit Sicherheit unsicher

So sehr schlechte Nachrichten auch verunsichern können, wir bewegen uns dennoch auf sicherem Boden, denn: Wir wissen Bescheid. Uns kann man nichts vormachen. Es entsteht das Gefühl, trotz allem eine gewisse Kontrolle über die Ereignisse zu haben. Ja, der Planet kann in die Luft gehen, doch wir wissen genau, warum, und vor allem, wer daran schuld ist. Wie Hänsel und Gretel legen wir Brotkrumen aus, die uns den Weg weisen sollen. Am Ende aber gelangten sie doch zum Hexenhaus. 

Schwieriger ist es, sich von vorneherein auf unsicheres Terrain zu begeben: «Ich weiss nicht, was hier wirklich passiert.» Sind es wirklich diejenigen, deren Namen wir zu hören bekommen, die die Ereignisse lenken? Welche Mächte halten wirklich die Fäden in der Hand? Haben wir sie überhaupt jemals gesehen? Sind es die Clans, deren Namen mehr oder weniger am Rande auftauchen, oder geheime Bünde, die seit Jahrhunderten existieren? Sind es kosmische Mächte, die seit Urzeiten die Geschicke der Menschen lenken? Ist es ein Gott? Sind wir es gar selbst? Ist da überhaupt jemand, der, wenn es darauf ankommt, doch noch alles zum Guten wendet? Oder ist da nichts?

Niemand kann behaupten, mit Sicherheit Bescheid zu wissen. Es bleibt, sich mit der Unsicherheit auseinanderzusetzen. Wir wissen nicht, ob der Grund hält, auf dem wir uns bewegen. Es kann schiefgehen. Wir können uns geirrt haben. Wir wissen es nicht. Doch wir können glauben. 

Das Leben ist ein Mysterium. Bis heute kann unsere Wissenschaft nicht sagen, was Leben eigentlich ist. Sie kann es nur beschreiben. Wir wissen nicht. Doch wir können beobachten. Wir können in einen Park gehen, in den Garten, in einen Wald. Wir können spüren, wie das Leben vibriert und wie alles zusammenhängt. Wir können staunen. Wir können uns berauschen an dem Flimmern, am Tanz des Lebendigen. 

Zurück von einem Spaziergang, haben die schlechten Nachrichten eine andere Wirkung auf mich. Es gibt sie. Doch es gibt auch etwas anderes. Etwas, das flimmert und rauscht, singt und wogt, plätschert und tropft, raschelt und pfeift, zwitschert und zirpt, etwas, das immer in Bewegung ist und das sich immer weiterentwickelt. Etwas, das uns zuflüstert, dass im Grunde alles in Ordnung ist und das Leben seinem Rhythmus folgt.

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

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