King hatte diesen Satz erst nur zögerlich gesagt, weil seine Berater ihn für zu abgedroschen hielten. Dann jedoch wiederholte er ihn und wurde dabei immer leidenschaftlicher: Es war sein Traum einer Welt, in der Menschen nicht mehr nach ihrer Hautfarbe beurteilt würden, sondern nach ihren Charaktereigenschaften. Der Satz wurde nach dieser Rede zum vieltausendfach wiederholten Slogan und geflügelten Wort – ein Motto für den Glauben an die Erreichbarkeit einer erwünschten Zukunft.
«Ich habe eine Vision» würde man heute eher sagen. Denn Träume, das ist doch etwas, aus dem man aufwachen will. Aufwachen aus einem Irrtum, einer Illusion, aus der wir in die oft so schmerzhafte Realität hinein gestossen werden. Traum und Vision sind jedoch Geschwister. Beide können Illusionen sein, die man besser rechtzeitig fallen lässt, ehe sie die von ihnen schlafwandlerisch Bewegten in die Katastrophe führen. Träume können aber auch Signale aus dem Unbewussten sein, die helfen, den verdrängten Teil der Psyche zur Geltung kommen zu lassen. Dann ist Traumintegration eine Ressource, um ganz zu werden, um dann ein nicht mehr in sich gespaltener, integrer Mensch zu sein.
Yes we can!
Ich will mich hier vor allem mit der Bedeutung von Traum als Vision beschäftigen. So wie es für Martin Luther King war in seiner berühmten Rede. Traum als Glaube an die Realisierbarkeit einer erwünschten Zukunft, als Zuversicht, dass die Verwirklichung gelingen kann. Woraus der Mut resultiert, sich trotz Widerständen dafür einzusetzen.
Wer glaubt heute noch an die Möglichkeit einer Welt ohne Kriege? An eine Welt, in der der Umgang der Nationen untereinander von Gesetzen geregelt wird? In der Zuwiderhandlungen gegen diese von fairen Richtern beurteilt werden. Eine Welt, in der die Einhaltung der von den Betroffenen selbst beschlossenen Regeln durch eine mit Gewaltmonopol versehene Exekutive geschützt wird.
Fairness bei der Ernüchterung
Dass ich im vorigen Abschnitt «Yes we can!» als Zwischentitel gesetzt habe, soll nicht im Nachhinein diesen Slogan von Obama auf 'die Ehre der Altäre' heben. An Obamas ehrlichen Glauben an die Umsetzbarkeit seiner Vision habe auch ich damals geglaubt. Ernüchtert war ich erst bei seinem Einknicken vor dem System, dessen chief of administration er damals ja war, so wie es heute Donald Trump ist. Sollten wir Obama deshalb heute als Heuchler verurteilen oder ihn einen naiven Traumtänzer nennen?
Visionäre, die durch Ambition und Beharrung schliesslich 'an die Macht' gelangen und dann einknicken, gibt es so viele, dass die Behauptung «Macht korrumpiert sie alle» weithin Kopfnicken auslöst. Doch die hier urteilen, können sie es denn besser, wenigstens in ihrem kleinen Wirkungskreis? Haben Geheimdienste Obama erpresst und ihn so zur Konformität mit dem militärisch-industriellen Komplex gezwungen, weil er etwa bei einem Seitensprung oder auf einem LSD-Trip ertappt wurde oder solches fingiert wurde? Heute, in KI-Zeiten, sind Fakes, die solches behaupten, im Handumdrehen erstellbar.
Eine Welt voller Scherben
Die Welt ist voll mit den Scherben zerbrochener Träume. Wer noch eine Vision hat, wird eher verspottet als bewundert. Nihilismus: «Ich glaube an nichts mehr»; Zynismus, bei dem Enttäuschung zu Verbitterung wurde anstatt zu Weisheit; schliesslich der so cool wirkende Stoizismus: «Das kann mir nichts anhaben». Das sind die Trends unserer Zeit, auf die heutige Influencer stolz sind. Wo ist nur die Verehrung für Geist, Spirit, Vision, Kreativität und den Mut zur Umsetzung des noch nie Dagewesenen geblieben?
Bei all den geplatzten Träumen sollte das auf den spirituellen Wegen gepriesene Aufwachen eigentlich heute leichter sein denn je. Doch wo sind sie, die aus ihren Träumen und Trancen Erwachten, die Buddhas unserer Zeit? Noch sind zu viele anstatt aufzuwachen in eine neue Überzeugung hinein erwacht. Sie haben nur ein Mindset gegen ein anderes ausgetauscht, eine Besessenheit gegen eine andere, anstatt aus aller Illusionstrunkenheit zu erwachen.
Mind over matter?
Ich glaube jedoch, dass das Träumen auch in seiner Bedeutung als positive Vision nicht nur für Positivdenker mit Tendenz zur Beschönigung, sondern auch für wissenschaftlich denkende Menschen wertvoll ist.
Für wen wir uns halten – die Ich-Identität oder soziale Identität des modernen Menschen – ist ein Narrativ. Sei es, dass die Geschichte, wer wir sind, uns von der umgebenden Gesellschaft zugewiesen wird, das ist das Übliche. Sei es, dass wir als allmählich erwachende Erwachsene anfangen, das Skript unseres Lebens ko-kreativ mitzugestalten, um die Erzählung, wer wir sind, schliesslich selbst gestalten oder die uns zugefügte Gestalt annehmen zu können.
Damit fände die Frage: mind over matter oder matter over mind eine philosophisch befriedigende Antwort. Hier ist mein Update zu dem Satz «Im Anfang war das Wort» aus dem Johannes-Evangelium: Am Anfang war das Narrativ, die (Ein)Bildung, die Gestalt/ung des Geistigen, der Entwurf von Vision, Absicht, Ziel, Ausrichtung und damit auch die Blaupause für Bindung, Zugehörigkeit und jede Art von Kultur. Alles nur Erzählung? Nein, alles auch Erzählung, denn Wahrnehmung deutet und erschafft durch die uns prägenden Narrative.
Small & Large Language Models
Die Erforschung der Materie und ihrer Strukturen, auch der höchst komplexen, wie das menschliche Gehirn es ist, bleibt die noble Aufgabe der Naturwissenschaften. Neben dem Primat des Geistes und seinen (small or large) Language Models. Die kleinen LLMs (besser SLMs?) sind die persönlichen Identitäten, die Ichs. Daraus bilden sich die grösseren – Paare, Familien, Stämme, Nationen – ähnlich der Bildung von Organismen und Biotopen aus den biologischen Zellen. Bis hin zum Weltgeist der Large Language Models der heutigen KI. Welche unsere Spezies vernichten kann, sie aber auch wie nie zuvor befähigen kann. Mein Traum ist, dass wir – die menschliche Weltgesellschaft – es schaffen, die in KI lauernde Katastrophe abzuwenden und ihr die Chance eines Paradieses auf Erden zu entlocken.
John Lennons Traum
Zurück in die Historie. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist es her, dass John Lennon und Yoko Ono den Song «Imagine» (auf dt: Stell dir vor!) kreierten. 1971 war das. Der Song beginnt mit: «Imagine there's no heaven ... above us only sky» - stell dir vor, es gibt nur den Himmel über unseren Köpfen, und kein himmlisches Paradies, in das wir nach einem guten Leben geholt werden. Imagine träumt von einer Welt ohne Grenzen und ohne Krieg, einem Paradies auf Erden, in dem allen alles gehört, und er endet mit: Ihr werdet sagen, ich sei ein Träumer, der sich das alles nur vorstellt, aber ich bin nicht der einzige!
Das Lied wurde zum offiziellen Song von Amnesty International und begeisterte viele Jahre lang die Friedensbewegung. Das war insofern gut, als es den Traum von einem Paradies auf Erden stärkte gegen die Vertröstung auf ein Himmelreich danach.
Podemos!
Der Song hat jedoch ein Defizit. Er preist als «Welt ohne Grenzen» eine strukturlose Welt an. Dass es genügt, für eine friedliche und gerechte Welt einfach alle Grenzen wegzulassen, ist naiv. Als unbeabsichtigter Backlash gegen diese Naivität kam der Rechtspopulismus und forderte: mehr Grenzen.
Wie eine gut strukturierte Welt aussehen kann, in der nicht mehr das Recht des Stärkeren gilt, sondern Klugheit, Vernunft, Liebe und Gerechtigkeit, dazu braucht es nun viele Träumer! Yes wie can! Auf spanisch: Podemos!