Schlager gibt es in allen Kulturen der Welt. Überall dort, wo eine Musikindustrie sich von der Vermarktung menschlicher Sehnsüchte einen Gewinn erwartet. Meist geht es da um die Sehnsucht nach Liebe.
Schlager thematisieren manchmal aber auch andere Sehnsüchte, je unerreichbarer, desto besser fürs Geschäft. Auch nach Freiheit und sozialem Heldentum sehnen wir uns und nach Akzeptanz von I am what I am (Gloria Gaynor), d.h. «von Gott akzeptiert» zu werden. So wie in dem Gospel When the Saints go marching in – obwohl dieses Lied nicht nur der Pop-Musik angehört, sondern auch ein Jazz-Evergreen ist. Jedenfalls spricht es unsere Sehnsucht nach Vollkommenheit an: Beim Jüngsten Gericht wollen wir unter den Heiligen sein und mit ihnen zusammen ins Himmelreich des ewigen Lebens hineinspazieren.
Sehnsucht nach Höherem
Nicht mehr hungern müssen und ein Dach überm Kopf haben, das kommt in den Schlagern eher nicht vor. Für diese Hörer scheint es schon erfüllt zu sein. Sie sehnen sich nach etwas Höherem, das noch nicht gestillt ist, wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind. Sie besingen eine Sehnsucht, die auch dann noch bleibt, wenn sie Medaillen gewonnen und Mitbewerber übertrumpft haben oder unermesslich reich geworden sind. Ist das dann eine spirituelle Sehnsucht – oder nur ein Luxusproblem? Jan Loffeld schrieb über die vermeintliche religiöse Indifferenz der Gegenwart ein viel beachtetes Buch mit dem Titel «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt».
Sektenpfarrer
In Berlin sind zurzeit noch etwa 19% der Einwohner Mitglied in einer der beiden grossen Kirchen. Bis 2040 wird das gemäss aktuellem Trend auf circa 11% absinken. Bis 2050 gutmöglich auf unter 5%. Etwa zwei Drittel evangelisch, ein Drittel katholisch. Die Prognosen besagen, dass die Kirchen sich auf die Grösse von Sekten verkleinern werden, das heisst von religiösen Minderheiten, wie sie vor zwei Generationen noch von den «Sektenpfarrern» der Grosskirchen im Schulterschluss mit den Staatsmedien (Tagesschau & Co) diffamiert wurden, weil sie den Nimbus der Grosskirchen, die sich für too big to fail hielten, zu untergraben schienen.
Wohin mit unserer Sehnsucht?
Wenn die alten Kirchen, vielleicht ähnlich den «Altparteien», sich im Getümmel der kommenden KI-gesteuerten Algokratie zu immer irrelevanteren Institutionen in Richtung auf völlige Irrelevanz bewegen, wohin dann mit unserer Sehnsucht nach dem Absoluten? Nach dem, was frühere Kulturen «Gott» nannten und ich heute das Transzendieren der eigenen Echokammer nenne. Wohin mit dieser Sehnsucht, wenn Schlager, Predigten und sogar die immer persönlicheren Empfehlungen unserer Lieblings-KI uns immer noch unerfüllt hinterlassen?
Die in Hunderte diverser Kultgruppen zersplitterte spirituelle Szene bedient dieses Bedürfnis ja schon heute nur mit «gefühlten Wahrheiten». Was kann dann und schon heute die auch in einem profanen Deutschland noch immer vorhandene Sehnsucht nach mehr stillen, diesen Verzweiflungsschrei aus dem Herz der Midlife-Crisis: «Das kann doch nicht schon alles gewesen sein!»?
«Religiös unmusikalisch», gibt es das?
Auf einer der Bühnen meiner Lokalität Greven im Münsterland luden mein örtlicher katholischer Pfarrer und ich zu einem Dialog über den Wesenskern von Buddhismus und Christentum ein. Ihr findet das Gespräch in meinem Youtube-Kanal «Sugata und der Wolf». Eine der 30 Besucher/innen sagte danach, dass sie mit dem Gesagten nicht viel anfangen könne.
Das führt mich zu der Frage, ob es Menschen gibt, denen Profanität genügt? Pro-fan kommt aus dem Lateinischen und meint das, was sich vor (pro) dem Heiligen (fanum) befindet. Mein Namensvetter Wolf Schneider galt als der deutsche Sprachpapst; ich hatte ihm mein durchaus evidenzbasiertes Buch «Zauberkraft der Sprache» zugeschickt, daraufhin schrieb er mir, er sei «religiös unmusikalisch». Gibt es das?
Psychotherapeuten, Coaches und Seelsorger sind sich weithin einig, dass wir Menschen auf die eine oder andere Art auf der Suche nach «Höherem» sind. Die bekannteste grafische Darstellung dieser Motivation ist die Maslowsche Bedürfnispyramide. Ob die Suche nach Selbstverwirklichung und Transzendenz, die dort ganz oben steht, nun spirituell oder religiös zu nennen ist, das halte man, wie man will. Ich stimme in der Hinsicht Ken Wilber zu: Menschen, für die Liebe, Gerechtigkeit oder Respekt ein ultimativer Wert ist, nennt er spirituell.
Sehnsucht nach der bedingungslosen Liebe
Der Liebe im eigenen Wertesystem den höchsten Platz zu geben, ist eine Ausrichtung, die alles andere transzendieren kann. So wie früher die nach Gottgefälligkeit strebenden Menschen es konnten. Eine bedingte Liebe wäre doch ein Tauschhandel: Nur, wenn ich das oder das tue, werde ich geliebt. Solcher Ablasshandel traf schon 1517 auf Widerwillen und spaltete die Kirche: «Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt».
Für weniger als die bedingungslose Liebe wollen wir uns nicht opfern. Im Alltag des «real existierenden» Lebens finden wir jedoch immer nur bedingte Liebe. Immer gibt es irgendwo eine rote Linie, die wir nicht überschreiten dürfen gegenüber denen, die doch beteuern, uns zu lieben. So ist es eben im irdischen Leben. Trotzdem sehnen wir uns nach dem Absoluten, Unbedingten.
Weg mit dem alten Kram
Das Buch «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt» des Theologen Jan Loffeld erschien 2024. Es bekam in Fachkreisen viel Aufmerksamkeit, weil er darin dem Elefanten im Raum – der religiösen Indifferenz – einen Namen gab: Was, wenn wir in einer Gesellschaft mit funktionierendem Sozial- und Bildungssystem keine Theologie mehr brauchen und auch keine Kirchen? Was, wenn dieser ganze alte Kram wegkann? Es wollte ja schon die Französische Revolution auf ihrem Weg in eine gerechte Gesellschaft in einem Aufwasch nicht nur den Adel, sondern auch den Klerus abschaffen.
Sich nicht mit dem Gegebenen abfinden
Ich setze dem einen Impuls entgegen, den einige spirituelle Lehrer «the divine discontent» genannt haben: die göttliche Unzufriedenheit oder Unruhe. Gemeint ist das Sich-nicht-Abfinden mit dem Leiden und der Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins. Der irdischen Sinnlosigkeit trotzen, indem man einen Sinn kreiert, aus Mitgefühl mit sich selbst und allem, was da sonst noch leidet. Boddhisattvas hat der Mahayana-Buddhismus solche Menschen genannt. Nachdem sie alles verstanden haben, was für einen Menschen zu verstehen ist, heben sie trotzdem nicht ab und machen sich davon ins Nirvana der Selbstgenügsamkeit, sondern bleiben. Sie bleiben im Ich und im Körper, im irdischen Dasein, so lange es dort noch Lebewesen gibt, die leiden.
Tatkraft
Mit seiner schöpferischen Unruhe ist der Bodhisattva eher ein Treibender als ein Getriebener. Er ist ein Gewordener, insofern Erschaffener und als solcher auch Schöpfer, weil er die ihm gegebenen Optionen nicht leugnet, sondern tatkräftig angeht, soweit ihm das in seinem Wirkungsraum möglich ist. Als Schöpfer masst er sich nicht an, dass das von ihm Vorgefundene von ihm erschaffen wurde. Diese Haltung des Bessern-Wollens ist also keine Blasphemie und nicht einmal Grössenwahn. Sie überschreitet allerdings den Kleinheitswahn. Cool ist ein Bodhisatta nicht, das wäre Abschottung. Als Bodhisattvas sind wir nahbar.
Vom Ich um zum Wir
Einen Sinn des Lebens finden wir jedenfalls nicht fertig vor, so sehr wir auch danach suchen. Es gibt ihn erst, wenn wir ihn erschaffen. Jede für sich als Einzelne. Aber auch kollektiv. Womit wir beim Weg vom Ich zum Wir wären, beim Geben ist seliger denn Nehmen. Denn mit zunehmender individueller Reife suchen wir immer weniger nach dem, was wir bekommen können. Stattdessen beglückt uns, was wir geben können.