Rojava auch nach Waffenstillstand unter Druck
Zukunft hängt vom globalen Widerstand ab, meint Mara Guva von der Autonomieverwaltung im Gespräch mit jw

Gut drei Wochen nach dem Waffenstillstandsabkommen zwischen der syrischen Übergangsregierung unter Präsident Ahmed al-Scharaa (ehemals HTS) und den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) bleibt die Lage in Nord- und Ostsyrien hochbrisant. Die autonome Selbstverwaltung in Rojava, seit 2012 als multiethnisches, basisdemokratisches Projekt mit starker Frauenemanzipation bekannt, sieht sich weiterhin existenziell bedroht.

Ende Januar 2026 starteten Regierungstruppen eine massive Offensive auf SDF-Gebiete, darunter Tabqa, Rakka, Deir ez-Zor und Kobani. Über 170.000 Menschen – vorwiegend Kurden und arabische Familien – wurden vertrieben. In Kobani herrschte wochenlang Belagerung: Wasser, Strom und Internet fielen aus, mindestens fünf Kinder starben an Unterkühlung. Tausende IS-Gefangene entkamen Lagern; die USA verlegten bis zu 7.000 in den Irak.

Das am 30. Januar geschlossene Abkommen sieht Waffenruhe, Integration der SDF in vier Brigaden der syrischen Armee, lokale Sicherheitskräfte, symbolische Präsenz Damaskus’ und Bürgerrechte für Kurden vor – doch ohne explizite Garantien für Frauenrechte, YPJ oder die Kernprinzipien der Selbstverwaltung. Kritiker warnen: HTS brach frühere Abkommen; Racheakte, Enthauptungen und Gewalt gegen Frauen, Alawiten, Drusen und Kooperierende nehmen zu. Der IS nutzt das Chaos.

Mara Guva von der Autonomieverwaltung betont im Gespräch mit der jungen Welt: Es handle sich nicht um einen arabisch-kurdischen, sondern ideologischen Konflikt zwischen demokratischen und dschihadistischen Kräften. Die Frauenrevolution (YPJ, „Jin, Jiyan, Azadî“) habe den Nahen Osten verändert – nun drohe ihre Zerschlagung. Trotz Unterstützung für die Offensive durch Türkei, USA, EU, Großbritannien und Israel gelang kein Einmarsch in Kernstädte. Dennoch: Die Autonomie schrumpft rapide; viele Bewohner fürchten Unterdrückung und ethnische Säuberung.In Rojava rief man Mitte Januar zur Generalmobilisierung auf. Jugendliche schließen sich Verteidigungseinheiten an, Dörfer bewaffnen sich. Der „revolutionäre Volkskrieg“ nach Abdullah Öcalan bleibt Leitlinie. Solidaritätsaktionen – von München bis Bogotá – zeigen weltweite Unterstützung.

„Was nun geschieht, hängt vom fortgesetzten Widerstand weltweit ab“, so ihr Appell. Die humanitäre Krise hält an; Rückkehrer fehlen oft sichere Bedingungen. Experten sehen Rojava am Scheideweg: Integration in den Staat oder schrittweiser Verlust der Errungenschaften seit der erfolgreichen IS-Bekämpfung 2014–2019.