Es ist die Macht, andere seinem Willen zu unterwerfen, ihre Handlungen zu lenken und sich über die Regeln zu erheben, denen andere gehorchen müssen. Diese Art von Macht ist immer mit sittlicher Verkommenheit, Verdorbenheit, Gemeinheit verbunden.
Menschen, die nach Herrschaft streben, treiben sie auf die Spitze. Selbst auf den, der nicht nach Macht strebt, sondern in sie hineingeboren oder hineingebracht wird, übt Verdorbenheit eine heimtückische Anziehungskraft aus. Das mag mit einem subtilen Gefühl der eigenen Überlegenheit beginnen, einer Distanziertheit, einer herablassenden Haltung gegenüber Untergebenen, einer Tendenz, sich mit anderen mächtigen Menschen als Gleichgestellten zu assoziieren. In diesem Moment entmenschlicht man subtil alle anderen. Diese Haltung kann sich unter bestimmten Umständen und wenn nichts ihre Entwicklung aufhält, weiter entwickeln und zu den abscheulichsten Taten führen, mit der man Herrschaft über andere Menschen ausübt.
Entmenschlichung ist in der modernen Gesellschaft an der Tagesordnung. Sie macht Menschen zu Konsumenten, Funktionären, Marktchancen, Profitzentren, Wählern, Sexobjekten, Figuren in politischen Narrativen der Erniedrigung, zu Trägern von Rassen-, Geschlechts- oder ethnischen Stereotypen und vielem anderen. Einmal entstanden, sucht die Entmenschlichung nach einem Ort, an dem sie ihre extremsten Formen annehmen kann. Denn das geschieht in jeder Gesellschaft, die die Natur zur Ware macht und in der der Verlust von Beziehungen normal wird: Sie wird zwangsläufig in ihren dunkelsten Nischen, in ihren Gefängnissen, Konzentrationslagern und geheimen Haftanstalten, aber auch hinter den verschlossenen Türen ganz normaler Häuser, in den hintersten Winkeln der Familiengeheimnisse ebenso wie in den befestigten Wohnanlagen ihrer Eliten auf groteskeste Weise die Menschenwürde verletzen. Das geschieht zwangsläufig. Die abnorme Erniedrigung ist nur die logische Folge, der zweite Schritt nach der normal gewordenen. Es kann nicht sein, dass eine Welt nur das eine hat und nicht auch das andere.
Die Epstein-Akten sind eine scharfe Anklage gegen unsere Gesellschaft. Wer von uns aber erkannt hat, wie normal die Ausbeutung und Erniedrigung von Menschen (und anderen Lebewesen) auf der Erde bereits ist, braucht eine solche Anklage nicht. Wir haben nie geglaubt, dass das System etwas taugt. Wir sahen sie ja schon immer: die Ausbeuterbetriebe, die Giftmülldeponien, die Slums, die landlosen Bauern, die Flüchtlingslager, die Kinderarbeit, die neoliberale Ausbeutung. Die Kriege, Gefängnisse, Todesschwadronen und Folterregime, die notwendig waren, um das System aufrechtzuerhalten. Wir sahen die Verwandlung von Leben, Erde, Schönheit, Gemeinschaft und Fantasie in Geld. Wir brauchten weder die Epstein-Akten noch andere Vorstellungen von satanischen Klüngeln, um das System abzulehnen.
Doch dieser hohe Preis, den Mensch und Natur für das System zahlten, war für die meisten Menschen relativ unsichtbar. Er versteckte sich hinter globalen Lieferketten und Ideologien von Fortschritt, Entwicklung und Aufstieg der Menschheit. Die Epstein-Akten zerreissen diesen Nebel. Sie zeigen uns die wahre Natur der Macht in ihrer nackten Form.
Die Akten wecken ein Gefühl der Bestätigung, das unabhängig von den spezifischen Fakten und Behauptungen ist. Die kleinere Wahrheit lautet: «Aha! Ich wusste es! Unmenschliche Eliten regieren die Welt.»
Die grössere Wahrheit lautet: «Etwas Unmenschliches regiert die Welt.» Die zweite Wahrheit beinhaltet die erste, leugnet sie aber nicht und braucht sie auch nicht. Angenommen, die Raubtiere der Elite sind Nebenprodukte von etwas Grösserem, wenn sie dessen Funktionäre sind, wenn sie zu dessen Symptomen gehören: Dann ist unsere Aufgabe viel grösser, als sie einfach nur auf die Guillotine zu schicken. Wenn wir es ernst meinen und wirklich die jahrhundertealte Herrschaft des Terrors beenden wollen, dann müssen wir dem bekannten Problemlösungsreflex, jemanden umbringen zu wollen, widerstehen.
Wir sind allerdings mit diesem Reflex bestens vertraut. Welcher Hollywood-Actionfilm dreht sich nicht darum, den Bösewicht zu besiegen, der die eigentliche Ursache des Problems ist? Diese Filme programmieren unser Verständnis davon, was Handeln ist, was die Ursache des Leidens ist und wie man es beseitigen kann.
Einige meiner Kritiker glauben, ich meine es nicht ernst mit der Beendigung des Grauens, weil ich ihrer Meinung nach «die Täter ungestraft davonkommen lassen» will. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil ich es absolut ernst meine, möchte ich die wahre Ursache finden und nicht die einfache Antwort. Wenn ein Blutbad den Kreislauf von Ausbeutung und Grauen für immer beenden würde, würde ich ebenfalls sagen: Ja, lasst es uns tun. Aber was ist, wenn es nur nur scheinbar die Lösung wäre? Wenn es uns möglicherweise nur von den echten Ursachen ablenken – und diese damit aufrechterhalten würde? Dann müssen diejenigen von uns, denen das Thema am Herzen liegt, tiefer schauen. Wir müssen fragen: Warum fühlen sich die Eliten so natürlich zur Verkommenheit hingezogen? Was steht in der «Stellenbeschreibung» der Macht, dass sie Verkommenheit beinhaltet? Was in unseren tiefen, unbewussten Geschichten, Mythen und in unserer kollektiven Psychologie erzeugt diese Stellenbeschreibung überhaupt?
Bitte verstehen Sie mich richtig – ich plädiere nicht dafür, dass wir uns zurücklehnen und philosophieren, während wir den Raubtieren einen Freibrief ausstellen. Diejenigen, die das Vertrauen missbraucht haben, müssen aus der Macht entfernt werden. Aber ist das die endgültige Lösung?
Ein Freund von mir war ein südafrikanischer Gewerkschaftsaktivist. Er war in den 1970er und 80er Jahren ein revolutionärer Radikaler und diente schliesslich in Nelson Mandelas Kabinett. Nach Jahrzehnten im Exil waren er und seine Genossen nun in Machtpositionen. Die Guten hatten gesiegt! Das Zeitalter der Korruption war vorbei, denn die alten Eliten, korrupt und grausam, waren nun durch unbestechliche revolutionäre Kader mit strengsten ethischen Grundsätzen ersetzt worden. Nun, Sie wissen, was passiert ist. Es dauerte nicht lange, bis sich die neuen Eliten genauso verhielten wie die alten. Ihre Hautfarbe war zwar anders, aber die Machtverhältnisse blieben dieselben. Mandela selbst war eine Ausnahmeerscheinung, aber selbst als er noch im Amt war, konnte er wenig gegen diese Entwicklung ausrichten, geschweige denn nach seinem Tod. Mein Freund hatte die Wahl, sich entweder der Korruption anzuschliessen und einen Kompromiss nach dem anderen einzugehen oder sich ganz aus der Politik zurückzuziehen. Er entschied sich für Letzteres. Er konnte buchstäblich nicht im Amt bleiben und gleichzeitig unbestechlich bleiben. Denn so liefen die Dinge nun einmal.
Ich sage nicht, dass die südafrikanische Regierung voller Pädophiler und Folterer ist. Nicht jeder in der Elite – in Wirklichkeit wahrscheinlich nur eine kleine Minderheit – nutzt seine Macht bis zum Äussersten aus. Doch wenn die Rollen verfügbar sind, wird jemand hineinspringen und sie übernehmen. Und diese Rollen werden vom System erzeugt. Sie replizieren sich selbst.
Ich habe gestern mit einer Überlebenden satanischer ritueller Misshandlungen gesprochen. Sie wurde während ihrer gesamten Kindheit von ihrer Herkunftsfamilie missbraucht. Sie nennt sich Shoshana. Sie hat einen langen Heilungsprozess hinter sich. Bevor sie mit der Heilung begann, hatte sie keinerlei Erinnerungen an die Zeit vor ihrem 12. Lebensjahr. Jetzt hat sie wieder vollen Zugang zu ihrer Kindheit. Ich habe ihre Erlaubnis, alles zu teilen, was nützlich sein könnte. Während der Jahre des Missbrauchs wurde Shoshana Zeugin des Prozesses, durch den ihre älteren Brüder gebrochen und dazu ausgebildet wurden, sie, ihre Schwester, zu missbrauchen. Sie waren nicht von Anfang an böse. Sie begannen als süsse, unschuldige Babys. Der Missbrauch, den ihr Vater ihnen zufügte, zerstörte sie. Sie wurden zu Monstern. Und was ist mit dem Vater? Was ist mit ihm passiert, dass er sich von dem süssen, unschuldigen Baby, das auch er einmal war, zu jemandem gewandelt hat, der seine eigene Tochter vergewaltigt und verkauft?
Vielleicht wurde das gesamte generationsübergreifende Muster vor langer Zeit von einem bösen Geist bewusst konzipiert. Wer weiss. Aber es bedarf keines bösen Geistes oder eines bewussten Plans, um es aufrechtzuerhalten. Es ist wie ein Malware-Programm, das das gesamte System übernommen hat und sich endlos und autonom abspielt. Seinen Urheber hat es dabei längst vergessen.
Die Generationsmuster bilden den Kreislauf des Traumas. Aber sie sind nur ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Verkommenheit. Meine folgenden Essays in dieser Reihe untersuchen die Urkräfte der menschlichen Sozialpsychologie, archetypische Dramen, rituelle Magie und morphische Felder, die sich über Zehntausende von Jahren angesammelt haben. So dunkel sie auch sein mögen: Wenn wir sie verstehen, haben wir Hoffnung. Wir sind dann handlungsfähig. Wir wissen, wie wir zu einer Welt beitragen können, in der solche Dinge nie wieder geschehen.
Viele von uns empfinden Verzweiflung, wenn sie mit Informationen wie den Epstein-Akten konfrontiert werden. Diese Verzweiflung hat zwei Ursachen. Die erste ist die offensichtliche Macht der Täter, ihr Geld und ihre politische Position, ihr Einfluss auf Medien, Recht, Regierung, Religion, Technologie und so weiter. Dieser reicht aus, um jeden Widerstand zu brechen. Die zweite Ursache liegt tiefer. Es ist die Verzweiflung, die schreit: «Wie können Menschen einander so etwas antun?» - und die erkennt, dass auch ich ein Mensch bin. Es ist keine Kraft ausserhalb der Menschheit, die diese Gräueltaten begeht. Selbst wenn wir es schaffen, die Täter in eine andere Kategorie menschlicher Wesen einzuordnen, bleibt dennoch die Verzweiflung. Wir werden mit etwas konfrontiert, das Teil von uns ist und dem wir nicht entkommen können.
Die Verzweiflung beruht auf falschen Annahmen darüber, wie die Schöpfung funktioniert und was ein Mensch ist. Ironischerweise sind dies genau die Grundannahmen, die wir niemals ändern können. Erstens ist Macht nicht das, was uns gelehrt wurde. Die Welt unterliegt kausalen Einflüssen, die weit über die Machtinstrumente der Eliten hinausgehen. Wir können uns einer grösseren Intelligenz anschliessen – Shoshana nennt sie Geist –, die uns zu aussergewöhnlicher kreativer und transformativer Kraft führt.
Zweitens ist die menschliche Natur nicht festgeschrieben. Was wir als menschliche Natur bezeichnen, hat sich entwickelt, damit darin die Dramen geschehen können, die für die Evolution nötig sind. Wenn jemand wie Shoshana heilt, leistet sie einen grossen Dienst – nicht nur für sich selbst, sondern für die Menschheit. Sie entfernt einen Faden der menschlichen Natur aus dem Gewebe und ersetzt ihn durch einen völlig anderen.
Shoshana hat kein Verlangen danach, die Täter der Epstein-Akten am Galgen baumeln zu sehen. Unser Gespräch endete mit einem Gebet: «Möge deine Heilung durch die Zeit zurückwirken, um deine Vorfahren zu heilen. Möge sie sich nach vorne ausbreiten, um deine Nachkommen zu heilen. Möge sie nach aussen strahlen, um die Welt zu heilen.»
Unabhängig davon, ob Ihre eigene Theorie des Wandels es erklären kann, haben Sie wahrscheinlich schon einmal Dankbarkeit empfunden – nicht nur Bewunderung oder Respekt, sondern echte Dankbarkeit für die Heilung eines anderen Menschen. Dieses Gefühl entspringt einer tiefen Weisheit. Es erkennt die Grosszügigkeit der Seele an, die solche Schrecken auf sich nimmt, damit sie für immer aus dem Kreislauf entfernt werden können.
Dies ist eine andere Art von Macht. Während wir uns mit Macht im üblichen Sinne auseinandersetzen, sollten wir auch mit dieser Art von Macht verbunden bleiben. Sie ist keine Ablenkung. Sie ist kein Umweg. Sie macht uns mutig und unerschrocken, wenn wir uns mit dem Schlimmsten konfrontieren, was Menschen getan haben, und sie zeigt uns, wie wir darauf reagieren können.
Übersetzt von Christa Dregger, Ingrid Suprayan und dem Team von «Charles Eisenstein auf deutsch».