Als im Sommer 1998 ein Boot mit rund 300 kurdischen Geflüchteten die Küste der kleinen kalabrischen Gemeinde Riace erreichte, ahnte wohl niemand, welche Folgen ihre Ankunft haben würde. Leerstehende Häuser wurden geöffnet, die Neuankömmlinge fanden eine Bleibe – und in einem von Abwanderung geprägten Ort entstand nach und nach ein Modell der Aufnahme, das Jahre später weit über Italien hinaus bekannt werden sollte.
Mittendrin war Domenico «Mimmo» Lucano. Damals war er Menschenrechtler, später wurde er Bürgermeister von Riace. Heute sitzt er für das italienische Bündnis Alleanza Verdi e Sinistra im Europaparlament. Seine Verbindung zur kurdischen Gesellschaft ist in all diesen Jahren geblieben. «Ich bin dank der Kurden Bürgermeister geworden», sagt Lucano heute rückblickend.
Im Gespräch mit ANF erzählt der italienische Politiker von der Begegnung, die seinen politischen Weg entscheidend mitprägte, von Abdullah Öcalans Aufenthalt in Italien im selben Jahr und davon, weshalb für ihn fast drei Jahrzehnte später die Freiheit des kurdischen Repräsentanten zu einer Voraussetzung für einen erfolgreichen Friedensprozess gehört.
«Meine Geschichte mit den Kurden begann in Riace»
«Eines Tages erreichte ein Schiff, ein Boot mit zahlreichen kurdischen Geflüchteten aus der Türkei, dem Irak, Iran und in geringerer Zahl aus Syrien Riace, meine Gemeinde», erinnert sich Lucano. Er sei damals politischer Aktivist gewesen und habe sich von Beginn an mit den Anliegen der Kurden und Kurdinnen verbunden gefühlt. Viele der Geflüchteten blieben etwa zwei Jahre in dem kleinen Ort.
«Wir stellten ihnen die leerstehenden Häuser zur Verfügung. Gemeinsam mit ihnen lernte ich die politischen und gesellschaftlichen Forderungen des kurdischen Volkes und seinen Kampf um Freiheit kennen.» Die Begegnung veränderte nicht nur Riace. Sie prägte auch Lucanos weiteren politischen Weg. Zu jener Zeit hätten die Menschen im Ort kaum etwas über Kurden und Kurdinnen und die Kurdistanfrage gewusst.
«Ich wurde Bürgermeister, und daran hatten auch dieser politische Kampf und die Begegnung mit einem Volk grossen Anteil, von dessen Existenz zuvor kaum jemand in meinem Dorf etwas wusste. Ich spreche von einem Volk, das Jahre zuvor mit einem Segelboot gekommen war und die Küste meiner Gemeinde erreicht hatte.» Lucano bringt diese Verbindung in einem Satz auf den Punkt: «Ich bin dank der Kurden Bürgermeister geworden.»
Eine Begegnung im Jahr von Öcalans Ankunft in Italien
1998 wurde noch aus einem anderen Grund zu einem entscheidenden Jahr in den Beziehungen zwischen Italien und der kurdischen Bewegung. Wenige Monate nach der Ankunft der Geflüchteten in Riace kam Abdullah Öcalan nach Italien. Lucano blickt kritisch auf die damalige Rolle der italienischen Politik zurück. Nach Öcalans Ankunft seien politische Vereinbarungen getroffen worden, deren Folgen schliesslich zu seiner Verschleppung aus Kenia und seiner Inhaftierung auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali geführt hätten.
«Als Öcalan nach Italien kam, wurden später bestimmte politische Absprachen getroffen, und im Grunde wurde Öcalan getäuscht. Das habe ich von kurdischen Freunden erfahren, mit denen ich diese Zeit erlebt habe», sagt Lucano. «Später wurde er in Kenia gefangen genommen. Ich denke, dass auch die italienische Politik damals Verantwortung für diese Entwicklung trug.»
Trotz der jahrzehntelangen Haft habe Öcalan seine Verbindung zum Freiheitskampf der kurdischen Gesellschaft bewahrt: «Seitdem hat er seine Freiheit nicht wiedererlangt. Trotzdem hat er gemeinsam mit dem kurdischen Volk weiter für die Vorstellung von Freiheit gekämpft. Auch ich wurde zu einem Menschen, der diese Ideale teilt.»
«Öcalan muss einer der zentralen Akteure sein»
Heute verfolgt Lucano den Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft, der durch Öcalans Aufruf vom 27. Februar 2025 angestossen wurde. Einen grundlegenden Widerspruch sieht er zwischen Öcalans Rolle in diesem Prozess und seinen weiterhin bestehenden Haftbedingungen. «Man kann nicht von einem Friedensdialog sprechen, solange Öcalan im Gefängnis sitzt», sagt Lucano. «Er müsste einer der zentralen Akteure dieser Auseinandersetzung mit der Türkei sein.» Nach Auffassung des Europaabgeordneten muss Öcalan deshalb frei an dem Prozess teilnehmen können.
Die Frage seiner Haftbedingungen hat zugleich eine europäische rechtliche Dimension. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) stellte bereits 2014 fest, dass eine erschwerte lebenslange Freiheitsstrafe ohne realistische Aussicht auf Entlassung gegen das Verbot unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung verstösst. Die Umsetzung des Urteils steht weiterhin unter Aufsicht des Ministerkomitees des Europarats.
«Ich bin bereit, für Öcalans Freiheit einzutreten»
Lucano zieht eine Parallele zwischen Öcalan und Nelson Mandela, der nach 27 Jahren Haft zu einer zentralen Figur beim Übergang Südafrikas aus dem Apartheidsystem wurde. Dabei formuliert Lucano seine eigene Position unmissverständlich: «Öcalan ist unschuldig, er hat nichts getan und kämpft für sein Volk. Wie Nelson Mandela ist er ein aussergewöhnliches Beispiel.»
Als Europaabgeordneter wolle er seine politische Position nutzen, um die Forderung nach Öcalans Freiheit zu unterstützen: «Ich bin bereit, gemeinsam mit unserer politischen Gruppe und aus meiner Position als Parlamentarier heraus dafür zu kämpfen und gemeinsam mit den Kurden für die Freiheit Öcalans einzutreten.»
Fast drei Jahrzehnte liegen damit zwischen jenem Boot an der Küste Kalabriens und Lucanos heutiger Arbeit im Europaparlament. Für ihn selbst gehören beide Stationen zu derselben politischen Geschichte: Sie begann mit kurdischen Geflüchteten in Riace – und führte zu einer Verbindung, die nach seinen Worten bis heute fortbesteht.