Die moderne Demokratie wird mit einem zunehmenden Widerspruch konfrontiert. Gerade in einer Zeit, in der Gesellschaften stärker vernetzt und vielschichtiger geworden sind, konzentriert sich das politische Leben zunehmend auf einzelne Persönlichkeiten. Bei Wahlen dreht es sich weniger um Institutionen, langfristige Ziele oder gemeinsame Problemlösungen als vielmehr um die Anziehungskraft – oder Ablehnung – bestimmter Führungspersonen.
Die Präsidentschaft von Donald Trump ist möglicherweise das aktuell deutlichste Beispiel dieser Strömung. Ob er bewundert oder abgelehnt wird, sein Aufstieg verdeutlichte, wie leicht sich moderne Demokratien auf charismatische Personen anstatt auf stabile Institutionen konzentrieren können. Wenn sich aus diesem Moment eine Lehre ziehen lässt, dann die, dass sich die Demokratie über den Personenkult hinaus zu Systemen entfalten muss, die dazu geeignet sind, kollektive Intelligenz, geteilte Verantwortung und ständige menschliche Weiterentwicklung widerzuspiegeln.
Der Personenkult ist nichts Neues. Im Verlauf der Geschichte haben Gesellschaften ihre Hoffnungen oft eher in ungewöhnliche Führungspersonen als in stabile Institutionen gesetzt. Das 20. Jahrhundert bot dafür vielleicht das tragischste Beispiel. Der Aufstieg Adolf Hitlers zeigte, wie Demokratien scheitern können, wenn Institutionen geschwächt werden und die Macht auf eine einzige Person ausgerichtet ist. Die Gründung der Vereinten Nationen spiegelte eine andere Lehre wider: Nachhaltige Sicherheit ist eher abhängig vom Zusammenwirken zwischen den Institutionen und nicht von einflussreichen Führungspersönlichkeiten.
Wenn eine auf Persönlichkeiten ausgerichtete Politik das Problem ist, besteht die Lösung nicht einfach darin, andere Persönlichkeiten zu wählen. Es geht darum, die Demokratie so umzugestalten, damit die Institutionen in stärkerem Masse zu kollektiver Intelligenz fähig sind als jede einzelne Führungsperson. Eine echte Demokratie sollte nicht auf aussergewöhnliche Persönlichkeiten angewiesen sein. Sie sollte von der Fähigkeit der Institutionen abhängen, kollektiv zu denken, offen zu beraten und verantwortungsvoll zu handeln. Demokratie sollte auf das ausgerichtet sein, was man als «gemeinsame Intelligenz» bezeichnen könnte, – die Fähigkeit verschiedener Gruppen, Wissen, Erfahrung, wissenschaftliche Erkenntnisse, ethische Urteilskraft und öffentliche Teilnahme im Dienste des Gemeinwohls zu verbinden.
Diese gemeinsame Intelligenz drückt sich in demokratischen Bereichen aus – in institutionellen Foren, in denen die Gesellschaft gemeinsam berät, plant und handelt. Gesetzgebende Versammlungen, lokale Regierungen, Nachbarschaftsversammlungen, unabhängige Kommissionen, wissenschaftliche Beratungsorgane und andere Beteiligungsinstitutionen sind alles Beispiele für solche Bereiche. Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, konkurrierende Interessen zu vertreten, sondern gemeinsame Lösungen zu entwickeln, die kein einzelner Akteur alleine zustande bringen könnte.
Politische Parteien spielen weiterhin eine entscheidende Rolle, indem sie bei Wahlen Konzepte, Kandidaten und Programme vorstellen. Nach ihrer Wahl sollten die Volksvertreter jedoch erkennen, dass ihre Hautverantwortung nicht mehr ihrer Partei gilt, sondern den Menschen, die sie vertreten, und den Institutionen, denen sie dienen. Regieren erfordert Zusammenarbeit, die über ideologische Grenzen hinausreicht. Eine Demokratie kann ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn jedes Thema ständig als Kampf zwischen links und rechts, Konservativen und Progressiven, Arbeitnehmern und Arbeitgebern, oder einer sozialen Gruppe gegen eine andere dargestellt wird. Unterschiede wird es immer geben, aber demokratische Institutionen sollten diese Unterschiede in eine konstruktive Zusammenarbeit verwandeln.
Jeder demokratische Bereich sollte ausserdem messbare öffentliche Zielvorgaben festlegen. Im Zeitalter von Daten und künstlicher Intelligenz verfügen Gesellschaften über noch nie dagewesene Instrumente, um gesellschaftliche Realitäten zu verstehen und öffentliche Politik zu bewerten. Gesetzgeber sollten in der Lage sein, konkrete nationale Ziele zu definieren – Verringerung der Armut, Senkung der Treibhausgasemissionen, Verbesserung der Bildungsergebnisse, Unterstützung des Gesundheitswesens, Verbesserung des Zugangs zu Wohnraum – und den Fortschritt dabei regelmässig zu messen. Der Erfolg sollte zunehmend durch diese Zielrealisierung bewertet werden anstatt allein durch Wahlsiege.
Doch institutionelle Reformen allein genügen nicht. Eine echte Demokratie muss zugeben, dass die Entwicklung nicht nur technologischer, wirtschaftlicher oder institutioneller Natur ist. Sie ist auch zutiefst menschlich.
Zu lange haben Gesellschaften Fortschritt in erster Linie an Wirtschaftswachstum, wissenschaftlicher Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit gemessen. Diese Errungenschaften sind wichtig, bleiben jedoch lückenhaft, wenn sich die Menschen selbst nicht ebenfalls weiterentwickeln. Demokratien investieren gewaltige Ressourcen in Infrastruktur, Verteidigung, das Finanzwesen und künstliche Intelligenz, während sie der Förderung der menschlichen Fähigkeiten, die Demokratie erst ermöglichen, vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit schenken.
Aus diesem Grund sollte eine echte Demokratie einen Bereich umfassen, der der persönlichen und menschlichen Entwicklung gewidmet ist. Ihr Ziel wäre es nicht, Meinungen und Ideologien vorzuschreiben, sondern den Menschen zu helfen, die Fähigkeiten zu pflegen, die für ein demokratisches Leben erforderlich sind: Selbstreflexion, kritisches Denken, ethische Urteilskraft, Empathie, Zusammenarbeit, Kreativität, und die Fähigkeit, Konflikte in gemeinsame Lösungen umzuformen. Demokratie hängt letztendlich nicht nur von der Qualität ihrer Institutionen ab, sondern auch von der Qualität der Menschen, die sie tragen.
Persönliche Entwicklung sollte jedoch nicht allein als Bildung oder als Aneignung neuer Fähigkeiten verstanden werden. Sie ist auch mit der Bereitschaft verknüpft, uns selbst zu wandeln. Demokratie verlangt von den Bürgern, übernommene Meinungen zu hinterfragen, wenn diese nicht mehr der Wirklichkeit entsprechen, Vorurteile und politisches Lagerdenken zu überwinden, Misstrauen durch Vertrauen zu ersetzen, das für gemeinsames Handeln unumgänglich ist, Schwierigkeiten nicht mit Resignation oder Feindseligkeit zu begegnen, sondern mit Kreativität und Beharrlichkeit, und Sinn darin zu finden, zu etwas Grösserem als sich selbst beizutragen.
Teilhabe ist somit mehr als eine Bürgerpflicht. Sie wird zu einem Weg der persönlichen Veränderung. Bürgerinnen und Bürger beteiligen sich nicht nur, um für Einzel– oder Gruppeninteressen einzutreten, sondern um zur ständigen Weiterentwicklung der Gesellschaft, in der sie leben, beizutragen. Auf diese Weise entwickeln sie ein stärkeres Verantwortungsbewusstsein, mehr Empathie und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Die Demokratie wird stärker, weil ihre Bürger stärker werden.
Diese wechselseitige Entwicklung ist unerlässlich. Die Gesellschaft kann sich nicht entfalten, ohne dass es Menschen gibt, die bereit sind, sich zu entwickeln, und Menschen können sich nicht vollständig entfalten, ohne sich an der ständigen Verbesserung der Gesellschaft zu beteiligen. Institutionen und Bürger wachsen daher zusammen. Beide stehen in einer Wechselbeziehung, bei der die Entwicklung sowohl Ursache als auch Wirkung des jeweils anderen ist.
Politische Verantwortung kann nicht darauf beschränkt werden, alle paar Jahre zur Wahl zu gehen. Staatsbürgerschaft endet nicht an der Wahlurne. Eine echte Demokratie verlangt, dass sich die Bürger aktiv an der Gestaltung der Zukunft ihrer Gemeinden und Institutionen beteiligen. Demokratie entfaltet ihr Potenzial nicht dann in vollem Masse, wenn sie lediglich die öffentliche Meinung erfasst, sondern wenn sie dazu beiträgt, das ethische Bewusstsein, die Verantwortung und die kreative Beteiligung der Menschen selbst zu fördern.
Dies erfordert auch ein anderes Zukunftsbild. Zu oft fragt die Politik «Was kann ich erreichen?» oder «Was bekommt meine Gruppe?» Eine echte Demokratie beginnt mit einer anderen Frage: «Wohin gehen wir zusammen?» Wenn die gemeinsame Zukunft wichtiger wird als der direkte Vorteil, verdrängt Zusammenarbeit die ständige Auseinandersetzung, verdrängt Verantwortung die Schuld und Fortschritt wird zu einem gemeinsamen menschlichen Projekt anstatt zu einem Machtwettstreit.
Letztendlich ist Demokratie nicht nur eine Massnahme zur Wahl von Regierungen. Sie ist der fortwährende Prozess, in dem die Menschheit lernt, sich selbst zu regieren.
Im 20. Jahrhundert wurden die politischen Rechte erweitert. Im 21. Jahrhundert müssen politische Verantwortung, kollektive Intelligenz, persönliche Wandlung und menschliche Entwicklung ausgebaut werden. Die nächste Stufe der Demokratie wird nicht durch stärkere Persönlichkeiten und leistungsfähigere Technologien bestimmt sein, sondern durch Bürger, die sich als aktive Teilnehmer an der stetigen Weiterentwicklung der Gesellschaft verstehen.
Eine echte Demokratie ist nichts, was eine Nation für immer besitzt. Sie wird fortlaufend erschaffen, während ihre Institutionen reifer werden, ihre Bürger bewusster handeln, und sich beide zusammen in Richtung einer gemeinsamen Zukunft entwickeln. Jede Generation erbt dieses Werk –und die Verantwortung, es weiterzutragen.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!
David Andersson
David Andersson ist Schriftsteller und Humanist und lebt in New York City. Er beschäftigt sich vor allem mit Fragen der globalen Gerechtigkeit, des kollektiven Bewusstseins und der gewaltfreien Transformation. Er ist Englisch-Redakteur bei der internationalen Presseagentur Pressenza und Autor des Buches „The White-West: A Look in the Mirror“, einer Sammlung von Kommentaren, die sich mit der Dynamik der westlichen Identität und ihren globalen Auswirkungen befassen. CounterPunch, denikreferendum.cz, Mobilized News, Countercurrents, LA Progressive und Dissident Voice haben seine jüngsten Arbeiten veröffentlicht. Viele seiner Artikel wurden in mehr als fünf Sprachen übersetzt.