In Vierteln wie 1. Mai, Küçük Armutlu, Gazi oder Karayolları organisierten Bewohner/innen gemeinsam mit revolutionären Bewegungen ihren Alltag, bauten Häuser, regelten soziale Konflikte, schufen Kulturzentren und entwickelten Strukturen, die heute als frühe Kommune-Erfahrungen verstanden werden können.
Auch wenn diese Modelle damals kaum als «Kommunen» bezeichnet wurden, folgten sie einem ähnlichen Grundgedanken: Gesellschaftliche Probleme sollten nicht von staatlichen Institutionen, sondern gemeinschaftlich und auf lokaler Ebene gelöst werden.
Die Kommune als organisierter Alltag
In seinem jüngsten Manifest sowie in späteren Erklärungen beschreibt Abdullah Öcalan die Kommune nicht lediglich als wirtschaftliches Modell, sondern als grundlegende Form gesellschaftlicher Organisation. Für ihn beginnt demokratische Politik dort, wo Menschen ihren Alltag selbst gestalten, Verantwortung gemeinsam übernehmen und Entscheidungen kollektiv treffen. Diese Vorstellung ist nach seiner Auffassung keine neue Erfindung. Vielmehr knüpft sie an historische Erfahrungen an, die in Kurdistan und der Türkei über Jahrzehnte entstanden sind – oftmals ohne den Begriff «Kommune» zu verwenden. Gerade Istanbul bietet dafür zahlreiche Beispiele.
1.-Mai-Viertel: Eine Nachbarschaft organisiert sich selbst
Zu den bekanntesten Kommune-Erfahrungen zählt die Entstehung der 1.-Mai-Mahallesi in den 1970er Jahren. Das Viertel entstand, nachdem revolutionäre Gruppen beschlossen hatten, für kurdische, alevitische und sunnitische Familien, die im Zuge der Landflucht nach Istanbul gekommen waren, neuen Wohnraum zu schaffen. Auf dem Gelände des heutigen Stadtteils Mustafa Kemal Mahallesi errichteten Aktivist/innen gemeinsam mit den Bewohner/innen Häuser, deren Bau vollständig in gemeinschaftlicher Arbeit erfolgte.
Während Baumaterial organisiert wurde, beteiligten sich die zukünftigen Bewohner/innen selbst am Bau ihrer Häuser. Ziel war es, Familien ein eigenes Zuhause zu ermöglichen, ohne sie dauerhaft von Miete abhängig zu machen. Mit der Fertigstellung des Viertels entstand zugleich eine Form lokaler Selbstverwaltung. Ein Volkskomitee koordinierte das Zusammenleben, organisierte Versammlungen und entschied gemeinsam mit den Bewohner:innen über Fragen des Alltags.
Als die Polizei am 2. September 1977 das Viertel angriff, fiel auch die Entscheidung über den Widerstand nicht durch einzelne Organisationen, sondern in einer gemeinsamen Abstimmung der Bevölkerung. Nach den Auseinandersetzungen zog sich die Polizei wieder aus dem Stadtteil zurück.
Bis zum Militärputsch von 1980 blieb die Selbstorganisation erhalten. Konflikte wurden in Bürgerversammlungen behandelt, Infrastrukturprobleme gemeinsam gelöst und zahlreiche Aufgaben übernommen, die andernorts staatlichen Behörden zufielen. So wandten sich Bewohner/innen bei Streitigkeiten nicht an die ausserhalb des Viertels gelegene Polizeiwache. Auch die Wasserversorgung wurde gemeinschaftlich organisiert. Lebensmittel gelangten über kollektiv betriebene Geschäfte ohne Gewinnorientierung in das Viertel.
Küçük Armutlu: Selbstverwaltung über Jahrzehnte
Noch länger bestand die Erfahrung in Küçük Armutlu. Nach 1980 wurde das Viertel mit Unterstützung von Stadtplanern, Architekten und Ingenieuren neu aufgebaut. Bis heute gilt es als eines der wenigen nach städtebaulichen Grundsätzen entstandenen Gecekondu-Viertel der Türkei.
Über mehr als drei Jahrzehnte bildete die Volksversammlung das politische Zentrum des Stadtteils. Entscheidungen wurden gemeinschaftlich getroffen, Streitigkeiten vermittelt und Fragen des Zusammenlebens kollektiv geregelt. Dabei entwickelte Küçük Armutlu eigene Regeln.
Mehrstöckige Häuser waren lange Zeit nicht erlaubt, um Spekulation und wirtschaftliche Ungleichheit zu verhindern. Die Wohnhäuser blieben bewusst einheitlich gestaltet.
Auch zahlreiche soziale Einrichtungen entstanden in gemeinschaftlicher Arbeit. Das alevitische Cemhaus wurde ebenso mit Unterstützung der Bevölkerung errichtet wie Veranstaltungsräume, Kulturangebote und soziale Einrichtungen. Im «Volksmarkt» wurden Lebensmittel nahezu zum Selbstkostenpreis verkauft. Ärzt/innen boten regelmässig kostenlose Untersuchungen an.
Mit dem «Vefa Evi» (zu Deutsch in etwa «Haus der Verbundenheit») entstand zudem eine Einrichtung für ältere Menschen, Pflegebedürftige und ehemalige politische Gefangene. Finanziert wurde sie unter anderem durch selbst produzierte Lebensmittel. Kulturelle Veranstaltungen, Filmvorführungen, Konzerte, gemeinsame Erntefeste sowie religiöse Zusammenkünfte während des Ramadan und der Trauermonate gehörten ebenfalls zum Alltag des Viertels.
Gazi und Karayolları: Weitere Erfahrungen gemeinsamer Selbstorganisation
Auch andere Stadtteile entwickelten ähnliche Strukturen. Im Viertel Gazi übernahmen Volkskomitees seit den 1990er Jahren zahlreiche Aufgaben der lokalen Organisation. Fragen des Wohnungsbaus, der Infrastruktur oder der Kommunikation mit Behörden wurden gemeinsam behandelt. Mit Unterstützung der Bevölkerung entstanden unter anderem ein Cemhaus sowie zeitweise eine Volksbäckerei, die Brot ohne Gewinnabsicht verkaufte.
Eine weitere Erfahrung entstand Mitte der 1990er Jahre in der Karayolları Mahallesi. Vor dem Hintergrund der Zwangsvertreibungen in Kurdistan errichtete die kurdische Freiheitsbewegung dort Wohnraum für Familien, die infolge der Dorfzerstörungen nach Istanbul fliehen mussten. Neben Wohnungen wurden auch Arbeitsmöglichkeiten vermittelt und regelmässige Bürgerversammlungen organisiert. Erst im Zuge der Stadterneuerung in den 2000er Jahren verschwand das Viertel vollständig.
Kultur als Rückgrat der Selbstorganisation
Eine besondere Rolle spielte die Kulturarbeit. Vor allem in den 1990er Jahren entstanden in den Armenvierteln Istanbuls zahlreiche Kulturzentren, Theatergruppen, Musikensembles und Tanzgruppen. Einrichtungen wie das Kulturzentrum Mesopotamien (NÇM) entwickelten sich zu wichtigen Orten, an denen insbesondere junge Kurd:innen ihre Sprache, Musik und kulturelle Identität wiederentdecken konnten.
Auch revolutionäre Musikgruppen wie Grup Yorum oder Grup Munzur sowie Kulturhäuser in Bağcılar, Okmeydanı, Gazi oder Küçük Armutlu verstanden Kultur nicht als blosses Freizeitangebot. Sie sollte den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und den Stadtteilen ein eigenes kulturelles Leben ermöglichen. Viele Kunstschaffende, die später weit über Istanbul hinaus bekannt wurden, begannen ihre Arbeit in diesen lokalen Kulturzentren.
Zwischen Repression und gesellschaftlichem Wandel
Die Kommune-Erfahrungen blieben jedoch nicht ohne staatliche Gegenmassnahmen. Nach den Angriffen auf das 1.-Mai-Viertel verlagerte sich der Druck zunehmend auf andere Formen der Kontrolle. Neben polizeilichen Repressionen setzte der Staat verstärkt auf Strategien der sozialen Zersetzung. Dazu gehörten auch die Ausbreitung von Drogenhandel und kriminellen Strukturen, die das gesellschaftliche Leben in vielen Stadtteilen nachhaltig veränderten. Revolutionäre Gruppen versuchten über Jahre hinweg, dieser Entwicklung entgegenzutreten. In dieser Phase verloren unter anderem Dilek Doğan, Hasan Ferit Gedik und Dilan Kortak ihr Leben.
Mit den Jahren wirkten jedoch mehrere Faktoren zusammen. Staatlicher Druck, wirtschaftliche Veränderungen, die zunehmende Isolation der Stadtteile sowie innere organisatorische Schwierigkeiten führten dazu, dass viele der über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen an Einfluss verloren. In der 1.-Mai-Mahallesi wurden ursprünglich einheitliche Wohnhäuser später zu Mietshäusern umgebaut. In Küçük Armutlu schwächten soziale Veränderungen, wirtschaftlicher Druck und die Ausbreitung krimineller Strukturen nach und nach die gemeinschaftlichen Organisationsformen.
Erfahrungen, die bis heute nachwirken
Viele der damaligen Strukturen bestehen heute nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form. Dennoch prägen ihre Erfahrungen weiterhin die Debatten über demokratische Selbstverwaltung und Kommune-Organisation. Gerade vor dem Hintergrund von Abdullah Öcalans aktuellem Konzept einer demokratischen Gesellschaft werden die historischen Erfahrungen der Istanbuler Stadtteile erneut diskutiert. Sie zeigen, dass kollektive Selbstorganisation, gemeinsame Entscheidungsfindung und solidarisches Zusammenleben in der Türkei und Kurdistan keine abstrakten Modelle geblieben sind, sondern über Jahrzehnte in konkreten Nachbarschaften erprobt wurden.