Natürliche Power für das Immunsystem
Die Arbeit, die unser Immunsystem leistet, kann mit relativ einfachen, natürlichen Mitteln unterstützt werden. Das stärkt unsere Abwehrkräfte nachhaltig.
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Gute Wirkstoffe kommen nicht zwingend in Form von Pulvern und Pillen. Bild: Shutterstock

Mit jeder Grippewelle – und insbesondere zu Zeiten von Corona – bekommt unser Immunsystem endlich einmal die Aufmerksamkeit, die es verdient. Seine Aufgabe ist es schliesslich, uns mit Hilfe von Antikörpern vor all dem zu schützen, was eine Krankheit in uns auslösen könnte: Viren und Mikroorganismen wie Pilze oder Bakterien. Je effektiver ein Immunsystem arbeitet, desto gesünder der Mensch – und vice versa.

Der Indikator für die Leistungsstärke des hochkomplexen Immunsystems ist die Schnelligkeit und Treffsicherheit der individuellen, so genannten Immunantwort auf alle Stoffe, die körperfremd und deshalb möglicherweise feindlich sind. Wir können unser Immunsystem bei dieser Arbeit unterstützen oder es aber ausbremsen. Das ist die Herausforderung, denn für Abwehrkräfte gilt dasselbe wie für gesunde Ernährung: Obwohl wir theoretisch genau wissen, was gut tut und was nicht, hoffen wir in der Praxis auf irgendeine Wunderpille, die unser schädliches Verhalten ausgleicht, ohne dass wir es ändern müssen. Die Pharma-Industrie verdient gut daran, diese Illusion aufrechtzuerhalten. Dabei wäre unserem Immunsystem schon geholfen, wenn wir ihm nicht ständig Steine in den Weg legen würden: in Form von Zigaretten und Alkohol, zu viel Fastfood, zu wenig Bewegung und zu wenig Schlaf.

Altbekanntes im Alltag

Eine gute Gesundheit und damit ein leistungsstarkes Immunsystem profitiert enorm von einer ausgewogenen Ernährung, die reich an Vital- und Ballaststoffen ist. Deren Wirkung kann noch erhöht werden, wenn wir unser Essen richtig gut würzen. Vor allem die Scharfmacher haben es in sich: Der in Chilis enthaltene Wirkstoff Capsaicin beispielsweise wirkt antibakteriell und zusätzlich, wie auch Ingwer und Kurkuma, entzündungshemmend.

Asiatisches Essen, das meist scharf gewürzt wird, ist nicht nur lecker – wenn man es verträgt – sondern auch ein echtes Pusher für die Abwehrkräfte. Wer es lieber heimisch mag, kann zu Senf, Radieschen, Meerrettich und Rettich greifen, die über die gesunden Scharfmacher Senfölglycoside verfügen.

Während bei Gewürzen im Grunde gilt: «Je mehr, desto besser», lässt sich diese Maxime nicht wahllos auf Nahrungsergänzungsmittel übertragen. Wer Mineralstoffe und Vitamine in Unmengen schluckt, tut sich damit nichts Gutes, im Gegenteil. Es ist wesentlich sinnvoller, bei Verdacht auf Mangelerscheinungen ein Blutbild erstellen zu lassen und dann gezielt und wohldosiert vorzugehen.

Gute Wirkstoffe kommen übrigens nicht zwingend in Form von Pulvern und Pillen. Sie können problemlos über das tägliche Essen zugeführt werden: Beeren mit ihrer Menge an Antioxidantien, Heilpilze wie Stachelbart und Shiitake, Keimlinge und Sprossen, Wurzelgemüse und hochwertiger Honig sind die Immunfreunde aus der Küche. Besonders Manuka-Honig ist sein Geld wert, denn er verfügt über Methylglyoxal, das antibakteriell wirkt.

Da eine gesunde Darmflora eine erhebliche Rolle für die Abwehrkräfte spielt, sind fermentierte Lebensmittel eine regelrechte Geheimwaffe: Kimchi, Miso und Tempeh aus der – wiederum – asiatischen Küche; Kefir und Naturjoghurt ohne Zusätze. Nicht zu vergessen unser altbekanntes, altbewährtes Sauerkraut, das vor Vitaminen und Mineralstoffen nur so strotzt.

Neben dem Essen spielt auch das Trinken eine grosse Rolle für die Stärkung des Immunsystems: ohne Zucker, ohne Alkohol, ohne Koffein – dafür reichlich. Denn die Schleimhäute, die eine erste Abwehrbarriere für eindringende Erreger darstellen, trocknen ohne ausreichende Flüssigkeit leicht aus und können dann nicht mehr ordentlich arbeiten.

Wer sich jetzt noch gelegentlich bewegt, nach Möglichkeit an der frischen Luft, hat die besten Karten, jeder Grippewelle zu trotzen. «Abhärtend» wirken auch kalte Duschen (siehe Wim Hof), Wechselduschen und heisse Fußbäder, idealerweise vor dem Schlafengehen.

 

Kräuter und Pflanzen: je wilder, je lieber

Noch mehr Wirkstoffe gefällig? Lassen Sie ab dem kommenden Frühling den Blick über Wald und Wiese wandern. Hier wachsen kleine Kraftpakete ohne Düngung, Spritzmittel oder genetische Optimierung, die das Immunsystem unterstützen. Wenn wir sie denn lassen und ihr nicht misstrauen. Der Wildpflanzen- und Baumexperte Dr. Markus Strauß spricht hier von einer «vertrauensvollen Kooperation», die uns Vorteile bringen könnte: «Die zuvor massiv ausgegrenzte Natur sollte wieder in unsere selbstverständliche Alltagskultur hereingeholt werden.»

Laut ihm ist es ganz einfach, die Kräfte der Natur in unser Leben zu holen: über die Ernährung, wie schon dargestellt, aber auch über Haut und Luftwege. Wenn wir im Wald spazieren gehen, profitieren wir auf mehreren Ebenen: Wir atmen die ätherischen Öle der Kieferngewächse ein, unsere Schleimhäute werden durch die Waldluft befeuchtet, und die Stille, die Farbe Grün und die Nähe der Pflanzen wirkt auf uns. Je länger wir uns im Wald aufhalten, desto stärker der Anstieg der Anzahl der T-Helferzellen im Blut.

Bei der Ernährung gilt für Strauß das Credo: «Jeden Tag etwas Wildes!» Er unterteilt die Immunbooster der Natur in 13 Gruppen. Dazu gehören ätherische Öle wie das Thymol in Thymian, das schleimlösend, entkrampfend und keimtötend wirkt. Die Farbstoffe der Pflanzen, die so genannten Flavoine, wirken antioxidativ; besonders Anthozyane, der dunkelrote bzw. blauviolette Farbstoff in Johannis- und Heidelbeeren,stärkt die Abwehrkräfte.

Zu den 13 Gruppen gehören auch Schleimstoffe, wie sie in Flohsamenschalen oder Leinsaat zu finden sind. Bitterstoffe, als Gesundheitsförderer längst etabliert, finden sich in grossen Mengen in Löwenzahn, in Wermutarten wie Beifuss oder auch in Salbei und Rosmarin.

Getrocknete Wildpflanzen in Form von Tee sind die bekannteste Methode, diese Wirkstoffe zu nutzen. Doch sie sind auch eine vertane Chance, denn erntefrisch ist ihre Wirkung am stärksten. Wenn sich die Gelegenheit bietet, meist im Frühling und Sommer, heisst es zugreifen.

Junge Brennnesseln lassen sich als Frischsaft geniessen, wie Spinat zubereiten (wobei sie mehr wertvolle Inhaltsstoffe als dieser aufweisen) oder in die Minestrone mogeln. Das oft ignorierte «Unkraut» am Wegesrand überrascht mit seiner Menge an Magnesium und Eisen; es entgiftet und entschlackt. Die Samen der weiblichen Pflanzen kann man trocknen und in Salate oder Müsli mischen. Im Herbst geht es dann um die Wurzel, die roh oder gekocht in Salaten und Gemüse verwendet werden kann – oder sogar geröstet als Kaffee-Alternative.

Holunder, zu Saft verarbeitet, entfaltet seine Wirkung in der kalten Jahreszeit als Suppe, die von innen heraus wärmt. Hagebutte und auch Sanddorn wachsen wild und weisen jede Menge Vitamin C auf. Sanddornsaft hilft bei Erschöpfung und zur Regeneration nach Krankheiten. Wer mag, kann regelmässig ein Stamperl als Immunbooster trinken.

Ebenfalls reich an Vitamin C ist die Brombeere, die darüber hinaus auch noch Vitamin E, B-Vitamine und Provitamin A aufweist, dazu Magnesium, Eisen, Zink, Mangan und Kupfer und dank der dunklen Farbe jede Menge an Anthozyane mit antioxidativer Wirkung. Noch nicht genug? Brombeerblätter enthalten neben den Flavonoide organische Säuren und Gerbstoffe. Ein Spaziergang im Wald in Kombination mit dem Sammeln der wilden Kraftpakete kann also unumwunden als Ideal der natürlichen Stärkung der Abwehrkräfte gelten.
 

Mentale Hemmnisse

Nun bewegen wir uns also reichlich in der freien Natur, duschen kalt, essen gesund und kauen wilde Kräuter – und nehmen trotzdem jeden Schnupfen mit? Das kann vorkommen, denn das Immunsystem reagiert zuverlässig auf Angst, Sorgen – und vor allem unseren Stress. Wenn wir in unserer Arbeit weder Erfüllung finden noch Wertschätzung erfahren; wenn wir zu Hause permanent streiten; wenn wir einen Kredit am Hals haben, der uns die Luft abschnürt, oder für kranke Angehörige sorgen … dann surfen wir garantiert auf jeder Grippewelle mit.

Der Körper holt sich dann die Erholung, die er braucht, indem er uns mit einer Krankheit zur Ruhe zwingt. Stress wird von vielen ExpertInnen sogar als Immunfeind Nummer eins identifiziert. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass wir mental positiven Einfluss nehmen können. Ein Mensch, der gelassen bleibt, genussvoll lebt und keinen Stress kennt, kann allein damit sogar die Folgen von Fehlernährung ausgleichen.

Autogenes Training, Yoga, Meditation … alles, was uns zur inneren Ruhe verhilft, stärkt auch unsere Abwehrkräfte. Dafür ist übrigens nicht entscheidend, wie lange wir den Ruhebringer unserer Wahl praktizieren, sondern wie regelmässig. Öfters mal ein wenig bringt unterm Strich mehr als gelegentlich sehr viel.

Wir können unser Immunsystem also unterstützen, wenn wir regelmässig mental ausspannen. In welcher Form das passiert, ist individuell: die einen erholen sich beim Sport, die anderen auf dem Sofa, wieder andere im Gesangsverein. Alles hilft, was den hektischen Geist auf angenehme Weise entschleunigt. Achten Sie auf sich und ziehen Sie die Reissleine, bevor Ihr Immunsystem in die Knie geht.


Quellen:

Dr. Markus Strauß: «Immunbooster Natur», «Die Waldapotheke» und «Die Wildpflanzenapotheke», aller erschienen im Knaur Verlag

Martina Pahr

Martina Pahr

Martina Pahr ist Magister der Literaturwissenschaft, verausgabte Fernsehredakteurin, ehemalige Reiseleiterin und leidenschaftliche Schrebergärtnerin. Nebenher veranstaltet sie diverse Lesebühnen in München (wo sich kaum jemand etwas unter diesem Begriff vorstellen kann - im Grunde «Poetry Slam» ohne Wettbewerb.) Im Sommer schreibt sie gern in Schottland, im Winter in Asien und zwischendrin im Garten - wo sie sich überlegt, warum sie nichts Anständiges gelernt hat. 

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