Machen wir uns nichts vor: Kollaps ist nicht nur eine Fantasie von einsamen Männern, die in Wäldern Erdbunker bauen, Vorräte anhäufen und Schiessübungen machen. Kollaps ist auch nicht gleich der Weltuntergang. Viel naheliegender ist ein Blackout oder der Zusammenbruch von Lieferketten – und dass wir als Folge nicht mehr haben, was zeitlebens selbstverständlich war: Strom aus der Steckdose, Wasser aus dem Hahn, Lebensmittel aus dem Supermarkt, Informationen aus dem Internet. Dieses Szenario geschieht bereits temporär an vielen Orten, sei es durch Überschwemmungen, Erdbeben oder Anschläge.
Zum Beispiel in Berlin im Januar: 45 000 Haushalte waren nach der Attacke einer hirnverbrannten Berliner Spontitruppe für mehrere Tage ohne Strom und Telefon, und das während einer Kältwelle. Die Situation warf ein krasses Licht auf die Realsituation in Deutschland nach Jahren des Kaputtsparens von staatlichen Einrichtungen: Der Katastrophenschutz war erbärmlich vorbereitet, die öffentlich-rechtlichen Medien brachten die Nachricht anfangs ganz klein unter ferner liefen (ich erfuhr durch Schweizer Medien davon), der Berliner Regierende Bürgermeister Kai Wegner ging lieber Tennisspielen, als rund 100 000 Menschen in ihren kalten dunklen Wohnungen ohne Telefon waren, sich in Rathäusern aufwärmen und ihr Handy laden durften und ansonsten aufgefordert wurden, bei Freunden in anderen Stadtteilen unterzukommen.
Wie reagieren Menschen in Notfällen, wenn die Behörden nicht oder nicht ausreichend helfen? So wie es Marc Elsberg in seinem Thriller «Blackout» beschreibt, mit bürgerkriegsähnlichen Szenen, Egoismus und Gewalt? Oder wie es Rebecka Solnit in ihrem Buch «A Paradise built in Hell» anhand von realen Beobachtungen bei Erdbeben und anderen Naturkatastrophen vermutete: «Wenn die gewohnte Ordnung aufgehoben ist und die meisten Systeme versagen, sind wir frei, so zu leben und zu handeln, wie wir wollen – mutig, einfallsreich und grosszügig.»
In Berlin sahen wir: Der prognostizierte drastische Anstieg von Einbrüchen in die verlassenen Wohnungen und Plünderungen blieb aus. Die Notlage wurde nicht nennenswert ausgenutzt.
Statt dessen kam es zu einer Welle an Hilfsbereitschaft. Nachbarn teilten Essen und Batterien, versorgten sich mit Informationen und kümmerten sich um die alten Menschen. Fremde verteilten warme Getränke auf der Strasse oder gaben Unbekannten für mehrere Tage Obdach.
Es wäre naiv, die gewalttätige Alternative auszuschliessen. Aber je früher wir darüber nachdenken und uns vorbereiten, desto mehr haben wir die Wahl, wer wir sein wollen, wenn etwas passiert.
Ich habe für mich die Frage so beantwortet: Ich will im Krisenfall als erstes mich selbst schützen – aber dann auch die Menschen um mich. Ich will nicht um jeden Preis überleben, jedenfalls nicht auf Kosten anderer. Ich will teilen, wenn jemand etwas braucht, von dem ich im Moment ausreichend habe.
Solidarisch Preppen – die Idee geht auf eine Stadtteilinitiative aus Stockholm namens «Preppa tillsammans» zurück und basiert darauf, dass «wir Krisen lieber gemeinsam und vorbereitet begegnen als allein und unvorbereitet.» Ihr Initiator Pär Plüschke sagt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: «Survival of the fittest – gut, aber fit bin ich im Ernstfall nicht, wenn ich die meisten Liegestütze kann, sondern wenn ich ein tragfähiges soziales Netz habe. Menschen sind dann am resilientesten, wenn sie zusammenarbeiten.»
Deshalb ist die wichtigste Vorsorge für den Kollaps: Pflege deine Nachbarschaft. Sie ist dein nächstes soziales Netz – im Ernstfall näher als Kollegen, politische Freunde, sogar deine Familie an anderen Orten.
«Durch nachbarschaftliche Zusammenarbeit können wir Ressourcen teilen, Wissen bündeln und Probleme effektiver lösen», heisst es auf ihrer Webseite. Und damit beginnen wir am besten vor dem Kollaps, also jetzt. Mit den Nachbarn, die wir nun mal haben – im Stadtteil, Hochhaus oder Dorf.
Nachbarn suchen wir uns nicht aus. Bei uns im Dorf gibt es einige, mit denen wir locker befreundet sind. Andere treffen wir ab und zu bei Dorfaktivitäten oder auf der Strasse. Sicher denken nicht alle dasselbe über die üblichen Spaltungsthemen. Aber als unser Rasenmäher einmal kaputt war, hielt der nächste an und half bei der Reparatur. Darauf kann man aufbauen.
Nach der Dunbar-Theorie (von Robin Dunbar, einem britischen Psychologen und Freundschaftsforscher) sind es weniger die engen Freunde, sondern vor allem die schwächeren sozialen Bindungen, die für unsere Resilienz sorgen: die bis zu 150 Menschen in unserem Umfeld. Denn sie bilden ein vielfältiges Netzwerk und bieten grösstmögliche Unterstützung, Informationen und Stabilität. Auf ihnen beruhen im Fall des Kollaps unsere Überlebenschancen.
Bei einer Nachbarschaft zählt weniger die emotionale Tiefe oder dieselbe Meinung. Sondern, ob man sich aufeinander verlassen kann, ob jemand tut, was er sagt und sagt, was er tut, ob man miteinander redet, aufeinander achtet und sich gegenseitig hilft, und darauf, wer welche Fähigkeiten und Ressourcen hat.
«Wir können sofort handeln», schreibt «Preppa tillsammans» auf seiner Webseite, «den Zusammenhalt in unserer Nachbarschaft stärken und die Atmosphäre schaffen, die wir uns wünschen.» Denn je besser wir uns jetzt schon kennenlernen und vorbereiten, desto sicherer und widerstandsfähiger werden unsere Gemeinschaften auch im Notfall sein.
Wie kann das konkret aussehen? Dieses Vorgehen empfiehlt die Initiative:
- Lernt erstmal die Nachbarschaft kennen und baut Kontakte in der direkten Umgebung auf. Es kann erst mal ein Grillfest oder Kinoabend sein.
- Nutzt bereits bestehende Strukturen: Gemeinschaftsgruppen in sozialen Medien, Mietervereine, Dorfgemeinschaften usw.
- Stärkt das Gemeinschaftsgefühl der Nachbarschaft, bildet Interessensnetzwerke und leistet gegenseitige Hilfe auch ohne Katastrophenfall (z.B. Unterstützung bei der Kinderbetreuung, Einkäufe für ältere Leute besorgen).
- Fragt die Nachbarn, was sie über die Lage der Welt denken und ob sie gemeinsam mit der Vorsorge beginnen möchten.
- Sprecht über vorhandenes Wissen in der Nachbarschaft: Wer hat welches fachliches Wissen? Wer könnte welche Rolle oder Aufgabe in einem Ernstfall übernehmen? Gebraucht werden nicht nur geniale Handwerker, sondern auch Köche, Menschen, die Kinder beruhigen können oder wissen, wie man schnell eine gemeinsame Entscheidung trifft.
- Organisiert oder besucht einen gemeinsamen Erste-Hilfe-Kurs einschliesslich psychologischer Erstversorgung.
- Sprecht über diese Fragen: Wer hält bereits Lebensmittelvorräte? Könnt ihr euch absprechen, wer welche Lebensmittel oder Ausrüstungsgegenstände vorhält? Wo trifft man sich nach einem Katastrophenfall? Wie kommuniziert man im Fall, dass keine Telekommunikation funktioniert? In welchen Gärten kann man heute schon Zierpflanzen durch Gemüse und Obst ersetzen? Legt gemeinsame Gärten an. Gibt es Kontakte zu Bauernhöfen in der Region, die man jetzt schon intensivieren kann?
- Ladet einen erfahrenen solidarischen Prepper zu einem Informationsabend ein. Man kann auch gemeinsam Bereitschaftskurse organisieren oder besuchen – und zum Beispiel lernen, welche Pflanzen im Wald essbar sind, wie man Feuer macht, eine Schutzhütte baut oder eine medizinische Schutzausrüstung und andere Gebrauchsgegenstände mit einfachen Mitteln herstellen kann.
Gemeinsame Kollapsvorbereitung, so heisst es auf der Webseite von «Preppa tillsammans», kann Ohnmacht in gemeinsame Handlungskompetenz verwandeln. Eine verbesserte Nachbarschaft kommt als Bonus obendrauf.

Dieser Beitrag stammt aus dem gerade erschienenen neuen Zeitpunkt: Das Ende der Sicherheit. Mehr dazu und Bestellung: bitte aufs Bild klicken.
Info-Box: Individuelle Vorbereitung – das empfiehlt der Katastrophenschutz:
Im normalem Vorratslager: das System der lebenden Vorräte. Haltet neben der offenen Packung stets eine Nachfüllpackung vor.
Im Notlager: Notvorrat an haltbaren Lebensmitteln für zehn Tage, pro Person 2 200 kcal pro Tag und 2 Liter Flüssigkeit. Haltet nur Lebensmittel und Getränke vorrätig, die ihr auch normalerweise nutzt.
Ein Notfallrucksack für schnelle Evakuationen sollte enthalten:
- persönliche Medikamente
- Erste-Hilfe-Material
- Batteriebetriebenes Radio, Reservebatterien
- Verpflegung für 2 Tage in staubdichter Verpackung.
- Wasserflasche.
- Essgeschirr und -besteck, Dosenöffner und Taschenmesser.
- Halte deine Dokumentenmappe stets griffbereit.