Vier Jahre Gustavo Petro – Errungenschaften, Widerstände und die Zukunft Kolumbiens
Die Aktivistin und Friedensbürgermeisterin Gloria Cuartas war während der Amtszeit Gustavo Petros Direktorin der «Einheit zur Umsetzung des Friedensabkommens» und damit eine wichtige Kraft für die Politik des «totalen Friedens». Wir befragten sie nach den Erfolgen der Friedenspolitik, nach den Gründen für die so überraschende wie niederschmetternde Wahl eines Kandidaten der extremen Rechten und der Zukunft Kolumbiens.
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Gloria Cuartas: Zukunft gibt es nur mit Wahrheit. Foto: Andrea Regelmann

Zeitpunkt: Gloria, du engagierst dich seit vielen Jahren für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in Kolumbien. Wie bewertest du die Amtszeit von Gustavo Petro von 2022 bis 2026, der mit dem Plan antrat, einen «totalen Frieden» im Land zu bewirken? Was hat sich in seiner Amtszeit verändert – und was nicht?

Gloria Cuartas: Ich will vorausschicken: Dass Gustavo Petro überhaupt an die Macht kam, war ein Ergebnis der Friedensverhandlungen von 2016 und der grossen Jugendproteste gegen soziale Ungleichheit, dem «Estallido Social» von 2021.

Bis dahin hatte Kolumbien 200 Jahre lang unter der Kontrolle traditioneller Macht- und Wirtschaftsgruppen gestanden. Das Land verzeichnete rund zehn Millionen Opfer der Gewalt.

Diese vier Jahre einer aus der sozialen Bewegung geborenen Regierung waren deshalb historisch wichtig – auch wenn sie innerhalb des alten Systems stattfanden. Petros grösster Erfolg war, das Bewusstsein dafür wieder zu erwecken, dass die Menschen überhaupt am politischen Prozess teilnehmen können. Sie waren durch Repression lange zum Schweigen gebracht worden.

Als Präsident ist Gustavo Petro grundlegende Reformen in den Bereichen Renten, Gesundheit, Bildung und Land angegangen. All diese Reformen wurden jedoch vom Kongress und vom Verfassungsgericht systematisch blockiert.Rechte und zentristische Kräfte hatten sich zusammengeschlossen, um jede Veränderung zu verhindern.

Alle acht Tage legte Petro öffentlich Rechenschaft ab und informierte die Bevölkerung über seine Politik, seine Vorhaben und wie sie blockiert wurden – und das er in seinem eigenen Stil ohne Beschönigung. Das gefiel der Oligarchie natürlich gar nicht, und sie wehrte sich mit allen Mitteln. So waren es vier Jahre einer Regierung ohne echte Macht, die Macht lag bei denen, die ich Mafia nennen würde: ein Zusammenschluss von Medien, Grossgrundbesitzern und Konzernen.

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Zeitpunkt: Welche konkreten Fortschritte gab es trotzdem, etwa bei der Landfrage und den sozialen Programmen?

Die grösste Veränderung lag in der integralen ländlichen Reform, sie war Teil des Friedensabkommens von 2016. Während Petros Regierungszeit wurden 2,4 Millionen Hektar Land rechtlich formalisiert. 455 000 Hektar, die im Dauerkonflikt des Landes illegal enteignet worden waren, gingen an die betroffenen Gemeinden zurück. Es entstanden 27 Bauernreservate – und das ist angesichts des Klimawandels ein entscheidender Schritt zum Schutz grosser Flächen. Ausserdem konnten 50 Prozent des Landes katastermässig erfasst werden – etwas, das 30 Jahre lang nicht geschehen war. Damit können Bauern wieder planen.

Mit dem «Fondo de Tierras para las Víctimas» (Fonds zur Wiedergutmachung der Opfer) und der «Sociedad de Activos Especiales» (SAE - Gesellschaft für besondere Vermögenswerte) gaben wir Land, das paramilitärische Gruppen besetztund von dem sie die ursprüngliche Bevölkerung gewaltsam vertrieben hatten, an die Nachkommen von Opfern, Bauern, Frauen, indigene Völker und Beteiligte am Friedensprozess. Vor Petro gingen solche Güter stets an Politiker und mächtige Personen.

Darüber hinaus teilte die Regierung Zonen für die Nahrungsmittelproduktion ein und verbot den Verkauf von Land an Ausländer und Multinationale. So stellte sie die Versorgung der Bevölkerung höher als die Profite der Konzerne, was sie natürlich bei den Konzernen extrem unbeliebt machte.

Mit internationaler Unterstützung wurden neue Friedensdialoge mit ehemaligen Kämpfern und Gefangenen geführt, die ihre Waffen abgegeben hatten. Das Gesetz über den totalen Frieden (Gesetz 2262 von 2022) bildete dafür den Rahmen. Das Programm «Sozialdienst für den Frieden» sollte junge Menschen vom obligatorischen Militärdienst befreien und einen Zivildienst einführen. Elf Programme zur digitalen Alphabetisierung, für Friedenspädagogik und Umwelterziehung entstanden. Petro sprach sich ausserdem klar gegen die Luftbesprühung illegaler Anbauflächen für den so genannten Kampf gegen Drogen aus, denn sie zerstört Umwelt und Lebensmittelpflanzen und gefährdet die Bauern. Auch für die Rechte von Frauen und indigenen Völkern wurde gearbeitet, auch wenn hier noch vieles unvollständig blieb.


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Lesen Sie zu dem Thema auch unseren Beitrag: 


«In Kolumbien herrscht nicht der Präsident, sondern die Gewalt»


vom Juni 2025 in Zeitpunkt


Zeitpunkt: Was erwarten Sie von den kommenden Jahren unter der neuen Regierung? Bleibt etwas von diesen Reformen?

Alles, was ich genannt habe, läuft Gefahr, zerstört zu werden.

Zeitpunkt: Wie kam es überhaupt dazu, dass mit dem ultrarechten Abelardo de Espriella eine völlig andere Politik gewählt wurde?

Wir glauben, dass die USA und Israel Einfluss genommen haben, um eine alternative Politik in Kolumbien zu beenden. Das geschieht im Rahmen eines globalen wirtschaftlichen Konflikts gegen China und Russland. Trump-nahe Kräfte wirken heute in 14 Ländern Lateinamerikas, um sie dem Machtbereich der Vereinigten Staaten einzuverleiben.

USA, das leuchtet ein. Wieso aber Israel?

Es gibt alte Bündnisse zwischen Kräften in Israel und der Oligarchie Kolumbiens, die Präsident Petro nicht weiterführte. Er trat stets für Gerechtigkeit und Respekt für Palästina ein und nannte den Krieg gegen Gaza Völkermord, das verziehIsrael ihm nicht. Er beendete auch den Kohleverkauf Kolumbiens an Israel.

Es waren doch freie Wahlen, wie haben die USA und Israel die beeinflusst?

Wir haben einen sehr starken Druck der «Bodegas» erlebt, das sind von Konzernen gesteuerteKommunikationsnetzwerke, die die Wahrheit systematisch verfälschten. Nein, Kolumbien hatte keine freien Wahlen. Abelardo de Espriella ist ein Präsident, der eine doppelte Staatsbürgerschaft in den USA besitzt. Ausserdem verteidigte seine Rechtsfirma in den USA Drogenkartelle. Jetzt stellt er sich als oberster Anti-Drogen-Kämpfer dar. Das ist alles eine sehr gefährliche Mischung.

Derzeit werden in Kolumbien Dekrete vorbereitet, um die Bildung zu privatisieren und den evangelikalen, katholischen und protestantischen Kirchen zu übergeben. Die Luftbesprühung droht zurückzukehren, Jugendliche werden wieder für den Militärdienst rekrutiert. Und der neue Aussenminister konzentriert sich ausschliesslich auf die Beziehungen zu Israel und den USA. Gleichzeitig gibt es 40 Brände im ganzen Land und mehrere Erdbeben – reale tektonische Bewegungen…

Ja, man hat den Eindruck, die Erde selbst leistet Widerstand gegen die neue Politik.

Besonders alarmierend ist, dass das Geld der Erdbebenhilfe über eine private Stiftung der Ehefrau des Präsidenten läuft. Das muss genau beobachtet werden.

Gibt es trotz allem noch Hoffnung?

Die vier Jahre mit Petro haben den Menschen gezeigt, dass sie Rechte haben und sie einfordern können. Trotz aller Drohungen und der religiösen Ideologie, die man uns jetzt aufzwingen will, verfügt Kolumbien über starke soziale Bewegungen und Organisationen. Wir werden weiterkämpfen für eine echte Demokratie – wie die soziale Bewegung in Argentinien. Trump ist nicht ewig.

Ich richte einen klaren Aufruf an die Bürgerinnen und Bürger der Schweiz, Deutschlands und ganz Europas: Achtet in den diplomatischen Beziehungen zu Kolumbien auf die Menschenrechte, auf den Schutz und die Investitionen für Frauen. Die internationale Zusammenarbeit darf nicht einfach der Regierung von Abelardo de la Espriella überlassen werden. Die Gesellschaft muss verlangen, dass Bauernbewegungen, Friedensgemeinden, Frauen und indigene Völker direkt unterstützt werden. Wir müssen verhindern, dass im Namen von Politik und Wirtschaft die Menschenrechte in Kolumbien wiederverletzt werden.


Das Interview führte Christa Dregger, die Übersetzung leistete Andrea Regelmann.


Gloria Cuartas empfiehlt zur weiteren Information diese Buchreihe, die ausführlich die Präsidentschaft von Gustavo Petro dokumentiert und von seinem Team während der ganzen Jahre erstellt wurde und heruntergeladen werden kann: Ideario económico y sociopolítico del Gobierno del Cambio. Darin geht es um alle Themen seiner Regierung: Bildung, Gesundheit, Palästina, Frieden etc. - alles allerdings nur auf spanisch. 

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch «Leila» Dregger), Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebt über 40 Jahre in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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