Wo bitte geht es zur Sicherheit? / 3
Zum Thema der neuen Zeitpunkt-Ausgabe «Das Ende der Gewissheit» stellten wir unseren LeserInnen diese Frage. Aus den vielen Antworten können wir nur eine kleine Auswahl gekürzt ins Heft aufnehmen. Hier kommen ausführlichere Antworten. Danke für Ihre Gedanken und Beiträge!
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Das Eis der Sicherheit bricht... was kommt darunter zum Vorschein?

...Der neue Zeitpunkt «Das Ende der Gewissheit» erscheint am 19. Februar. Sie können ihn für Fr./€ 10.– statt 15.- bestellen. Das Angebot ist gültig bis 16. Februar.


Gewissheit

Meine GEWISSHEIT ist die Verankerung in mir Selbst – in meiner Gemeinschaft – in der Welt
Gewissheit kann ich nicht geben – ich kann sie nur leben 
Gewissheit zeigt sich in meiner ‘Erdung’ und ‘Bodenhaltung’ 
oder aber in meinem ‘freien Flug’ …

Gewissen 

Mein Gewissen weiss immer, ob ich mich richtig oder falsch verhalte – ist Basis und Ausdruck von meiner persönlichen Haltung 
Mein Gewissen verankert und orientiert mich in der Kultur meiner Gemeinschaft 
Mein Gewissen qualifiziert mich als Subjekt meiner Handlungen

Wissen 

Wissen ist eine objektivierende Hilfskonstruktion meines Denkens und Fühlens zur praktischen / pragmatischen Orientierung in meiner aktuellen – für mich relevanten – Welt
Wissen gilt genau so lange, als es nicht durch mich oder andere oder ‘die Umstände’ falsifiziert wird
Wissenschaften helfen mir, mein Wissen zu aktualisieren und funktional zu optimieren
Erfahrung kann Wissen vorübergehend zu relativer/vorläufiger Gewissheit erheben

Glauben

Glauben verabsolutiert vorübergehendes, relatives und vorläufiges Wissen zu allgemein gültiger Gewissheit 
Glauben verfügt damit über mich Selbst – über uns – über die Welt 
«Macht Euch die Erde Untertan!»

Intuition

Ich bin mir bewusst, dass «ich nichts weiss» und öffne mich den Stimmen der Welt 
Ich stelle mir Selbst – uns – der Welt meine Fragen und höre genau hin
Ich sammle alle Eindrücke, Eingebungen, Inspirationen, Ein- und Ausführungen und
lasse sie sich integrieren und kommunizieren 
    zu neuen Fragen …

Vertrauen

Vertrauen ist meine grundlegende Verbindung mit all dem, was mich Selbst – meine Gemeinschaft – mein Teil-Sein eines Ganzen (der Welt) ausmacht, ob von Geburt auf oder gesellschaftlich erworben 
Vertrauen sagt ja zu dem was ist und nimmt es partnerschaftlich an als Ausgang 
für alles, was ich im Leben realisieren kann und will 
    ist die höchste Form von Gewissheit

Sicherheit

Echte Sicherheit ergibt sich nur aus / im Vertrauen
«Sicherheit» im allgemeinen Sprachgebrauch ist in der Regel 
ein HILFESCHREI aus mangelndem Vertrauen
«Sicherheit» herzustellen, zu garantieren, zu verlangen 
bricht automatisch vorhandenes Vertrauen 
und damit die Basis für Vertrauen und echte Sicherheit
Wozu also die Klage über das Ende der Gewissheit ?
Welche Gewissheit gab es denn, die verloren gegangen wäre ?

Gewiss gab es zeitweise lokale «Gewissheiten», welche in unsicheren Umständen angerufen werden konnten und so verängstigten Menschen einen gewissen äusseren Halt – sogenannte «Sicherheit» – vermitteln konnten.

Und es gibt diese immer noch im Kleinen und auf diversen Ebenen; aber immer wieder und gerade aktuell werden sie auf höheren Ebenen gesellschaftlicher Allgemeinheit und besonders auf «globaler» Ebene radikal verunsichert, weil dort Vertrauen nicht nur verloren gegangen, sondern aktiv zerstört wurde und wird 
– zugunsten von «Sicherheit»

So zeigt sich, dass «Sicherheit» (und der Ruf danach) zum reinen Herrschafts-Instrument verkommen ist, um partikuläre Interessen gegenüber «verunsicherte» Menschen und Gemeinschaften durchzusetzen. Wohlfeile Pseudo-«Gewissheiten» werden systematisch propagiert und gleichzeitig wieder vernichtet, um jedenfalls zu verhindern, dass sich Vertrauen im Grossen wie im Kleinen herausbilden und wachsen könnte.

Der Ruf nach «der Gewissheit» ist also völlig verfehlt und fördert nur die Schwächung von Vertrauen auf allen Ebenen. Wir müssen uns besinnen auf unsere eigenen kleinen Gewissheiten, die aus unserem eigenen lokalen Vertrauen ins Leben erwachsen können, um dieses der grossen Verunsicherung entgegenzuhalten.

Ausgehend von unseren «lokalen» Erfahrungen und ihrer Verhandlung und Verwandlung auf jeder höheren Ebene der Vergesellschaftung können wir unser eigenes Vertrauen und unsere diversen «Gewissheiten» weiterentwickeln 
– auf allen erreichbaren Ebenen mit Anderen fragend und zuhörend kommunizieren
– und dabei wieder das Ganze in den Blick nehmen.

Unser Vertrauen ins Leben – unser eigenes – unser gesellschaftliches – unserer Mitwelt – und unsere achtsame Zuwendung werden entscheiden, wie wir als Menschen und als Menschheit auf diesem Planeten weiterhin leben werden. 

Hans Pierrot

www.integrale-politik.ch
 

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