Der vor einem Monat verkündete Waffenstillstand wirkt auf sie wie eine Fiktion; die entstehende Sicherheitszone im Südlibanon empfinden sie als tiefe Wunde.
Nadav (32), Reservist aus dem Zentrum Israels, schildert systematische Plünderungen. Abends seien Logistikkonvois nicht nur mit Nachschub gekommen, sondern hätten auch Beute abtransportiert. In wohlhabenden Dörfern mit Villen, Pools und Luxusautos hätten Soldaten mit «wet fire» – wahllosem Schiessen – Häuser gestürmt und danach Wertgegenstände, Teppiche, Motorräder, Möbel und ganze Ladenbestände mitgenommen.
«Sogar Handseife im Stützpunkt kam aus dem Libanon», erzählt er. Höhere Kommandeure hätten weggeschaut, ein Brigadekommandant habe es ignoriert. Religiöse Rechtfertigungen («eine Mitzwa») oder die Aussage, alles werde sowieso zerstört, seien gängig gewesen. Erst nach Medienberichten habe ein Kompaniekommandant Spuren verwischt. Nadav spricht von einer «Wikinger-Armee»: Plündern, damit die Soldaten motiviert bleiben.Itai (20), Fallschirmjäger, beschreibt einen psychischen Zusammenbruch in Bint Jbeil. Kälte, Mäuse, Erschöpfung und ein Gefecht, in dem er erstarrte, während Kameraden angriffen.
Zu Hause fühlte sich das zivile Leben für ihn fremd an. Die Armee habe seine Hilfegesuche verzögert; ein Psychologe habe oberflächlich auf tiefe Atmung verwiesen und «funktionelle Kontinuität» gefordert. Erst nach Intervention einer Zeitung erhielt er intensivere Betreuung. «Ich fühlte, ich müsste mir etwas antun, damit man mich ernst nimmt.»
Elad (28), Reservist aus dem Norden, kritisiert die systematische Zerstörung ganzer Dörfer. Statt gezielter Einsätze gegen Terrorinfrastruktur seien Häuser, Schulen und Kliniken flächendeckend dem Erdboden gleichgemacht worden – oft durch zivile Auftragnehmer mit Baggern. «Das ist die IDF der letzten zwei Jahre: die Armee zum Häuserzerstören.» Kommandeure hätten tägliche «Erfolgsbilanzen» der zerstörten Gebäude gefordert. Viele Soldaten hätten geplündert oder aus Rache mutwillig zerstört. Elad, angewidert von den zurückgelassenen Spuren menschlichen Lebens in den Häusern, habe sich mit einer Lüge abgemeldet und geschworen, nie mehr zurückzukehren.
Tomer (19) aus der Region Tel Aviv spricht von Ohnmacht gegenüber Drohnenangriffen trotz offiziellem Waffenstillstand. «Auf den Nachrichten heisst es ‹Waffenstillstand› – was reden die da? Wisst ihr, wie viele Drohnen sie uns schicken?» Schützenlöcher und Himmelsbeobachter seien die einzigen Massnahmen; moderne Abwehrsysteme fehlten oder funktionierten unzuverlässig. Drei Kameraden hätten bereits Testamente verfasst. Tomer selbst wünsche sich eine ruhige Beerdigung ohne Offiziersreden.
Or (36), Reservist in einer Panzerbrigade, kämpft mit schwerem Trauma aus früheren Einsätzen. Nach dem Anblick getöteter Kameraden habe er Häuser verwüstet. Bis heute rieche und schmecke er Blut, habe Essstörungen und fühle sich seelisch amputiert. Trotz familiärer Belastung – die Partnerin leidet unter dem Stress bei Kinderwunsch – meldete er sich freiwillig. Im Libanon fühle er sich «normal». Nach dem tödlichen Drohnenangriff auf einen beduinischen Zivilisten, der einen Bagger reparierte, und den verzweifelten Rufen des Sohnes («Vater, Vater») habe er die Dienstwaffe weggesperrt, aus Angst vor sich selbst. Er fürchtet, die Partnerin zu verlieren, ihn zieht es dennoch zurück an die Front.
Die Berichte in Haaretz zeichnen ein einheitliches Bild: eine Armee, in der Plünderung geduldet, Zerstörung zum Selbstzweck und psychische Belastungen ungenügend behandelt werden. Die Soldaten berichten von mangelndem Schutz, widersprüchlichen Befehlen und dem Gefühl, dass die politische Führung Zeit schindet, während sie als «stationäre Ziele» ausharren. Viele fühlen sich ausgebeutet. Der Einsatz im Libanon hinterlässt nicht nur in der «Sicherheitszone» tiefe Spuren, sondern auch bei denen, die ihn ausführen mussten.