Mutterschiff Erde
Der Besuch der britischen Astronautin Helen Sharman im Oktober im Freiburger Paulussaal bringt eine neue Perspektive in die Art und Weise, wie wir unseren Planeten betrachten.
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Galaxien bilden ein riesiges kosmisches Netz mit gewaltigen Zwischenräumen, in denen es richtig abgeht. Bild: Shutterstock

Weniger als 700 Menschen haben die Erde bisher von aussen gesehen. Etwa 640 verschiedene Personen haben bisher die Erde umkreist und mit eigenen Augen das Bild gesehen, das dank ihnen alle kennen: ein blauer Planet, der in einem Seitenarm der Milchstrasse mit sieben anderen Planeten um eine Sonne kreist, einer von unzähligen Sternen in einem Seitenarm der Milchstrassen-Galaxie, die zu einer Gruppe unzähliger Galaxien gehört, die wiederum einer noch grösseren Form des Universums zugeordnet ist.

Galaxien sind nicht irgendwie zufällig im Raum verteilt. Sie bilden ein riesiges kosmisches Netz mit gewaltigen Zwischenräumen, in denen es richtig abgeht. Während wir uns durch die Erdrotation mit etwa 1 670 Stundenkilometern um die eigene Achse drehen, rast die Erde mit 107 000 Stundenkilometern um die Sonne. Mit etwa 828 000 Stundenkilometern kreist unser Sonnensystem um das Zentrum der Milchstrasse, die sich wiederum als Teil der lokalen Gruppe mit 2,2 Millionen Stundenkilometern bewegt.

Schwindelfrei

17 500 Meilen pro Stunde – das war die Geschwindigkeit der Raumfahrtkapsel, mit der die erste nicht amerikanische und nicht sowjetische Frau ins All reiste. Aus Neugierde. Helen Sharman wurde die erste britis...che Astronautin, nachdem sie auf einen Radiospot geantwortet hatte und unter 13 000 Bewerbern ausgewählt wurde. Astronaut wanted. No experience necessary.

Wer sich in ein Raumfahrzeug begibt, bringt sich in eine Situation, für die der Körper nicht gemacht ist. Start, Schwerelosigkeit, Strahlung und die Abwesenheit von der Erde setzen ihm stark zu. Muskeln werden schwach, Knochen brüchig, das Blut verschiebt sich nach oben, das Gleichgewicht gerät durcheinander, die Augen werden in Mitleidenschaft gezogen, die Strahlung erhöht Schäden an Zellen und im Gewebe und die Rückkehr zur Erde ist hart.

Helen Sharman hat das erlebt. Und sie erzählt davon. Vor Schulklassen, in Radio- und Fernsehsendungen und am 4. Oktober 2026 im Paulussaal in Freiburg. Eine einmalige Gelegenheit, mit einem der wenigen hundert Menschen in der Welt zu sprechen, die die Erde von Weitem erblickt haben.

Wie war es wohl, aus einem dunklen, grenzenlosen Raum heraus auf die Erde zu blicken und die dünne, leuchtende Schicht zu sehen, die sie von der Schwärze trennt? Wie klein, wie zerbrechlich mag dieses Juwel erscheinen, das in 92 Minuten umrundet werden kann? Und wie nahe mag es dem gehen, der es betrachtet, unser Zuhause, unser Schiff?

Wir leben von ihrer Atmosphäre, ihrem Wasser, ihrer Nahrung, ihren Kreisläufen. Alles, was wir zum Leben brauchen, befindet sich an Bord. Ein zweites Mutterschiff gibt es nicht. Wenn wir das hier kaputt machen, ist es vorbei. Im All gibt es kein Aussen. Alles ist innen. Alles, was wir hier tun, fällt auf uns zurück.

Hier sind wir nicht unabhängig. Wir brauchen das Wasser, die Luft, den Boden unter unseren Füssen. Und wir brauchen uns. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse von Helen Sharman: die Bedeutung der Teamarbeit. Wenn die nicht funktioniert, ist die Reise zu Ende.

Alles ist möglich

Wer mit Abstand auf die Dinge blickt, lernt ihren Wert zu schätzen. Der Abstand zwischen Betrachter und Objekt erst ermöglicht Erkenntnis. Was ist jetzt wirklich wichtig? Karriere? Kontoauszüge? Konflikte? Oder das Bewusstsein, welcher Schatz uns da anvertraut wurde?

Ein blaues Juwel. Eine dünne Atmosphäre. Ein begrenzter Raum. Darin Milliarden von Leben, die sich gemeinsam durch das Dunkel bewegen. Auf diesem Mutterschiff sind wir nicht bloss Passagiere. Wir sind die Crew. Das Wesentliche ist nicht, wohin die Reise geht, sondern wie wir mit dem Schiff umgehen, das uns Heimat ist, und wie wir ein Bewusstsein für ein friedliches Zusammenleben hier auf dem Planeten Erde schaffen.

Hierüber und über vieles mehr kann mit Helen Sharman gesprochen werden. Vielleicht auch darüber, ob die Erde eine Scheibe ist oder ob der Mensch wirklich je einen Fuss auf den Mond gesetzt hat. Entscheidend ist, dass wir miteinander reden und dass wir an uns und unsere Möglichkeiten glauben. Ausgewählt von 13 000. So jemand kommt nach Freiburg, obwohl sie tausende von Anfragen von überall erhält. Solche Dinge geschehen, weil es Menschen gibt, die daran glauben, dass sie geschehen können.

Auch das ist es, was uns die Raumfahrt zeigt: Es gibt einen Raum, in dem wir schwerelos sind, frei, einen Raum, in dem alles möglich ist. Eine Astronautin ohne Vorkenntnisse. Ein Vortrag im Paulussaal. Ein Besuch in einer Schulklasse an der Freien Schule Dreisamtal, bevor Helen Sharman wider nach London zurück fliegt. Eine Welt in Frieden. Und ein Juwel von unbeschreiblicher Schönheit, auf dem wir in unvorstellbarer Geschwindigkeit durch das All reisen.

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

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