Dieser letzte Blick
Trauer lindert den Schmerz des Verlusts. Auch wenn es um ein geliebtes Tier geht. Aber die Schuldgefühle bleiben. Die Kolumne aus dem Podcast «Mitten im Leben».
«In ihrem Blick lag ein grenzenloses Vertrauen.» (Bild NL)
«In ihrem Blick lag ein grenzenloses Vertrauen.» (Bild NL)

Viele Jahre sind seither vergangen. Aber noch immer steht in meinem Kalender an einem Tag Ende August: «Nina». Nina ist kein Mensch. Nina war nur ein Hund. Und wer tatsächlich denkt, dass ein Hund nur ein Hund ist, muss hier nicht weiterlesen. Aber wenn ich mit Nina irgendwo in der Natur unterwegs war, und es näherte sich uns ein Mensch, beruhigte ich sie mit den Worten:

«Das ist nur ein Mensch.»

Nina dagegen war nicht bloss ein Mensch. Sie war eine schwarze Belgische Schäferhundin, und obwohl sie schon so viele Jahre nicht mehr auf dieser Welt ist, gehört sie zu den Erinnerungen, die uns jedesmal weh tun. Aber nicht nur das. Sie sprechen uns schuldig.

Die Schuld hinterlässt ein Gefühl von Scham, das mir solange zusetzt, bis ich Nina dann wieder vergesse. Bis ich statt ihr an Bella denke, ihre würdige Nachfolgerin, auch sie eine Belgische, und auch sie mit Erinnerungen, die schmerzen, weil auch sie eines Tages, nach 15 langen, unwiederbringlichen Jahren gegangen ist. Aber Schuldgefühle, so wie bei Nina, haben wir keine. Das hat uns Bella erspart. Und mit Nala sind wir noch ganz am Anfang. Wenn sie schwanzwedelnd erscheint, eine Schäferhündin auch sie, und in der Schnauze den Schuh trägt, den sie uns bringen will, dann gibt es nur diesen weissen Wolf und ihre jungen Hundeaugen, die uns energisch bitten: Spiel mit mir! 

Doch weder Nala noch Gedanken an Bella kann es gelingen, dass wir Nina vergessen. Nina war die Erste. Auf einem Bauernhof war sie zur Welt gekommen, auf den Armen trugen wir sie nach Hause, so kam sie zu uns, ohne Stammbaum, ohne Impfung und ohne Chip, wie ein Schwarzbärenkind aus der Wildnis.

Ihre Mutter hat ihr keinen Namen gegeben - keinen Namen, wie wir ihn verstehen. Doch wir haben sie aufgenommen in unser Reich und Nina genannt. Damit haben wir uns verpflichtet, für Nina zu sorgen, und aus der Sorge ist Liebe geworden. Wir liebten sie alle, obwohl sie gelegentlich ihre Zähne zeigte, wenn ihr jemand zu nahe kam. Sie wurde zum ruhenden Pol der Familie. Man konnte sich zu ihr auf den Boden legen und war getröstet.

Elf Jahre hat sie alles mit uns geteilt. Doch dann, in ihrem zwölften Sommer, wurde sie eines Abends, ohne Vorwarnung immer schwächer.

Vielleicht lag es daran, dass sie davor aus einem von der Sonne erhitzten Tümpel getrunken hatte. Sicher sogar lag es daran. Oder hatten wir am Morgen vergessen, ihr Wasser zu geben? Hatte sie deshalb Durst gehabt und Wasser getrunken, das nicht gesund war? Wir stellen uns die Frage noch immer, so viele Jahre danach. Haben wir unser duldsame Hündin überhaupt ein wenig vergessen in jenem Jahr?

Sie war stiller geworden, bedürfnisloser, sie wurde älter. Ausser wenn es ums Fressen ging. Aber sonst lag sie meist einfach da, schlafend und träumend. Unterwegs ging sie nicht mehr voraus – sie trabte hinter uns her, so dass wir sie aus dem Blickfeld verloren. Und manchmal wurde der Trab zum Trott, weil sie müde war und sich lieber hingesetzt hätte. Doch der Mensch wanderte weiter. Er sah ihre Müdigkeit nicht, und sie fügte sich.

Jetzt aber schaffte sie kaum noch, sich zu erheben, und sie hechelte atemlos. Später dachten wir: Sie hat all ihre Kraft gebraucht, während elfeinhalb Jahren, um uns, ihre Menschen, zu lieben. Sie musste uns lieben. Wir waren ihre Ernährer, ihr Leittier, ihr höheres Wesen. Ihr Hundeleben lag in unserer Hand. Sie hätte uns auch dann noch geliebt, wenn wir sie angekettet und mit Füssen getreten hätten. Einige Male, ohne zu denken, habe ich sie mit der Leine geschlagen, einige wenige Male. Einige Male habe ich ihr einen Tritt verpasst, einige wenige Male. Nina hat mir verziehen, aber ich konnte mir nicht verzeihen.

Vielleicht haben wir sie zuviel Kraft gekostet. Vielleicht hat sie uns zu sehr geliebt. Vielleicht war dies der wahre, tiefere Grund für ihre Erschöpfung. So dachten wir später. Doch an jenem Abend dachten wir nur: Das abgestandene Wasser! Es hat sie vergiftet. Noch in der gleichen Nacht brachten wir Nina ins Tierspital.

Sie haben sie untersucht. Sie gaben ihr Medikamente. Sie taten, was zu jener Zeit möglich war. Doch ihr Zustand wurde nicht besser. Sie behielten sie über Nacht. Doch ihr Zustand verschlechterte sich.

Am zweiten Tag besuchten wir sie. Es brach uns das Herz, sie so krank und geschwächt zu sehen. Wir machten mit ihr ein paar Schritte draussen, setzten uns zu ihr ins Gras, streichelten und trösteten sie. Dann begleiteten wir sie zurück zur Station, wo sich Hundebox an Hundebox reihte – mit leidenden, erschöpften Geschöpfen, die zu sehr liebten. Willig kroch Nina in ihre Box. Sie wandte uns ihren Kopf zu. In ihrem letzten Blick lag ein grenzenloses Vertrauen.

Hilflos blieben wir stehen. Wir winkten ihr zu, wir winkten ein zweites Mal und dann gingen wir. Tränen standen in unseren Augen, doch wir gingen. Wir liessen Nina zurück in der Box, die aus heutiger Sicht wie ein Käfig war. Wir liessen sie einfach im Stich. Mit kläglicher Zuversicht glaubten wir, dass die Veterinäre im Tierspital schon das Richtige taten. Das stimmte wohl auch. Aber die wichtigste Medizin kommt nicht aus dem Labor. Die wichtigste Medizin ist die Liebe. Aus Liebe zu Nina hätten wir bleiben müssen. Stattdessen überliessen wir sie ihrem Schicksal, und noch am gleichen Abend erhielten wir die Nachricht von ihrem Tod.

Wäre sie nicht trotzdem gestorben, auch wenn wir geblieben wären? So spricht der Verstand. Das Herz redet anders. Es fragt noch immer, noch heute:

Warum seid ihr gegangen?

Wir trauerten. Wir trauerten, wo wir standen und gingen. Trauer lindert den Schmerz. Doch das andere lindert sie nicht. Die Schuld bleibt. Auch wenn es keine messbare Schuld ist. Auch wenn es nur Gefühle sind. Aber es sind Schuldgefühle. Dieser letzte Blick – ohne Argwohn, ohne Anklage hat sie uns angeschaut. Nina ahnte nicht, dass wir, ihre Menschen, imstande sein würden, unsere schwarze Wölfin in ihren letzten Stunden allein zu lassen.

*

«Ihr letzter Winter. Nina im Tiefschnee» (Bild NL)

«Ich beschloss ihr ein Denkmal zu setzen. Das half vielleicht.» (Bild NL)

Wenige Wochen nach ihrem traurigen Abschied von dieser Welt beschloss ich, Nina ein Denkmal zu setzen. Das half vielleicht.

Ich machte ein Fotoalbum. Ein ganzes Buch mit Bildern aus ihrem Leben. Nina frisch vom Bauernhof, Nina im Bach, im Wald, auf der Wiese, Nina auf dem verbotenen Sofa, Nina mit hängender Zunge nach der Besteigung des Speers, Nina über dem Nebelmeer, Nina knurrend, die Zähne fletschend vor ihrem Knochen, Nina schlafend, Kopf an Kopf mit der Katze, Nina schleckt das Nutella leer. Ninas Sprung in den Bergsee, Nina im Meer, mit den Wellen kämpfend, Nina auf schwankender Brücke im Maggiatal. Ninas Augen im Dunkeln. Die Undurchdringlichkeit ihres Blicks. Ninas wachsam schnuppernde Schnauze, ihre hochaufgerichteten Ohren: Grossmutter, warum hast du so grosse Ohren? Nina, der Wolf. Haben wir sie je zähmen können?

...

Und dann – ihr letzter Winter. Nina im Tiefschnee, mit dem Stecken im Maul, Nina noch einmal jung. Das zweitletzte Bild zeigt sie draussen, sitzend, während der Schnee wie ein Vorhang fällt und sie zudeckt. Neben ihr steht ein Wegweiser.

Auf dem letzten Bild steht der Wegweiser immer noch da. Es schneit unaufhörlich. Nina ist fort.

Viele Stunden investierte ich in das Album. Es ist ein Buch voller schöner Erinnerungen. Genützt hat es nichts.

Aber ein Hund ist doch nur ein Hund, etwa nicht?

Auch ein Mensch ist nur ein Mensch. Vor allem dann, wenn er versagt hat.

 

«Ihr letzter Winter. Nina im Tiefschnee» (Bild NL)


 

Wer diesen Text, vom Autor gelesen, in der Audiofassung anhören will, kann sich wie immer den Podcast von Nicolas Lindt, «Mitten im Leben», herunterladen. Informationen dazu in der Box.
 

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. Neben dem Schreiben gestaltete er während 30 Jahren freie Trauungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

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