Am 3. Oktober 2026 fanden in Stuttgart und Berlin wieder grosse Friedensdemonstrationen statt. Über 300 Organisationen – meist aus dem linken Spektrum – hatten in Stuttgart unter dem Motto «Nein zu Hochrüstung, Wehrpflicht und Krieg! Für Frieden, demokratische Rechte und soziale Sicherheit!» dazu aufgerufen. Darunter auch die Initiative «Nie wieder Krieg», die auf ihrer Homepage schreibt: «Die Gefahr eines direkten Krieges mit Russland, sogar eines Atomkrieges, wird immer grösser. Deutschland wird kriegstüchtig gemacht. Die Regierung will, dass Deutschland erneut zur Führungsmacht wird. Deshalb soll die Wehrpflicht wieder eingeführt werden. Gesundheitswesen und Infrastruktur werden auf Krieg getrimmt, Meinungsfreiheit und demokratische Rechte eingeschränkt. Die Bundeswehr wird zur grössten Armee Europas hochgerüstet. Weitreichende Erstschlagwaffen werden entwickelt. Sie sind gegen Russland gerichtet und machen Deutschland im Kriegsfall zum bevorzugten Angriffsziel.Wir wollen keinen Krieg. Wir wollen Frieden. Dafür gehen wir am 3. Oktober 2026 in Berlin und in Stuttgart auf die Strasse.»
Damit spricht die Initiative die Themen an, die dann auch in den verschiedenen Redebeiträgen in Stuttgart vorkamen, etwa bei den Schülern, der «Generation Widerstand», die sich gegen die verpflichtende Musterung und Wehrpflicht aussprachen. Oder in der Videoansprache der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Kässmann, die darauf hinwies, dass historisch gesehen von deutschem Boden nur noch Friedensimpulse ausgehen dürften.
Kündigen die lokalen und regionalen Medien Friedensdemonstrationen im Vorfeld ausreichend an?
An der Demonstration in Stuttgart nahmen nach Aussagen der Veranstalter rund 15 000 Friedensfreunde teil. Wie schon im vergangenen Jahr fiel auf, dass ältere Teilnehmer in der Überzahl waren. Eine junge Teilnehmerin hatte nur über ihre Grossmutter, die entsprechend vernetzt ist, erfahren, dass eine Friedensdemonstration stattfindet, und kam dann auch zusammen mit ihr auf den Stuttgarter Schlossplatz. Das wirft die Frage auf, ob die lokalen und regionalen Medien im Vorfeld ausreichend über solche wichtigen demokratischen Gross-Ereignisse berichten. Es sieht nicht danach aus, obwohl eine Pressemitteilung an alle gängigen Medien verschickt wurde. Im Nachhinein gibt es dann schon Berichte, wie etwa vom Südwestrundfunk Tausende Menschen demonstrieren in Stuttgart für Frieden - SWR Aktuell oder – sehr sensationsorientiert – von der Südwestpresse hinter der Bezahlschranke: Friedensdemo in Stuttgart: Eklat bei Kundgebung – Vermummte stürmen Bühne von BSW-Politikerin | swp.de
Ging es allen Teilnehmern um Frieden?
Auch wenn jeder einzelne Teilnehmer sich noch so sehr nach dem Frieden auf der Welt sehnen mag und dafür sogar seinen freien Samstag opfert, hört für manche die diplomatische Verständigung anscheinend dort auf, wo eine andere Gruppierung oder Partei nicht genau ins eigene Meinungsspektrum passt. War es ein Mangel an Toleranz und gelebter Friedfertigkeit? Auf jeden Fall brachten es einige jüngere Vermummte am 3. Oktober 2026 in Stuttgart fertig, auf die Rednerbühne zu stürmen und eine bedrohliche Szene zu provozieren. Auf der Bühne sprach gerade die prominente Politikerin Sevim Dağdelen vom Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW).
Hierzu eine Erklärung des Vorbereitungskreises zur Friedensdemo: Erklärung und Bericht zum Zwischenfall auf der Friedensdemo am 3.10. - Friedensvernetzung Südwest. Sevim Dağdelen dazu: «Solche Störaktionen sollen wohl die Friedensbewegung in Misskredit bringen, aber die Friedensbewegung ist lebendig. Das sieht man hier in Stuttgart und ebenso in Berlin. Dazu zählen natürlich auch die Sozialproteste – wie die zweite Seite einer Medaille.» Die Politikerin hatte gegen den Polizeischutz nichts einzuwenden.
Ausgleichende Gruppierungen
Um dem Polarisieren, dem Schwarz-Weiss-Muster zu entkommen und um sich nicht in eine Ecke drängen zu lassen, braucht es gerade die Gruppierungen, die neutraler und offener agieren. So hatte etwa die Initiative «1 000 000 Unterschriften für den Frieden» einen Stand am Schlossplatz oder die Freie Friedensinitiative Stuttgart, die an den Friedensmahnwachen in Stuttgart beteiligt ist: mahnwache_stg_w.pdf. Hermann Merkle, im Vorstand von«pax christi» des Diözesanverbands Rottenburg-Stuttgart, holte auf dem Demozug durch die Stuttgarter Innenstadt dankenswerterweise die «Enzyklika Magnifica humanitas von Papst Leo XIV. über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz» aus seinem Rucksack hervor.
Der neue Papst habe der Friedensbewegung enorm den Rücken gestärkt, meinte er und las einem Mitdemonstranten und mir vor:
Ein entscheidendes Element der gegenwärtigen Lage ist das Wachstum der Rüstungsindustrie, die in einigen Ländern zu einem Schlüsselsektor der Wirtschaft geworden ist. Die enge Verbindung zwischen wirtschaftlichen Interessen, politischen Entscheidungen und Militärapparat schafft eine«bewaffnete Nation», in der Krieg fast wie eine natürliche Fortsetzung der Politik erscheint und der Rüstungsmarkt zu einer eigenständigen Triebkraft für kriegerische Entscheidungen wird. Wir dürfen die enormen wirtschaftlichen Interessen hinter dem Krieg nicht ignorieren. Die Rüstungsindustrie und die Länder, die Waffen liefern, profitieren von einem Markt, der gerade dank der Konflikte gedeiht. In diesem Sinne gibt es auch eine wirtschaftliche Logik, die dazu beiträgt, Spannungen in verschiedenen Regionen der Welt zu schüren.
Dieser Analyse des Papstes können vermutlich alle Friedensfreunde zustimmen, auch wenn sie für manche sicher aus einer völlig unerwarteten Ecke kommt.