Ein Jahr ist es her, da habe auch ich das Brennen gespürt. Es war der lockende Ruf der Vergangenheit, und ich folgte ihm. Plakate am Strassenrand wiesen den Weg. Auf dem Land eines Bauern fand das Spektakel statt, und sein Höhepunkt war ein Turnier. Weisse, pagodenartige Zelte umsäumten das Feld, wo die bunte Menge der Zuschauenden, johlend und applaudierend, eine Gasse für die Kämpfenden bildete. Der Herold nannte die Regeln, Knappen eilten herbei, ihren Herren die Lanze zu reichen, und das Publikum hielt den Atem an, als sich die Ritter auf ihren Rossen, prächtig gewandet, gerüstet mit Schild und Visier, kampfeslustig entgegenritten.
Niemand störte sich an der überdimensional grossen Kehrichtverbrennungsanlage, die sich, einer monströsen Zwingburg gleich, riesenhaft hinter dem Platz erhob. Sie wirkte wie falsch programmiert. Als wäre sie bloss ein Trugbild.
Zwischen den Zelten herrschte reges und fröhliches Treiben. Händler priesen ihr Angebot an, Spielleute spielten die alten Tänze, ein Falkner liess seinen Falken steigen, der Schmied schürte die Glut seiner Esse, der Bäcker buk seine Fladen, Bratenduft, Rauch erfüllte die Luft, und allerlei Volk in der alten Tracht belebte die Szenerie.
Ich aber wandelte durch das wiederauferstandene Mittelalter und sinnierte darüber, was meine Zeitgenossen dazu bewegt, ihr digitalisiertes, automatisiertes, globalisiertes Leben für ein Wochenende vergessen zu wollen, sich in unzeitgemässe Gewänder zu kleiden und eine Welt zu betreten, die so anders war als die heutige.
Warum tun sie das? Warum gibt es Menschen, die ihre ganze Freizeit damit verbringen, Mittelalter zu spielen?
Später las ich, über fünftausend Gegenwartsmüde hätten das Mittelalterspektakel besucht – eines von vielen im Land. Regen und kühle Witterung haben sie nicht davon abgehalten. Sie wollten zurück.
Wie aber können Menschen von heute – Menschen wie du und ich – allen Ernstes ein Sehnen empfinden nach einer Zeit, in der getötet, gefoltert, geschändet wurde, in der die Unwissenheit regierte und die Pest ihre Sense wetzte? Wie kann man, und wenn es nur ein paar Stunden sind, Verlangen empfinden nach einer Welt, in welcher der Mensch ein leiblich und geistig Geknechteter war?
Manche sehr kluge Zeitgenossen würden uns sagen: Ihr verklärt das Mittelalter.
Das tun wir nicht. Wir können erahnen, wie die alte Zeit war. Sie war das Schwert, die Burg, das Pferd, der Wolf, der Mann, die Frau, das Blut, die Erde, der Himmel, das Silber, das Gold, das Wild, das Fleisch, das Korn, das Brot, die brennende Fackel, der Scheiterhaufen, das Kreuz, das Horn, der Sänger, der Stein, das Eisen, der Baum, der Wald, die Sage, der Tod.
Die alte Zeit war die Wahrheit. Danach sehnen wir uns. Weil sie tief in uns lebt.

Warum verbringen Menschen ihre Freizeit damit, Mittelalter zu spielen? (Bild www.mirimor.ch)