Initiaton – was die Natur uns lehren kann
Übergänge im Leben, ob Jugend oder Alter, können zu Unsicherheit, Ängsten, Krisen führen: Nichts ist mehr wie bisher. Die Natur kann uns genau in diesen Wandelzeiten unterstützen. Matthias Bosshard begleitet Menschen in Übergängen in die Natur.
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Feuer machen - gehört zur Initiation in der Natur. Bild: zVg

...Zeitpunkt: Matthias, du führst Menschen in die Natur, um sie dort mit ihrer «inneren Ordnung» in Kontakt zu bringen, wie es auf deiner Webseite heisst. Was meinst du damit?

Matthias Bossard: Das ist eine tiefe Überzeugung, die sich in meiner Arbeit immer wieder bestätigt: Wir sind in uns bereits in Ordnung! Diese Ordnung spiegelt sich in der Natur wider, und wenn wir sie dort erkennen, fällt es uns leichter, uns selbst anzunehmen. Die Wandlungsprozesse, die wir alle durchleben – Krisen, Übergänge, Neuanfänge –, finden in der Natur ständig statt, in einem ewigen Kreislauf. Ich führe die Menschen dahin, damit sie diese Grundstrukturen sehen und in sich selbst wiedererkennen.

Wie machst du das?

Eine zentrale Arbeitsweise bei uns ist der Schwellengang. Die Teilnehmenden sind aufgerufen, sich einfach darauf einzulassen, als Experiment.  Eine wichtige Arbeitshypothese lautet dabei: Es gibt keinen Zufall – was dir draussen in der Natur begegnet, hat direkt mit dir zu tun! Jeder Mensch erlebt denselben Wald anders, je nach dem «Rucksack», den er mitträgt. Wir sind Naturwesen unter anderen Naturwesen, auf Augenhöhe. In der Natur werden wir akzeptiert, wie wir sind. Das ist die zentrale Botschaft – und sie ist tief entspannend. Der ständige soziale Stress, ob wir genügen oder nicht, fällt dort meist weg. Die Natur bewertet uns nicht.

Wie bist du selbst auf diesen Weg gekommen? Hat die Natur in deinem Leben immer schon eine wichtige Rolle gespielt?

Ganz deutlich. Als Kind war ich gerne draussen; ein Baum war mein Wohlfühlort, besonders bei Problemen zu Hause. Bei den Pfadfindern erlebte ich, wie widrige Umstände mein Selbstbewusstsein stärkten. Dann hatte ich einen schweren Verkehrsunfall mit Schädel-Hirn-Trauma. Ich war völlig aus der Rolle und musste mich neu erfinden. Eineinhalb Jahre später habe ich eine Visionssuche gemacht. Das war wie das Abstossen am Grunde des Schwimmbeckens nach dem Abtauchen – eine Bewegung zurück ins Leben. Später bin ich alleine im Regenwald Lateinamerikas gereist. Dort habe ich mich als kleines Korn gefühlt, ich musste mich nicht mehr so wichtig nehmen. Es war ein spirituelles Erlebnis: Ich gehöre dazu, werde getragen und bin Teil von etwas Grösserem.

Was geschieht bei einer Visionssuche?

Die Visionssuche ist ein altes Ritual indigener Völker, das in den 1980er-Jahren unter anderem durch Meredith Little und Steven Foster für den Westen adaptiert wurde. Das eigentliche Ritual besteht aus vier Tagen und vier Nächten alleine Fasten in der Natur, meist im Wald. Es ist keine Survival-Übung: Die Menschen sind ausgerüstet, trocken, und es gibt ein Sicherheitssystem. Sie lernen, mit den Naturwesen ins Gespräch zu kommen und für sich eigene Rituale zu gestalten.

Was passiert dabei innerlich?

Besonders an Übergängen oder in Krisen hilft die Visionssuche, sich mit den eigenen Wurzeln zu verbinden und zu fragen: «Was trägt mich jetzt? Was ist nicht mehr stimmig?» Die Natur wertet nicht – das ist eine der wichtigsten Erfahrungen. Jede Person bringt ihre eigenen Herausforderungen mit: Angst vor dem Alleinsein, vor der Dunkelheit, vor inneren Themen. In der Vorbereitung holen wir diese Ängste ab und sagen: Sie gehören dazu. Die Wandlungsfähigkeit der Natur – Leben und Tod sind immer gleichzeitig präsent – spiegelt die eigenen Prozesse. Viele erleben eine tiefe Beruhigung und Seelenberührung: Ich darf so sein, wie ich bin, bin angenommen und ich gehöre dazu. Wichtig ist im Anschluss die sorgfältige Rückführung in den Alltag.

In modernen Zivilisationen fehlt diese Erfahrung der Initiation: auf sich selbst zurückgeworfen werden, um den inneren Dämonen zu begegnen und sie zu überwinden. Du bietest es für junge Menschen an. Was bewirkt so ein Erlebnis?

Jugendliche leben oft in einer digitalen Welt. Aber ich erlebe die Jugendlichen, die zu mir kommen, bereit und offen, sich auf sinnliche Erfahrungen in der Natur einzulassen. In meinem Vier-Jahreszeiten-Biwak gehen wir bei jedem Wetter und in allen Jahreszeiten raus, kochen gemeinsam und übernachten unter einem Tarp – auf Augenhöhe mit den Schnecken. Das stärkt das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit: «Ich schaffe das!» Im Sommer gibt es das «Biwak der Herausforderung». Die Jugendlichen zwischen 13 und 15 Jahren wählen selbst ihr Level: alleine im Wald schlafen, eine längere Erkundungswanderung machen oder zu zweit gehen. Sie erhalten Feedback, wo sie stehen, und tauschen sich in der Gruppe aus. Das ist entscheidend bei der Initiation: Es braucht eine Gemeinschaft, die den Raum zur Verfügung stellt, den Schritt erwartet und das Erlebte würdigt. Die Jugendlichen lernen, sich zu zeigen und ihre Erlebnisse in Worte zu fassen. Das fehlt uns heute oft – bruchstückhafte Mutproben oder das Militär ersetzen das nicht. Beim Militär wird der Seelenanteil, der wachsen will, meist nicht angesprochen.

Wie kann uns Initiation in der Natur helfen, uns aufs Altwerden und Sterben vorzubereiten?

Die Natur bietet überall Beispiele für Zerfall, aber es sind versöhnliche Bilder. Ein vermodernder Baumriese ist Grundlage für neues Leben. «Leben im Wandel» – so habe ich meine Webseite genannt, weil Leben immer Wandel ist. Wir durchschreiten die Lebensphasen: Kindheit, Pubertät, Berufung finden, Erwachsensein – und dann die absteigende Phase. Bei den Wechseljahren merken wir: Die Energie lässt nach, der Körper verändert sich. Statt im Hamsterrad mitzurennen und der Jugenddynamik hinterher zu hecheln, können wir fragen: «Welche Aufgaben passen zu meinem Alter? Welche Qualitäten bringe ich jetzt ein? Wem hilft meine Lebenserfahrung? Was möchte ich verabschieden und was gibt es zu betrauern?» Das Symbol des Lebensrads – oder andere Räder wie das Medizinrad der Indigenen – hilft, die Balance zu finden, statt in der Polarität des Schwarz-Weiss-Denkens steckenzubleiben. Die Natur gibt uns anschauliche Bilder: das Spriessen im Frühling, die maximale Entfaltung im Sommer, das Loslassen im Herbst. Das kann man bei mir studieren.

«Studieren» ist dabei ja nicht abstrakt, sondern intuitives Aufnehmen in der Natur, oder?

Auf jeden Fall intuitiv. Wir nennen es «die eigene Gangart finden» und führen die Leute mit Achtsamkeitsübungen dahin, mit allen Sinnen unterwegs zu sein: Kriech auf den Boden, geh barfuss, langsam, ohne Ziel, lass dich treiben. Stell dir einen Faden am Bauchnabel vor, der dich führt. Geh der Nase nach, folge deiner Aufmerksamkeit. Wohin führt dich ein Vogel oder ein Schmetterling? Beobachte eine Schnecke. Wie ist sie unterwegs? Erfahrungsgemäss kommentiert dabei allerdings unsere innere Stimme pausenlos. Ein Tipp: Bring das in Worte, sprich laut aus, was du denkst, und hör dir selbst zu. Überraschende Dinge geschehen, wenn das Kopfkino in die Stimme gebracht wird. Sei spielerisch, finde ein Lied, ein Mantra, ein Gedicht oder geh ins Gespräch mit der Natur. Und spüre, was innen anklingt. Wenn dich eine Alltagsfrage beschäftigt und dir begegnet ein passendes Bild in der Natur, erlebst du Synchronizität. Das kann erstaunlich oder erschreckend sein. Wir empfehlen, sorgfältig damit umzugehen, wem man so etwas erzählt, denn es kann von anderen leicht abgetan werden. Sei behutsam mit dem Erlebten.

Schön – das weckt die Lust, einmal so eine Gruppe mitzumachen!

Das ist mein Wunsch: Dass bekannt wird, wie diese Arbeitsweise Persönlichkeitsentwicklung und das Verstehen von Wandlungsprozessen in der Natur verbindet.


Das Gespräch führte Christa Dregger

Mehr Informationen: lebenimwandel.ch

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