Wo bitte geht es zur Sicherheit? / 6
Zum Thema der neuen Zeitpunkt-Ausgabe «Das Ende der Gewissheit» stellten wir unseren LeserInnen diese Frage. Aus den vielen Antworten können wir nur eine kleine Auswahl gekürzt ins Heft aufnehmen. Hier kommen ausführlichere Antworten. Danke für Ihre Gedanken und Beiträge!
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Das Eis der Sicherheit schmilzt - was kommt darunter zum Vorschein?

...Der neue Zeitpunkt «Das Ende der Gewissheit» erscheint am 19. Februar. Sie können ihn für Fr./€ 10.– statt 15.- bestellen. Das Angebot ist gültig bis 16. Februar.


Wenn sicher nicht sicher ist

«Es gibt keine Sicherheit.»

«Sicherheit eine Illusion, die in jedem Moment verschwinden kann»

Ganz praktisch gesehen, hat das Erleben von Sicherheit für unser Nervensystem  oberste Priorität. Erfährt es subjektiv zu wenig davon, schaltet es in den Kampfoder Fluchtmodus, und wir sind nur noch sehr eingeschränkt in der Lage, uns gut  wahrzunehmen und offen zu kommunizieren. Dieser Zustand ist so weit verbreitet  wie unangenehm. Er bedeutet Anspannung. Wohl auch deshalb gibt es eine Fülle  von Möglichkeiten der Ablenkung wie Arbeit, Shopping, Sex, Hobbys,  Substanzenmissbrauch, Medienkonsum …

Abgesehen von wenigen Naturvölkern hat die Menschheit mit einem kollektiven  Entwicklungstauma zu tun, weil das intuitive Wissen um artgerechtes Aufwachsen  weitgehend verloren gegangen ist. Wirtschaft und Machtapparat geben den Takt  vor; wer überleben will, muss funktionieren, und das will früh gelernt sein.

Gemessen daran, was unserer Entwicklung förderlich wäre, haben Babys bereits in  den ersten Wochen ihres Lebens genug Stress verinnerlicht, um später einem Heer  von Psychotherapeuten ein sicheres Auskommen zu bescheren.

Die erwähnten Formen der Kompensation halten die Konsumgüterindustrie am  Laufen und uns einigermassen bei Laune. Unser Nervensystem lässt sich jedoch  nicht bestechen und erlebt bzw. reinszeniert das stressende Echo immer wieder  neu. Und solange wir nicht lernen, wie wir uns als Erwachsene selbst regulieren  können, nehmen wir die Aussenwelt her, um uns abzureagieren. Obwohl viele  zumindest ahnen, dass es zu nichts führt, ausser zu neuem Stress. Kompensation in Form von politischem Engagement hat den Vorteil, dass wir uns  mit Gleichgesinnten verbünden können. Nichts gegen Politik, die demokratische  Gesellschaft braucht Engagement und Diskurs. 

Wirklich reif wird das Treiben  freilich erst, wenn der Blick auch nach innen geht. Dann stelle ich vielleicht fest,  dass ich durch meinen Kampf nicht zuletzt meine eigenen Ängste besänftigen oder  für mich etwas erreichen möchte, das mir schon immer verwehrt blieb. Oder dass  mir eine stimmige Identität fehlt, die ich in der Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder  einer Ideologie suche – aber dort niemals finden werde, weil es eine geborgte  Identität wäre. Eine Scheinsicherheit, die verbunden mit Fanatismus in der  Geschichte häufig zu grossem Unheil geführt hat.

Was unterstreicht, wie sinnvoll es ist, seine Innenwelt zu pflegen. Wer  selbstverantwortlich seiner eigenen Identität auf der Spur ist, findet in sich eine  Sicherheit, die kein Machtapparat bieten kann. Was entlang dieses  Entwicklungsweges noch auftaucht, sind Menschen auf einer ähnlichen Wellenlänge. Es wird kein Gegenüber gebraucht, um eigene Versäumnisse  auszuagieren; Verbindung und Autonomie können gleichzeitig wachsen.Solche Kontakte erweisen sich als erfüllend und tragfähig – die Sicherheit, die sie  vermitteln, vertieft die gefühlte Sicherheit noch. Das Nervensystem entspannt.

Gefahrlos kann ich Ansichten äussern, die andere nicht teilen, und umgekehrt. Es  braucht keine Defensivreaktionen mehr, ich werde gesehen und sehe. Ich habe die  Gewissheit, dass ich im Kreis dieser Menschen sein kann wie ich bin. Das ist  Glück. Regulation. Und besonders in Zeiten dauerhaften Alarmismus’ ein sicherer  Hafen.

Es ist eine transformierende Erfahrung: Aus der Erwachsenenperspektive  betrachtet, ist das Echo frühkindlicher Trauma-Ereignisse keine Bedrohung mehr. Einst notwendiges Anpassungsverhalten, das heute einem selbstwirksamen und  lebendigen Dasein im Wege, lässt sich verstehen, würdigen und damit  entmachten.

Reguliert sein heisst, auf Reize von innen und aussen adäquat reagieren zu  können, ohne ins Drama abzudriften. Mit sich und dem Gegenüber in Verbindung  zu bleiben, trotz Meinungsverschiedenheiten. Wer in sich ruht, ist schwer zu  manipulieren oder aus der Bahn zu werfen.

Was mich selbst betrifft, so habe ich ein recht verlässliches Gespür für Stimmigkeit  entwickelt. Zu einem politischen Lager zähle ich mich nicht. Meine Haltung deckt  sich mal mit der einen, mal mit der anderen Parteilinie, gerne auch mit keiner. Auch  ich habe manchmal Angst vor dem lauten Kriegsgeschrei und den elitären  Bestrebungen nach Oligarchie und Meinungstotalitarismus. Letzteren kenne ich  aus meiner Herkunftsfamilie nur zu gut. Heute bin ich so frei, Beziehungen  achtsam, herzlich und selbstverantwortlich zu gestalten – und das wird wohl auch  ein wenig auf die Aussenwelt wirken. 

Mit Sicherheit.


Klaus Rentel gibt Seminare zur persönlichen Entwicklung mit dem Schwert und  Einzelbegleitung in traumabedingter Stresslösung (NeuroRegulation).
www.klausrentel.com
 

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