Eine Laune der Natur
Nachdem es 1987, vor bald 40 Jahren, den ganzen Sommer geregnet hatte, trat die Reuss mitten in einer Nacht im Urnerland über die Ufer und überschwemmte das halbe Tal. Am Morgen danach reiste der Schriftsteller Nicolas Lindt, damals noch für die «Schweizer Illustrierte», an den Schauplatz der Überschwemmung. In seinem Buch «Die Freiheit der Sternenberger» beschrieb er später, was er erlebte, als im Kanton Uri der Ausnahmezustand herrschte. Unsere Sommerserie (Teil 1).
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«Offenbar sei die Reuss über die Ufer getreten». Foto: ETH Bildarchiv

In der Schweiz kommt es selten vor, dass man ins Ungewisse fährt. Aber an diesem Morgen kann der Kapitän der «Reuss» für nichts garantieren. Er fahre schon bis nach Flüelen, sagt er, doch er wisse nicht, ob man dort noch aussteigen könne.

Brunnen liegt hinter uns, das kleine Kursschiff fährt hinaus in den Urnersee. Schroffe Abhänge aus Wald und Fels begrenzen den See. Die Landschaft ist wie eine kräftige Faust, vom Regen gewaschen, und das Wasser unruhig, immer noch aufgewühlt. Doch die «Reuss» geht unbeirrt ihren Weg. Sie steuert Sisikon an, das letzte Dorf vor Flüelen. An Bord befinden sich lediglich vier Passagiere: Ein deutsches Ehepaar, das zur Teilskapelle will, ein älterer Mann aus dem Urnerland und ich. Der Mann arbeitet als Bäcker in einer Luzerner Grossbäckerei und ist für die Nachtschicht wie gewöhnlich am späten Vorabend mit dem Zug nach Luzern gefahren. Während der Fahrt durch das Reusstal habe es wie aus Kübeln gegossen, erzählt er, aber sonst sei noch alles normal gewesen. Jetzt, am Morgen, als er heimkehren wollte, musste er den Zug in Brunnen verlassen. Bahn- und Strassenverbindung ins Urnerland unterbrochen, hat es geheissen. Flüelen - wenn überhaupt - sei nur noch auf dem Schiffsweg erreichbar.

In Sisikon will niemand zusteigen. Das Schiff fährt weiter, nahe dem Ufer entlang, zur Teilsplatte. Flüelen ist nicht zu sehen, ein Ufervorsprung verdeckt die Sicht. Auch die beiden deutschen Touristen merken jetzt, dass etwas nicht stimmt. Wir erklären ihnen, es habe sich ein Unwetter im Kanton Uri ereignet: Offenbar sei die Reuss über die Ufer getreten, doch mehr wüssten wir nicht. Auf dem Wasser schwimmen grosse Mengen von Treibholz vorbei, ganze Stämme, Äste, Grasbüschel, aber auch Pflöcke und Bretter, sogar Teile von Gartenzäunen. In den Ästen haben sich Schnüre, Stoffreste und Plasticsäcke verfangen - wie zerfetzte Überbleibsel eines heftigen Kampfes. Der Mann aus Uri sagt, er habe in Brunnen versucht, seiner Frau anzurufen. Aber auch die Telefonleitung sei unterbrochen gewesen.

Als wir die Tellsplatte erreichen, beschliesse ich auszusteigen und zu Fuss, auf der Axenstrasse, weiter vorzustossen. Der Urner bleibt auf dem Schiff, er will versuchen, in Flüelen an Land zu gehen. So schlimm, meint er, werde es wohl nicht sein.

Das deutsche Ehepaar, das mit mir zusammen an Land geht, ist zwar von der Situation ein wenig verunsichert, lässt sich aber in seinem Tagesprogramm nicht beirren und folgt dem Fussweg zur Tellskapelle. Einen Augenblick überlege ich mir, dasselbe zu tun, denn auch ich habe die Kapelle noch nie gesehen. Aber ich verschiebe den Gang zur historischen Stätte auf ein anderes Mal: Für eine Geschichtslektion ist heute wohl nicht der richtige Tag.

Auf der Axenstrasse, hoch über dem See, stehen Touristen vor einem Reisecar und wappnen sich gegen das Wetter. Bereits regnet es wieder. Seit zwei Tagen regnet es unaufhörlich, den ganzen Sommer hat es geregnet, aber die Touristen lassen sich die Ferienlaune nicht nehmen. Sie spannen ihre Schirme auf und haben es lustig. Da tritt aus dem Gasthaus an der Strasse der Reiseleiter, und auf französisch informiert er die Gruppe, nach der Besichtigung der berühmten Teilskapelle müsse man leider umkehren. Die Strasse ins Urnerland sei wegen Überschwemmung gesperrt.

Diese Nachricht dämpft nun doch ein wenig die gute Stimmung. Von einer Überschwemmung, deren Ausmass unbekannt ist, stand nichts im Reiseprogramm.

Während die Fremden ihren Reiseleiter mit beunruhigten Fragen bedrängen, die dieser nicht beantworten kann, habe ich den Weg der Axenstrasse unter die Füsse genommen. Für Wanderer ist die Strasse normalerweise wohl kaum gedacht. Doch jetzt, an diesem Vormittag, ist weit und breit kein Auto zu sehen. Noch weiss ich nicht, dass ich heute noch ganz andere Wanderwege begehen werde.

Unbenutzt erstreckt sich vor mir der Asphalt, nur ein einziges Mal fährt ein Wagen vorbei: Holländisches Nummernschild, ein verirrtes Touristenauto, fünf Minuten später kommt es wieder zurück. Was erwartet mich da unten? - Das Strassenband verläuft so, dass Flüelen und die Reussebene nach wie vor nicht zu sehen sind. Dafür wird der Blick frei auf die andere Seeseite: Aber auch dort ist kein Verkehr zu erkennen. Verlassen ziehen sich die Linien der Nationalstrasse durch die jenseits gelegene Landschaft. 

Weit unter mir, auf dem Wasser, gleitet träge das Treibholz dahin. Die schweren, dicht zusammenhängenden Wolken am Himmel verharren bewegungslos, man bekommt den Eindruck von grosser Ruhe nach einem Sturm. Nur das gleichmässige Rauschen eines Bergbachs begleitet mich.

Als der Regen ein wenig nachlässt, erreiche ich endlich die ersten Häuser von Flüelen, den oberen Dorfteil, die Kirche. Doch nirgends sind Spuren eines Unwetters zu sehen. Jetzt fährt mir sogar ein Auto entgegen, mit Urner Kennzeichen diesmal, kurz darauf ein zweites: Ist die Strecke bereits wieder befahrbar? Noch immer bleibt mir die Sicht auf das Tal und den Dorfkern verdeckt. 

Ich wandere weiter, es folgt eine langgezogene Kurve - und dann ist die Strasse plötzlich zu Ende. Nein, sie ist nicht etwa kaputt, nicht verschüttet oder gesperrt. Sie verschwindet einfach im Wasser. Ich stehe vor einem Bild, das ich noch nie erlebt habe, und im ersten Moment wirkt es auf mich wie ein schlechter Scherz.

Aber neben mir befinden sich andere Leute, und sie sehen dasselbe wie ich: Nicht nur die Strasse, auch die Wiese, der Bahndamm, die Autos, die Bäume, die Sitzbänke, die Vorgärten und die Hauseingänge, alles steht unter Wasser; eine Art von Wasser, die man eher bezeichnen müsste als eine mehlsuppenähnliche, sämtliche Einzelheiten verschluckende Brühe. Das Dorf hat den Boden unter den Füssen verloren, so sieht das aus, die Häuser schwimmen bodenlos auf dem trüben See. Es erstaunt mich, dass sie nicht hin- und herschaukeln.

Neben mir schieben zwei Jugendliche ihr Paddelboot in die Flut, stossen sich von einem Laternenpfahl ab und paddeln los. Andere Dorfbewohner versuchen es unerschrocken zu Fuss; doch mit ihren Gummistiefeln kommen sie nicht sehr weit. Ich selber kremple die Hosen hoch und entschliesse mich, barfuss zu gehen. Vorsichtig stakse ich in die graubraune Wassersuppe hinein, suche den Boden, finde ihn, tue den nächsten Schritt und wate voran. Da, wo ich die Strasse vermute, reicht der Pegel freilich so hoch, dass ich schwimmen müsste; und so rette ich mich auf den Bahndamm, wo das Wasser vorerst nur knöcheltief steht.

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«Jetzt schwimmt die schöne Postkarte mitten im Wasser» Foto: ETH Bildarchiv 

Das Dorfbild von Flüelen habe ich früher einmal bei schönstem Wetter kennengelernt: Schmucke Hotels mit roten Geranien unter den Fenstern, einladende Gaststätten, stattliche alte Häuser - ein Stück Postkartenschweiz mit Tradition und Seesicht. Doch jetzt, an diesem trübseligen Morgen, schwimmt die schöne Postkarte, völlig aufgeweicht, mitten im Wasser. Beim ersten Restaurant reicht die Flut bis zur Höhe der Theke; das zweite hat überhaupt keine Gaststube mehr und beginnt gleich im ersten Stock, während das dritte Lokal, etwas höher gelegen, mit dem Schrecken davonkam: Selbst die Oberflächen der Gartentische wären noch frei, und auch die Tafel mit den Menükarten ragt standhaft aus den Fluten heraus.

Ein wenig befremdlich wirkt heute einzig der Fischbehälter am Eingang: Wie üblich drängen sich darin ein Dutzend Forellen auf engstem Raum – während nur eine Handbreit unter ihrem Gefängnis das grosse Wasser beginnt.

Die Post steht im Wasser, die Bank steht im Wasser, die Metzgerei und die Bäckerei, alles ist ausser Betrieb. Das Dorf sieht aus, als habe man es fluchtartig aufgegeben, Menschen sind fast keine mehr unterwegs. Ein einzelnes Ruderboot gleitet aus einem Seitenkanal auf den Hauptkanal, wo vorher die Dorfstrasse war. Im Boot sitzen zwei Feuerwehrleute, während ein dritter am Ruder steht und dabei vorsichtig nach links und nach rechts schaut. Zahlreiche Autos lauern wie tückische Sandbänke unter dem Wasser, und der Bootsmann muss sein ganzes Können aufwenden, damit das Schiffchen nicht im Korallenriff der dicht parkierten Fahrzeuge steckenbleibt.

Das Boot hält Kurs auf den See, den echten See, der nur durch die höher gelegene Hafenpromenade von der Flut im Dorfkern getrennt ist. Die Schifflände steht einsam, einer Bohrinsel gleich, zwischen den Wassern; einige Männer haben sich dort versammelt, sie tragen orangefarbene Schutzwesten und haben Funkgeräte bei sich. Ich begebe mich über die Seepromenade zu ihnen hinaus - und erfahre endlich, was so plötzlich und unerwartet geschah.

 


Teil 2 folgt nächste Woche 

 Der Text stammt aus dem Buch von Nicolas Lindt «Die Freiheit der Sternenberger – Reiseberichte und Dorfgeschichten» (Zürcher Oberland Buchverlag 4. Auflage 2019). Erhältlich im ZO-Shop und im Onlineshop des Autors.

Überschwemmung der Reuss im Urnerland - Bericht im Schweizer Fernsehen 25.8.1987

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. Neben dem Schreiben gestaltete er während 30 Jahren freie Trauungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Bücher von Nicolas Lindt

Der Fünf Minuten-Podcast «Mitten im Leben» von Nicolas Lindt ist zu finden auf Spotify, iTunes und Audible.

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Neues Buch: «Orwells Einsamkeit - sein Leben, ‚1984‘ und mein Weg zu einem persönlichen Denken». Erhältlich im Buchhandel - zum Beispiel bei Ex Libris oder Orell Füssli

Alle weiteren Informationen: www.nicolaslindt.ch


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